Leben VOM BUNKER ZUM ELITETEMPEL

Die Beton-Riesen der sechziger und siebziger Jahre haben nachhaltig das Image der Universitätsarchitektur lädiert. Vor allem im Osten entstehen jetzt viele kleine Prachtbauten.


Es waren glänzende Zeugnisse, sein einziges Kapital für eine unsichere Zukunft. Doch niemand durfte sie finden, denn Peter Kulka ­ Mitarbeiter Hermann Henselmanns, des berühmtesten Architekten der DDR ­ war auf der Flucht. Auf der Flucht von Ost nach West.

Sein Gepäck: ein wenig Wäsche zum Wechseln und, zerknüllt in der Hosentasche, jene Zeugnisse, die dem jungen Baumeister tatsächlich zu einem respektablen Berufsstart im Westen verhelfen sollten. Wenige Jahre nach seiner Flucht bekam Kulka einen Auftrag, der ihn zum Repräsentanten des westlichen Zeitgeistes adelte.

Der Architekt baute ab 1970, gemeinsam mit Kollegen, die Universität Bielefeld, ein Riesengebilde auf der grünen Wiese, das als Manifestation der 68er Ideale von Freiheit und Gleichheit gedacht war. Alle Fakultäten befinden sich hier auf einer Ebene, die Studenten treffen sich in einem gigantischen Forum in der Mitte, das beinahe so viel bietet wie die Fußgängerzone einer Kleinstadt: Cafés, Post, Sparkasse, Schwimmbad, alles ist hier, keiner ist auf die ohnehin ein paar Kilometer entfernte Innenstadt angewiesen ­ die Uni als autonomer Ort. Doch: Mit den Jahren erwies sich dieser Vorteil als Nachteil.

Universität und städtisches Milieu mischen sich kaum. Die Studenten fahren oftmals mit dem Kleinwagen aus der Stadt zu ihrer Bildungsanstalt, stellen ihn in einem der umliegenden Parkhäuser ab und müssen dann eine Straße und einen zugigen Platz überwinden, bis sie endlich das Betongebäude betreten und über lange Gänge ihrer Fakultät zustreben können. Vom städtischen Leben isoliert, von den gigantischen Ausmaßen der Bildungsfabrik zum Anonymus degradiert ­ kein Kunststück, sich an diesem Studienort verloren zu fühlen.

Am Uni-Gebäude Bielefeld lässt sich besichtigen, wie der Geist von '68 scheitern konnte: Was in der Abstraktion wahr und schön erschien ­ Größe, Gleichheit, Unabhängigkeit von der Stadt ­, wirkt sich in der gebauten Konkretion für den Nutzer fatal aus.

Das Schicksal von gutem Willen und schlechter Wirkung teilen viele andere Uni-Bauten, die im Bildungsboom der sechziger und siebziger Jahre entstanden sind, in einer Zeit, in der es vor allem galt, ganz schnell wachsende Studentenmassen zu bewältigen. Ist von der Silo-Architektur der Uni Bochum die Rede, wird im gleichen Atemzug die überdurchschnittlich hohe Selbstmordrate unter den dortigen Studenten erwähnt.

Auch beim so genannten Hamburger Philosophenturm, Lernort für Geisteswissenschaftler, ist stets von der selbstmordförderlichen Wirkung der reichlich lädierten Hochhaus-Architektur die Rede. Studenten erzählen, dass sich schon mehrere Kommilitonen aus den oberen Stockwerken des grauen Gebäudes stürzten.

Die Hamburger Fakultät für Wirtschaftswissenschaften kommt auch nicht gerade gut weg. Sie wird verächtlich "WiWi-Bunker" genannt ­ weil hier Hörsäle und Seminarräume gar nicht erst Fenster haben. Ein etwas netteres Wort fanden die Duisburger für ihre rundlichen Bildungsbauten: "Keksdosen" heißen sie im Ruhrpottspott.

Auf sein umstrittenes Frühwerk und dessen ungeliebte Verwandte angesprochen, windet sich Peter Kulka. Natürlich fühlt er sich verpflichtet, seine frühe Arbeit zu verteidigen: "Die großen Gebäude auf der grünen Wiese sollten Tempel des freien Geistes sein."

Heute, das gibt er zu, denke man völlig anders. Dazu hätte, so die Interpretation des Ost-Flüchtlings, auch der Fall der Mauer beigetragen. Die Selbstsicherheit sei weg, im Westen wie im Osten. "Ich will mich heute im Kleinen bewähren, das Gigantische liegt mir nicht mehr."

Kulkas Perspektivwechsel scheint sich mit einem Trend in der Uni-Architektur zu decken. Riesengebilde werden kaum noch gebaut. Vor allem im Aufbauland Ost ­ wo in den zehn Jahren nach der Wende 40 Milliarden Mark ins Hochschulwesen investiert wurden ­ entstehen lauter kleine, auf Wärme und Intimität getrimmte Institutsbauten. Und natürlich: Kulka macht mit.

