Student mit Gedächtnisverlust Leben ohne Ich

2. Teil: Die Rückkehr: Millisekunden aus dem Film seines Lebens


Die ersten Wochen nach dem Unfall verbringt Alexander zu Hause bei seiner Familie. Er beginnt, minutiös sein Leben zu erforschen, er recherchiert seine Vergangenheit wie ein Biograf die Geschichte eines anderen.

Er lässt sich Fotos zeigen, besucht Freunde und Bekannte, unterhält sich mit Lehrern aus der Schulzeit. "Es war mir sehr wichtig, selber Dinge herauszufinden, auch die schlechten und dunklen Seiten. Es war auch teilweise interessant, im eigenen Leben Detektiv zu spielen."

Nach einiger Zeit stellt sich ein vages Gefühl der Nähe zu seiner Familie ein. Doch die will es nicht wahrhaben, dass alles, was sie gemeinsam erlebt haben, ausgelöscht sein soll.

"Ich habe versucht, ihn an die schönen Momente zu erinnern, an gemeinsame Urlaube", sagt Alexanders Mutter. "Habe ihm Fotos gezeigt, eine Collage mit Familienbildern, die ihm seine Schwestern zum Studienbeginn gebastelt haben, und sein Lieblingskuscheltier aus Kindertagen, weil ich dachte, dass er sich doch erinnern muss, dass er das doch alles nicht einfach vergessen haben kann. Solche Erinnerungen machen doch eine Persönlichkeit aus!"

Irgendwann will Alexander keine Fotos mehr sehen. Die zwanghaften Versuche, die Erinnerung heraufzubeschwören, strengen ihn an, nerven ihn, sie bringen nichts. Aber es tut sich etwas in seinem Kopf. Bilder aus seiner Vergangenheit kommen wie Blitze über ihn, ganz unerwartet und in Situationen, in denen er nicht damit rechnet.

Er schneidet gerade Tomaten, als er sich vor seinem inneren Auge beim Fußballspielen auf einer Wiese sieht, als kleiner Junge. Er sitzt in einem Behandlungsstuhl, als er sich an Szenen aus seiner Bundeswehrzeit erinnert. Er putzt sich gerade die Zähne, da kommt ihm das alte Badezimmer seiner Eltern in den Kopf. Er erinnert sich, dass er früher häufig mit seiner Mutter Brombeeren sammelte und die Früchte dann in eine kleine hellgrüne Plastikgießkanne warf. Dass er als Vierjähriger ein grünes Portemonnaie mit einem orangefarbenen Aufdruck besaß. Millisekunden aus dem Film seines Lebens.

Alex kehrt ins Verbindungshaus zurück und will sein Lehramtsstudium wieder aufnehmen. Serkan führt ihn herum, erzählt ihm die Historie des Hauses. Als es um das Wappen geht, unterbricht Alexander Serkan. Er hat einen Fehler in der Erzählung entdeckt. Plötzlich überspülen ihn Erinnerungswellen: Bilder aus dem Verbindungshaus. Partys, Spieleabende, gemeinsames Lernen. Er bekommt starke Kopfschmerzen, es wird ihm schwindelig. Das ist zu heftig. Darf nicht mehr passieren.

Alexander steigt langsam wieder ins Studium ein. Auch Kurse, die er bereits bestanden hat, wiederholt er. Sein Schulwissen ist größtenteils noch da, doch viele Teile des Gelernten der letzten drei Jahre sind verschwunden.

Der Zweifel: Soll er sich von seiner Freundin trennen?

Nach ein paar Wochen beginnt Alexander sein neues, altes Leben in Frage zu stellen. Ihn quält die Frage, ob der neue Alexander auch Lehrer werden wollen würde. Über seine Zweifel spricht er nur mit Serkan, nicht mit seiner Mutter, die ihn nach seiner Rückkehr wiederholt daran erinnert hat, wie gern er doch immer Lehrer werden wollte. Serkan rät ihm abzuwarten, keine überstürzte Entscheidung zu treffen.

Er quält sich, nicht nur mit seinem Studium, auch mit seiner Freundin, die weiter an seiner Seite ist. Vier Monate waren die beiden vor dem Unfall zusammen, glücklich seien sie gewesen, auf dem Weg zu einer ernsthaften Beziehung, hat man ihm erzählt. Und nach dem Unfall? Seine Freundin kümmert sich um ihn, begleitet ihn sogar zu seiner Familie.

