Last-Minute-Studienbewerber Die Nacht der Entscheidung

Der 15. Juli war die letzte Chance, Schlag Mitternacht endete die Bewerbungsfrist fürs Wintersemester. Beim "Last-Minute-Service" der Uni Hamburg sammeln sich die Nachzügler und Wankelmütigen - manche stolpern ahnungslos ins nächstbeste Studium oder bringen sogar ihre Eltern mit.

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"Dann eben Italienisch": Torsten Liebau füllt mit Sachbearbeiterin Maren Stamer seinen Antrag aus
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Im Warten kennt sich Cathrin Schürmann, 27, aus. "Wer war vor mir der Letzte?" ruft sie in die Runde, als sie, kurz vor 20 Uhr, bewehrt mit dem Buch "Der Campus" von Dietrich Schwanitz, den Flur im ersten Stock des Hauptgebäudes der Uni Hamburg betritt. "Bitte merkt euch euren Vorgänger oder eure Vorgängerin", sagt Cathrin, "dann geht das alles viel schneller." Von den rund 30 Versammelten nicken ein paar pflichtschuldig, andere halten ihren Kopf über dem Ausfüllen eines rot-weiß eingebundenen Vordruckhefters gesenkt.

Die Meute umlagert vier Holztüren, an denen jeweils ein weißer Zettel klebt: "Last-Minute-Service. Zusätzliche Sprechstunde am 15. Juli von 20 bis 24 Uhr". Als um 20.04 Uhr die vier Mitarbeiterinnen des Studentensekretariats die Holztüren öffnen, gibt es kein Halten mehr - Cathrins Ordnungsversuchen zum Trotz.

"Man muss schon wissen, was man will"

Cathrin kommt als eine der Ersten dran: "Ich wollte mich nicht vordrängen, aber die anderen waren so unentschlossen." Fünf Minuten später hat sie ihren Antrag abgegeben. Und studiert jetzt Neuere Deutsche Literatur im Nebenfach. Eigentlich wollte sie Medienwissenschaften dazunehmen, aber da war der Numerus clausus zu hoch. Angefangen hat Cathrin vor vier Jahren mit Mathematik, wechselte dann im zweiten Semester zu Englisch und Spanisch auf Lehramt. Nach einem Schulpraktikum habe sie gemerkt, dass der Lehrerberuf nichts für sie sei, daher der dritte Wechsel. "Man muss schon wissen, was man will."

Von Mathe über Spanisch zur deutschen Literatur: Wechselprofi Cathrin Schürmann
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Für Spätentschlossene wie Cathrin hat die Universität Hamburg ein spezielles Angebot eingerichtet: Bis Punkt Mitternacht am 15. Juli, dem Stichtag fürs kommende Wintersemester, können Studienanfänger, Uni- und Fachwechsler ihren ausgefüllten Antrag abgeben. Auch am 15. Januar legen die Mitarbeiter des Studentensekretariats eine Spätschicht ein, dann für das Sommersemester.

Rund 14.000 Studienanträge gehen jedes Semester bei der Universität Hamburg ein, die Hälfte davon in der letzten Woche vor Abgabeschluss. Am allerletzten Tag stellt die Universität eine große Postbox aus Metall im Foyer auf. "Die ist jetzt randvoll", sagt Pförtner Josef Merk, "da sind bestimmt 800 bis 1000 Bögen drin."

Mama oder Papa mit dabei

Wer nach 20 Uhr kommt, wirft seinen Antrag nicht mehr in den Briefkasten, sondern geht direkt zu Axel Schoeler und seinen vier Mitarbeiterinnen ins "Zentrum für Studierende". An diesem Abend sind dies rund hundert Last-Minute-Entschlossene - oder Last-Minute-Unentschlossene. "Es ist schon erstaunlich, wie unselbständig viele Studierende hier auftreten", sagt Referatsleiter Schoeler. "Manche sind mit dem Ausfüllen des Antrags schlicht überfordert."

Spätschicht: Pförtner Josef Merk schiebt Überstunden
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Gut jeder fünfte Bogen enthalte formale Fehler, die Bewerber unterschreiben nicht oder vergessen, ein Studienfach auszuwählen. "Einige bringen auch ihre Eltern mit", sagt Schoeler. "Wenn ich frage, was sie studieren wollen, dann antworten Mama oder Papa."

Einige Wankelmütige träfen ihre Wahl erst mit Hilfe der Uni-Mitarbeiter, sagt Schoelers Stellvertreterin Katharina Berger. Sie sitzt inmitten gelber Postkisten voller Anträge ihrer Kollegin Maren Stamer gegenüber, die Studenten in spe nehmen an einem quer gestellten Holztisch Platz. Dazwischen steht eine Schüssel mit kleinen Schokoladentafeln und Kartoffelchips. Frau Stamer trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Nice to meet you".

