Kunstkalender mit nackten Kerlen "Ich habe mich verkauft"

Sie ist jung und Kunststudentin, also braucht sie Geld und weiß: Sex sells. Für Verena Issel, 27, zogen zwölf Kommilitonen blank. Im Interview erklärt sie, was ihr Aktkalender mit der Wirtschaftskrise zu tun hat, warum ein Hase verstört reagierte - und wer ihr Favorit unter den "ArtBoys" ist.

Kathrin Brunnhofer

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einen Kalender mit nackten Hamburger Kunststudenten gestaltet. Wozu braucht die Welt das?

Verena Issel: Der Kalender ist ein Kommentar zur Wirtschaftskrise. Für uns Künstler hat sich die Situation verschärft: Der Kunstmarkt ist eingebrochen. Viele von uns müssen jetzt Aufträge annehmen, die sie innerlich ablehnen. Auch ich, als Künstlerin, die normalerweise Reliefs und Installationen gestaltet, habe mich mit dem Kalender verkauft: Er ist ein direktes, massenvermarktbares Produkt. Sex sells.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den Kalender "ArtBoy 2010" für die Hochschule für bildende Künste in Hamburg entworfen.

Issel: Er gehört zu meinen Jahres-Arbeiten. Ich habe mich aber entschlossen, nur ihn auszustellen. Ich habe den Kalender nicht - wie es üblich gewesen wäre - im Kunstraum präsentiert.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Issel: Ich habe ihn verkauft. Im Uni-Flur.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Ihre Professoren darauf reagiert?

Issel: Sie waren die ersten Kunden, besonders die weiblichen haben zugegriffen. Sie fanden die Idee gut.

SPIEGEL ONLINE: Es ist beileibe nicht der erste Kalender mit nackten Studenten, in den vergangenen Jahren gab es etliche davon. Warum waren die Professoren trotzdem von Ihrer Idee angetan?

Issel: In dem Kalender geht es nicht nur um Hintern, sondern auch um Kunst. In den Bildern verstecken sich Hinweise auf die Kunstgeschichte, etwa auf den toten Hasen von Beuys und das schwarze Quadrat von Malewitsch im Aprilmonat.

SPIEGEL ONLINE: War es schwer, die männlichen Modelle zu überzeugen?

Issel: Die meisten waren sofort einverstanden. Sie haben ein entspanntes Verhältnis zu ihren Körpern.

SPIEGEL ONLINE: Wie war's bei den Shootings?

Issel: Überhaupt nicht peinlich. Wir haben darauf geachtet, dass es pietätvoll abläuft, haben vorher lange über alles gesprochen. Es gab Pausen, Decken und Bademäntel. Wir hatten wenig Zeit, nur sieben Tage, sind erst einen Tag vor der Ausstellung fertig gewesen. Zwei Freundinnen haben mir geholfen: Kathrin Brunnhofer hat die Fotos geschossen, Julia Gordon die Grafik gestaltet. Wir haben in Werkstätten und Ateliers der Kunsthochschule fotografiert, unter freiem Himmel und in einer Metallschlosserei.

SPIEGEL ONLINE: Und haben sich die Studenten geschickt angestellt?

Issel: Sehr gut. Den einzigen Trubel hat ein Hase veranstaltet, den ich für die Aufnahmen gemietet hatte. Er war verstört, dass ein nackter Mann in seiner Nähe war, und hat ihn gekratzt. Mit Möhren haben wir ihn ruhig gekriegt.

SPIEGEL ONLINE: Wie erotisch ist der Kalender?

Issel: Das darf jeder für sich selbst entscheiden. Gute Kunst schreibt den Leuten nicht vor, was sie sehen sollen. Humor, Ironie ist ein zentrales Element des Kalenders. Wir haben bei den Posen oft gelacht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Angst, jetzt als Erotik-Künstlerin abgestempelt zu werden?

Issel: Ich bin daran gewöhnt, dass man als Künstler oft falsch verstanden wird. Das halte ich aus. Es ist aber meine vorerst letzte Arbeit in der Richtung. Danach widme ich mich wieder meinen Installationen.

SPIEGEL ONLINE: Also wird es keinen "ArtGirl"-Kalender geben?

Issel: Nein. Der wäre sowieso witzlos. Nackte Frauen gibt es in der Öffentlichkeit viel zu viele. Deshalb habe ich mich in dem Kalender auf Männer fokussiert.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Lieblings-Boy?

Issel: Ja, das Dezember-Modell. Der ist mein Freund.


ArtBoy Kalender 2010, Textem Verlag 2009, 21 Euro

Das Interview führte Merle Schmalenbach



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