Alexander ist das zu viel. "Nach wie vor fand ich sie nett und attraktiv, aber eben nicht mehr." Innerlich ringt er mit sich: Soll er sich trennen? Sie ist ihm wichtig, aber er liebt sie nicht, nicht mehr. Zweieinhalb Monate nach dem Sturz auf die Bordsteinkante beendet er die Beziehung. "Sie war traurig und enttäuscht, aber hat mir keine Vorwürfe gemacht."

Die Krise: Alpträume, Übelkeit, Versagensängste

Zwei Jahre nach dem Unfall glaubt Alexander, Frieden gemacht zu haben mit seiner Amnesie. Manchmal sieht er sie sogar als eine Art Chance: ein neues Leben ohne die belastende Vergangenheit, nicht schlecht. Er studiert weiterhin auf Lehramt. Freunde, die ihm nahestanden, sind ihm erhalten geblieben, sie witzeln nun sogar ab und zu über seinen Gedächtnisverlust.

Die Freunde sagen, charakterlich habe er sich kaum verändert. Vielleicht sei er ein wenig nachdenklicher und emotionaler geworden. Erwachsener, sagt seine Mutter, zu der er wieder ein gutes Verhältnis hat. Alexander hat sich irgendwie eingerichtet in dem fremden, neuen Leben.

Doch dann bekommt er schwere Schlafstörungen. Gelingt es ihm einzuschlafen, erwacht er aus schlimmen Alpträumen. "Immer geht es um meinen Tod", sagt er. "Ich treibe auf dem Meer, halte mich an einer Planke fest, um nicht zu ertrinken. Irgendwann verlässt mich die Kraft, und ich gehe unter." Die Träume nehmen ihn so mit, dass er mit Übelkeit aufwacht, sich manchmal im Bett übergeben muss.

Mitunter kann er vier oder fünf Nächte am Stück nicht schlafen. Er versucht, seinen Körper zu überlisten, ihn auszupowern, indem er nachts drei Stunden Fahrrad fährt. Ohne Erfolg. Morgens schleppt er sich zur Uni, schreibt einen Teil seiner Prüfungen. Ein Semester lang übersteht Alexanders Körper die Belastung, gerade so, auf Kante.

Ihm ist klar, dass seine Schlafprobleme mit dem Unfall zu tun haben. Sprechen möchte er trotzdem mit niemandem darüber, ihn quälen Versagensängste: "Dass ich den Unfall noch immer nicht verarbeitet hatte, war mir unangenehm."

Als die rettenden Semesterferien beginnen, verkriecht Alexander sich zu Hause bei seiner Mutter, ohne ihr zu sagen, wie es ihm wirklich geht. Schlafen kann er immer noch nicht. Nächtelang läuft er durch den Wald.

Dann schafft er es nicht mehr allein und vertraut sich seiner Mutter an. Sie ist schockiert. Umgehend kümmert sie sich um seine Exmatrikulation, sie hat erkannt, dass er dieses Studium nicht mehr will. Sie besorgt ihm für vier Monate einen Platz in einer Klinik in der Nähe. Die Diagnose: psychosomatischer Flashback.

Die Medikamente, die er bekommt, um endlich wieder schlafen zu können, haben nicht den gewünschten Erfolg. Zwar wird er müde, aber die Nebenwirkungen sind stark. Ständiger Hunger, Abgeschlagenheit und körperliche Schmerzen sind die Folge. Nach dem dritten Medikament wehrt er ab. Seine Schlafstörungen, das ahnt er, werden so allenfalls vorübergehend verschwinden.

Erst durch Gespräche mit einer Psychologin kommt Alexander langsam zur Ruhe. Zusammen entwickeln sie eine Methode, um die Träume in den Griff zu bekommen. "Ich schrieb den Traum auf, bis zu dem Moment, in dem ich die Planke loslassen muss. Dann gab ich der Geschichte ein anderes Ende. Ein Taucher kommt und rettet mich, indem er mir eine Sauerstoffmaske aufdrückt." Jeden Abend vorm Einschlafen liest er die Geschichte. Der Alptraum kommt nur selten wieder.