Der Architekt, inzwischen 62, ist vom Westen in den Osten zurückgekehrt, führt zwar weiterhin sein Büro in Köln, hat aber auch ein zusätzliches in Dresden eröffnet. Seit dem Mauerfall erdenkt er für die neuen Bundesländer Prestigebau um Prestigebau, den Sächsischen Landtag zum Beispiel, aber auch ein hoch gelobtes Uni-Gebäude: die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften in Magdeburg, ein im Vergleich zu Bielefeld geradezu heimeliges Gebäude.

Hermetische Assoziationen wie "Turm" oder "Bunker" kämen dem Betrachter niemals in den Sinn, große Glasfassaden legen das Innere offen ­ die in der aktuellen Architektur-Debatte viel beschworene Transparenz, hier ist sie realisiert.

Auch bei den tragenden Wänden vermeidet Kulka jede Assoziation an Bielefelder Nackt-Beton. Er entschied sich für Verkleidung, mal schwarze Ziegelschalen, mal Putz mit kräftigem Blau und leuchtendem Rot bemalt. Die Töne sollen, so betont der Architekt seine neue Haltung, der "Emotionalität" dienen.

Auf Farbe fürs Gemüt setzen auch andere Architekten, die derzeit beim Bauboom Ost mitmachen. Besonders verblüffend ist der neue Mut zum Bonbonbunt beim Hamburger Team Gerkan und Marg.

Die Stars der Branche sind eigentlich dafür bekannt, sich bei Farben hanseatisch-vornehm zurückzuhalten und höchstens mal einen Anthrazitton zu wagen. Doch beim Neubau eines Hörsaalzentrums für die Uni in Chemnitz gebärdeten sie sich, als sei ihnen ein Tuschkasten ausgelaufen.

Außen: ocker und gelb. Innen: blau, rot und gelb ­ Meinhard von Gerkan staunt selbst ein bisschen und findet seine Arbeit "sehr mutig". Doch: Der Farbenrausch sei "nicht zuletzt eine Reaktion auf die Tristesse des Ortes mit seinen kargen Großtafelbauten". Die Uni als Wohlfühlort im grauen Alltag ­ was für ein Sinneswandel.

Auf allerschönste Weise entspricht jedoch das Juridicum in Halle der neuen Lust auf Wärme und Transparenz. Das Gebäude, vom Kölner Architektenteam Gernot Schulz und Thomas van den Valentyn geplant, scheint vor allem aus edlen Hölzern, aus viel, viel Glas und noblem schwarzem Stahl zu bestehen. Die eingegliederte Bibliothek wirkt so vornehm, dass jeder Multimillionär ein ähnliches Modell sofort für seine private Büchersammlung akzeptieren würde.

Die Stockwerke laufen terrassenartig aus, ein gläserner Fahrstuhl schwebt mit bedächtiger Geschwindigkeit von Ebene zu Ebene, daneben schraubt sich eine Wendeltreppe aus schwarzem Stahl empor. Die Kirschbaum-Regale werden dezent beleuchtet, selbst die Telefonnischen im Eingangsbereich sind mit Holz ausgeschlagen, und sogar die schwarzen Bretter, normalerweise Chaoszentren jedes Uni-Gebäudes, liegen hinter Glas, die Zettel hängen in Reih und Glied.

Der Spaß an der Noblesse hat auch pragmatische Gründe: "Die Unis sind heute zu Konkurrenzunternehmen geworden", sagt Architekt Schulz, "die Fakultäten werben um Studenten ­ auch mit schöneren Gebäuden."

Tatsächlich sind, vor allem in technischen Fächern, die Studentenzahlen lange Zeit gesunken, noch gravierender aber wirken sich die Zukunftspläne der Länder für die Hochschulen aus: Demnächst sollen die Mittel für die Unis nach Leistungsparametern bemessen werden. Wie viele Studenten fühlen sich von welchen Extra-Angeboten angesprochen ­ nach diesen Angaben soll die Geldzuweisung ausgerechnet werden.

Um größeren Anreiz zu schaffen, sind das Juridicum in Halle, aber auch die Gebäude in Magdeburg und Chemnitz mit einem Image versehen worden, das vor der Wende absolut verpönt war: Sie wirken elitär, sind wirklich keine Tempel des Gleichheitsgedankens, sondern Zufluchtsorte für Individuen, die sich durch Gebäude aufgewertet wissen wollen. Wer zu uns kommt, ist Teil eines exklusiven Clubs, so lautet der neue Lockruf.

Dass die Nobel-Unis ausgerechnet auf ehemals sozialistischem Boden entstehen, ist eine Ironie der Geschichte, die auch den west-östlichen Baumeister Peter Kulka amüsiert. Aber, so meint er, sich mit den Wechselfällen und Absurditäten des Zeitgeistes auseinander zu setzen, dazu seien sie ja da: die Studenten und die Architekten.

SUSANNE BEYER



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