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Schaf unter der Guillotine: Kopflos in den Kunstskandal

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Kunstaktion um Schaf "Norbert" Kopflos in den Skandal

Ein Schaf in Todesgefahr, eine Guillotine und ein Web-Vote - mit ihrer Drohung, Hammel "Norbert" zu köpfen, haben es Iman Rezai und Rouven Materne auch international in die Nachrichten geschafft. Wie kreiert man einen Hype? Vor allem aus den Fehlern der beiden Studenten lässt sich vieles lernen.

"Allet Bekloppte, früher hätte es dit nich jejeben", sagt der Taxifahrer auf dem Weg zum Atelier von Kunststudent Iman Rezai in Berlin-Hohenschönhausen. Der Mann sagt, was er von Studenten hält, die meinen, für die Kunst könnte man ein Tier töten: "Perverse sind dit."

Auf dem Armaturenbrett des Taxis liegt der "Berliner Kurier", die Boulevardzeitung war Mitte April erster Verbreiter einer folgenschweren Nachricht : Zwei Studenten der renommierten Universität der Künste (UdK) wollen mit einer Guillotine ein Schaf hinrichten. Und es kommt noch schlimmer: Auf der Webseite zur Kunstaktion "Die Guillotine"  darf jeder abstimmen, ob die Kunststudenten das Fallbeil sausen lassen sollen - an Himmelfahrt, am Vatertag. Das auflagenstarke Blatt empörte sich, gemeinsam mit seinen Lesern.

Große Aufregung. Kalkulierte Aufregung. Iman Rezai , 31, sitzt auf einem durchgesessenen Sofa in einem kargen Atelierraum im vierten Stock eines weitgehend leeren Backsteinbaus. Vor sich ein flacher Einkaufswagen, darauf eine blubbernde Schisha. Er ist jetzt ein gefragter Künstler, auch wenn ihm das viele absprechen wollen. Mit seinem Uni-Kumpel Rouven Materne , 23, hat er zwei Monate lang an einer Guillotine gebaut, mit der sie einem Schaf den Kopf abschlagen wollen, wenn es die Netzgemeinde so entscheidet - alles verkauft als gesellschaftskritische Kunstaktion.

"Was gibt es besseres für eine Künstlerbiografie?"

Beide sind Studenten in der Meisterklasse von Leiko Ikemura, einer japanisch-schweizerischen Kunstprofessorin, und gehören damit zu einem erlauchten Kreis: Nur eine Handvoll Studenten nimmt die UdK in eine solche Klasse auf. Die Uni sah im Auswahlverfahren für die Meisterschüler bei beiden das Potential, große Kunst zu schaffen.

"Mut, Kraft und Kreativität braucht man. Du musst ein Macher sein, damit sie dich nehmen", sagt Rezai. "Aber offenbar nicht zu viel", sagt Materne. Die Uni habe ihnen Druck gemacht, gedroht, sie werde sie aus dem Studium werfen - was die Uni allerdings bestreitet. Rezai grinst ein Gewinner-Grinsen. "Sollen sie mich rauswerfen. Was gibt es besseres für eine Künstlerbiografie, als von der Kunst-Uni geflogen zu sein?"

Haben sie das Schaf noch? Wo steht die angeblich bereits teuer verkaufte Guillotine? Bringen sie das Schaf um? Die Studenten geben keine Antworten. Ihre Universität und ihre Professorin sagen, sie glauben nicht, dass ein Tier zu Schaden kommen wird. War also alles nur ein gut gemachter Fake?

Von Rezai und Materne können Kunststudenten, die auf einen schnellen Erfolg aus sind, viel lernen. Wie einfach es ist, ein Skandälchen zu inszenieren. Aber auch, wie man Fehler vermeidet, die die beiden begangen haben.

Der Unispiegel zeigt, wie man sich in fünf Schritten einen Hype baut - und welche Gefahren darin lauern (Klicken Sie auf die Überschriften):

Schritt eins - Provokation: Das Internet bringt ein putziges Tier um!

Man nehme: ein Tier, je niedlicher und unschuldiger desto besser. Im aktuellen Fall ein kastrierter Schafsbock der Rasse Ouessant, Projektname "Norbert". Gibt's für 60 Euro im Internet, inklusive Transportkiste, versichern die Kunststudenten. Außerdem eine politisch aufgeladenes Tötungsinstrument, in diesem Fall eine selbstgebaute Guillotine, deren Vorgänger vielen berühmten Leuten von Marie Antoinette bis Sophie Scholl den beilschnellen Tod brachte.