Neuanfang: "Der alte Alex bleibt besser da, wo er jetzt ist"

Vergangenes Semester, nach dem Abschluss der Reha, sucht Alexander sich einen neuen Studienplatz in einem anderen Bundesland, in einer anderen Stadt, in einem anderen Fach. Dort weiß kaum jemand, was ihm passiert ist. "Nach dem Rückfall wollte ich neu anfangen. Ich wollte einfach mit dem Vergangenen abschließen." Er fängt an, sein neues Leben als Leben zu begreifen.

In den ersten Monaten nach dem Unfall hatte Alexander sich nichts mehr gewünscht als die Rückkehr seiner Erinnerung, seines Ich von damals, das so komplett zu sein schien. Heute hat er sich eine neue Existenz geschaffen, und die kollidiert mit der alten. Daher wünscht er sich nichts mehr, als dass das alte Leben nie mehr zurückkehrt. "Ich merke, dass selbst die Erinnerung an schöne Dinge mich eher traurig macht. Dann kommt gleich der Gedanke an das, was ich verloren habe." Unvereinbar: der alte und der neue Alexander.

Als Zeichen für den Neuanfang feiert Alexander nun zweimal im Jahr seinen Geburtstag. Im März, so wie es in seiner Geburtsurkunde steht, und im Juli, am Tag seines Unfalls. "Ich habe beschlossen, dass der Unfall nicht zum Mittelpunkt meines Lebens werden soll. Mir ist etwas Schlimmes passiert, aber das macht nicht mein Leben aus. Mein Leben ist nicht vorbei. Ich habe es noch vor mir. Der alte Alex bleibt besser da, wo er jetzt ist." Eine Sache allerdings würde Alexander wohl doch gern aus seiner Vergangenheit mit in sein neues Leben nehmen. Vor kurzem hat er sich das erste Mal seit der Trennung wieder mit seiner damaligen Freundin getroffen. Vielleicht gibt es eine Zukunft für die beiden.

Es hat ziemlich geknistert.



insgesamt 18 Beiträge
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thoxin 07.12.2012
1. Fluch und Segen
Wenn auch selbst nicht nachempfindbar muss dies wohl ein gigantischer Schock sein. Viele Probleme wohl aber auch Chancen auf ein anderes, vielleicht sogar auch erfüllenderes Leben. Unterm Steich wohl aber nicht zu beneiden. Wäre ja ein Kanaller, wenn es die "alte" Freundin in das "neue" Leben schafft. Drück ich die Daumen.
Robatzon 07.12.2012
2.
Ganz beeindruckende, nachdenkliche Geschichte und eine toll geschriebene Reportage. Wünsche "Alexander" alles Gute im "neuen" Leben.
immernochnaiv 07.12.2012
3. Diese Geschichte regt zum tiefen Nachdenken an - 2. Chance
Seine Vergangenheit kann man nicht löschen - oder könnte man es doch wenn man nur bereit wäre es zu tun? Alex hatte keine Wahl. Aber alles hat mehr als eine Seite: ungewollt wurde er unschuldig wie ein Kind: Mutter - Freunde, Freundin - alle die ihn mochten mussten sich einer Prüfung stellen: mag Alex die auch ohne, dass man gemeinsame Erlebnisse hatte? Alex hat keine Erinnerung mehr, er muss sich auf seinen reinen Instinkt Verlassen, auf seine innere Meldung - "gefällt mir " oder "gefällt mir nicht" um seine sozialen Kontakte zu prüfen. Gleiches gilt für seine Entscheidungen und Verpflichtungen wie Studienfachwahl, Karrieewahl. Natürlich wünscht sich niemand, durch Gedächtnisverlust diese "Freiheit" zu erreichen. Doch Alex Fall erinnert daran, dass man grundsätzlich immer die Möglichkeit hat, auch solche elementaren und gewachsenen Strukturen zu ändern. Alles was achso verpflichtend oder geliebt erscheint könnte man auch einfach - vergessen - und darauf zu hören, was man denn wirklich will. nachdenklicher Gruß immernochnaiv
diskantus 07.12.2012
4. Jetzt ist der Augenblick gekommen,
wo die Schulmedizin ihre Schranken öffnen muss. Hypnose ist hier das Mittel der Wahl: die eingekapselte Psyche muss befreit werden, und das geschieht durch die Stimulation des Unterbewusstseins.
crigs 07.12.2012
5. Jason Bourne
Was wir wirklich sind, sind wir im Begriff zu lernen. Meine Assoziationen müss ich neu überprüfen. Alles Gute Alex.
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