Studienfach nach Oberbekleidung

"Ich bin euer Alptraum", grüßt Torsten Liebau die beiden, als er das Zimmer betritt. Torsten, 21, hat durch seinen Bruder vom Last-Minute-Service erfahren. Er ist aus Uetersen in Schleswig-Holstein angereist und möchte Journalistik studieren. Gemeinsam mit Maren Stamer füllt er seinen Antrag aus, Schritt für Schritt. "Hast du denn auch das sechswöchige journalistische Pflichtpraktikum absolviert?" fragt Stamer, als sie den ausgefüllten Antrag zuklappt. "Hmm, nee", sagt Torsten. "Dann mach ich eben Italienisch."

22 Uhr: Leere Gänge vor der Abgabestelle
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"Das passt ja immerhin kleidungstechnisch", sagt Maren Stamer und schaut auf Torstens blau-weiße Trainingsjacke mit dem Emblem der italienischen Fußball-Nationalmannschaft. Noch einmal von vorn.

"Wer uns gegenüber sitzt, muss sich mit den Realitäten in seinem Wunschfach auseinander setzen", sagt Axel Schoeler. Zum Beispiel mit dem Numerus clausus in einigen Fächern. Schoeler hält die geplanten Veränderungen in der Zulassung, nach denen Eignung und Motivation eines Bewerbers für ein bestimmtes Fach stärker zählen sollen als der Abi-Schnitt, für sinnvoll. "Allerdings kommt mit den Auswahlgesprächen noch ein erheblicher Arbeitsaufwand auf die Universitäten zu."

Ein polnisch-marokkanische Pärchen strahlt

Um 22 Uhr haben sich die Menschentrauben im Gang aufgelöst, die Holztüren stehen offen, Bewerber tröpfeln nur noch spärlich ein. Kataryna Filipczuk und Merouane Senhaji kommen Händchen haltend und strahlend aus dem Zimmer von Axel Schoeler. Das polnisch-marokkanische Paar wird in Zukunft in der gleichen Stadt leben und studieren.

Kataryna und Merouane: Polnisch-marokkanische Zusammenführung
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Kataryna und Merouane: Polnisch-marokkanische Zusammenführung

Kataryna, 20, ist für die Einschreibung eigens mit dem Zug aus dem ostpolnischen Chelm angereist und erst vor wenigen Stunden eingetroffen. Sie hat sich für Jura eingeschrieben, ihr Freund Merouane studiert schon in Hamburg. "Schreiben Sie, dass die Leute an der Universität sehr nett und sehr hilfreich waren", sagt Merouane.

Ab 23 Uhr sitzt Julia, 21, auf den Steinstufen zum ersten Stock und grübelt über dem Formular. Sie studiert Psychologie, will auf Politik umsatteln. Tagsüber habe sie im Krankenhaus gearbeitet, sagt Julia, daher der Gang zum Spätservice. Ihren Nachnamen will Julia nicht nennen, die eigene Unentschlossenheit ist ihr ein bisschen peinlich.

Frau Kimminich schreibt ihren Sohn ein

Um 23.45 Uhr joggt Informatikstudent Heiner, 37, den Gang entlang. Er will von Karlsruhe nach Hamburg wechseln und musste sich tagsüber die nötigen Papiere zusammensuchen. Sein Antrag ist tadellos, Heiner erleichtert: "Mir ging schon ganz schön die Flatter."

Psychologie oder Politik? Julia im Gespräch mit Axel Schoeler um 23.54 Uhr
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Psychologie oder Politik? Julia im Gespräch mit Axel Schoeler um 23.54 Uhr

Die Vorletzte an diesem Abend ist Hannelore Kimminich. Sie meldet ihren Sohn Bruno für Japanologie und Betriebswirtschaft an. "Er hat mir gesagt, ich soll die Unterlagen hier vorbeibringen."

Um 23.54 Uhr erhebt sich Julia von den Steinstufen und geht zu Axel Schoeler ins Zimmer. Politik statt Psychologie soll es werden. Schoeler ist skeptisch: "Sie haben doch so ein begehrtes Studienfach. Mit dem NC in Politik wird der Wechsel schwierig." Julia bleibt bei Psychologie.

Um Punkt Mitternacht schließt Pförtner Josef Merk das Hauptgebäude der Hamburger Uni ab. Die Bewerbungsfrist für das Wintersemester 2004/2005 ist vorbei. Wer jetzt noch ohne Studienplatz ist, wird es lange bleiben.



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