In ist es derzeit außerdem, was mit Internet zu machen. Also stellt man die Entscheidung über Töten oder nicht Töten zur Abstimmung im Netz. Angenehmer Nebeneffekt: Man kann wie Materne und Rezai immer sagen, "Wir tun ja gar nichts." Es sei eine demokratische Entscheidung. Einen Tag vor Ende votierte eine deutliche Mehrheit gegen den Schafstod.

So wie es die Künstler erzählen, kam das Projekt zufällig zustande. Materne wollte eine Guillotine bauen, Rezai schlug die Internetabstimmung vor. Weiter reichte der Plan am Anfang gar nicht, alles was danach kam, war eine Überraschung, sagen beide.

Gefahr dabei:

Zögen sie ihre Aktion wirklich bis zum Ende durch, droht Ärger mit der Justiz. Grundlos ein Wirbeltier zu töten steht unter Strafe und ist von der Kunstfreiheit nicht gedeckt. Das haben Gerichte immer wieder so entschieden. Hinzu kommt: Ist der Mix aus provokativen Elementen zu beliebig, lässt das viele Leute ratlos zurück. Alles bloße Effekthascherei?

Materne und Rezai sagen, ihr Projekt sei Demokratiekritik. Weltweit würden von demokratischen Systemen Kriege geführt, legitimiert durch Parlamente, auch durch den deutschen Bundestag. Stimmt zwar - aber wer dann auf die Frage, was man dagegen tun kann, nur sagt, dass Demonstrationen nichts nützen und ansonsten die Schultern zuckt, der wirkt nicht besonders sattelfest.

Schritt zwei - Medien einschalten: Seht es an, unser perverses Projekt

"Wir sehen das Experiment als bislang erfolgreich an", sagt Materne vor der angeblich möglichen Hinrichtung des Schafes. Entscheidend ist demnach gar nicht die vermeintliche Botschaft, denn die ging in fast allen bisherigen Berichten unter.

Ihre Pressearbeit nahmen die beiden nicht selbst in die Hand, sie läuft über eine kleine Berliner Agentur, die sonst in Mode macht. Dort entschied man mit den beiden Künstlern, zuerst an die lokale Boulevardpresse heranzutreten.

Eine Sprecherin der Agentur sagt, sie und die Künstler hätten die Informationen bewusst zuerst an den "Berliner Kurier" gegeben. Am 22. April schrieb die Zeitung auf ihrer Webseite, am Folgetag in der gedruckten Ausgabe, über die geplante Online-Abstimmung und die mögliche Tötung von "Norbert". Dem Schaf blieben noch 24 Tage, dann käme das "perverse Projekt" so oder so zu einem Ende. In dem ersten Statement der Künstler an den "Kurier" gab es keine richtige Botschaft. "Das, was getan werden muss, wird dir diktiert von der Kunst", sagt Materne. Rezai sagt, es sei seine "Pflicht", das Experiment durchzuziehen, "da gibt's nicht mehr warum, weshalb".

Gefahr dabei:

Wer sich nicht genau überlegt, was er will und was er macht, dem kann ein solches Gesamtkunstwerk schnell entgleiten. Leiko Ikemura, die Professorin der beiden, wurde vom Projekt ihrer Studenten kalt erwischt. Gezimmert hatten Rezai und Materne die Guillotine in den Semesterferien, das Youtube-Video  zum Projekt ging online, kurz bevor Ikemuras aus Japan zurück nach Berlin kam.

Nach einem ersten Gespräch billigte sie den beiden zu, gesellschaftskritisch gearbeitet zu haben. Ihre Studenten hätten "die Medienwelt interaktiv bewusst mitgenutzt". Sie habe aber auch auf die ethische Verantwortung eines Künstlers hingewiesen und ihnen geraten, "das Ganze in Kunstkontext zu erörtern".

Schritt drei - Geheimnistuerei: Keine Antworten, keine Beweise, nirgends

Zum Verbleib des Schafes sagten die beiden auch drei Tage vor der angeblich von einer Abstimmung abhängenden Enthauptung: nichts. Kann man das Schaf besuchen? Nein. Ein Foto aus den letzten Tagen sehen? Nein. Mit den Leuten sprechen, die das Tier betreuen? Nein. Die Guillotine in echt sehen? Wieder nein. Nur der Bau der Guillotine und ihr Test ist belegt , mit einem neunminütigen Video, veröffentlicht am 18. April. Sie müssten das Projekt bewahren, vor der Polizei und vor Tierschützern, sagt Rezai entschuldigend.

Ein Anruf bei der Staatsanwaltschaft Berlin ergibt, dass bereits zwei der acht Strafanzeigen wegen Sachbeschädigung ("denn Tiere sind Sachen"), Verstoß gegen das Waffengesetz ("Eine Guillotine ist keine Waffe") und das Tierschutzgesetz fallen gelassen wurden, weil es "keinen Verdacht auf eine Straftat" gebe.

Auch ein Sprecher der Berliner Polizei sagt, man habe ermittelt und die Ergebnisse an die Staatsanwaltschaft weitergereicht. Trotz Beschwerden von Tierfreunden aus dem ganzen Bundesgebiet gehe man aber nicht von einer Straftat aus. Haben die beiden das Schaf überhaupt noch? Das darf der Sprecher wegen laufender Verfahren bei der Staatsanwaltschaft nicht beantworten.

Gefahr dabei:

Wem es um mehr geht, als nur um die Pose, der sollte mit möglichst offenen Karten spielen. Bleibt der Künstler zu vage, macht er sich unglaubwürdig. Anders gesagt: Wer als Betrachter nichts weiß, muss alles glauben. Oder glaubt es eben nicht.

Schritt vier - Übertreibung: Wir sind reich, so furchtbar reich

Als Anfang Mai die mediale Aufregung beinahe erloschen ist, gibt die Pressedame eine Mitteilung heraus: Ein amerikanischer Sammler habe "Die Guillotine" gekauft, für 2,3 Millionen Dollar, also 1,75 Millionen Euro. Es folgt ein journalistischer Fehler: Die Nachrichtenagentur dpa übernimmt die Meldung ungeprüft, die Nachricht "Kunstwerk für 1,75 Millionen Euro verkauft" ist in der Welt.

Auch der "Berliner Kurier" ist wieder dabei, diesmal mit der Überschrift "Reicher Ami kauft Schafs-Guillotine".  Der Lokalteil des "Tagesspiegel" macht aus der PR-Meldung"Das Millionending".  Und selbst international bleibt die Nachricht nicht unbemerkt: Die "Huffington Post" legt nach mit der Zeile: "German Artists Who Planned To Kill Sheep Sell Controversial Project For $2.3 Million".  

Nach einem Beleg für die Überweisung, einem Kontoauszug, einem Kontakt zum Käufer oder dessen Anwalt gefragt, wird die Pressefrau der PR-Agentur patzig: Das sei ein Zeichen von Misstrauen, man sage nichts weiter zum Verkauf. Einen Beweis für die Behauptung, man habe 1,75 Millionen Euro fest im Sack, gibt es nicht. Zumindest von Plänen reden sie und die Künstler dann doch: Immobilien kaufen, sagt Rezai. Eine Party feiern und Urlaub in Bagdad, sagen die Pressedame und Materne.

Gefahr dabei:

Sollte es keinen Verkauf gegeben haben, werden die Künstler im Nachhinein behaupten, dass dieser Medienflop von ihnen so geplant war. Dem Trio ist, wenn auch eher zufällig, ein spannender Beweis gelungen: Ist der Köder fett genug, vergessen manche Journalisten ihre Sorgfaltspflicht. Den größten Nachteil eines erfundenen Verkaufs hätten allerdings die Künstler und ihre Pressedame selbst. Sie stünden als Schwindler da.

Schritt fünf - Öffentliche Meinungen gewinnen: Los, findet uns irgendwie

Positive Berichte über die Kunstaktion waren die Ausnahme. Das Onlineportal des "Vice"-Magazins stellte die Künstler und ihre Idee auf die bewährte "Vice"-Art vor, als Teil der allwöchentlichen Freakshow ohne Wertung und mit einem Link zu Abstimmung .

Die Masse aber, die Leser der Boulevardmedien und die Kommentatoren im Internet, hatte ihr Votum über die Aktion gefällt: 900 von knapp 1200 Abstimmern bei Youtube mögen das Video nicht, das den Guillotinenbau erklärt. Kunst-Kommilitonen hätten sich von ihnen abgewandt, erzählen die Künstler. Rezai sagt, ein Freund habe ihn aus seinem Zimmer geworfen und seitdem nicht mehr mit ihm geredet. Beide sagen, das sei nicht weiter schlimm. Es gehe ihnen ja um ihre Kunst.

Gefahr dabei:

Das selbst gewählte Werkzeug der Kritiker richtet sich gegen die Künstler. Oder mit den Worten von Denise, meist gelikte Facebook-Kommentatorin unter dem Interview bei "Vice": "trottel. hängt euch doch selber drunter und lasst abstimmen."

Demokratie kann so grausam sein.