Lehramtsstudent in Tansania "In den ersten Wochen war mir alles zu viel"

60 Kinder in einer Klasse - und viele Schüler verstehen die Unterrichtssprache Englisch nicht. Der Lehramtsstudent Hennes Dahmen, 25, kämpfte mit Sprachbarrieren, Malaria und Kiswahili, als er an eine Schule in Tansania ging. Inzwischen fühlt er sich zu Hause.

Von Melanie Fuchs


Irgendwann fiel Hennes Dahmen die Decke auf den Kopf. Der Lehramtsstudent für Mathe und Physik entschied sich, sein Studium und sein Leben in Berlin für eine zeitlang hinter sich zu lassen und nach Mwanga zu gehen - eine kleine Stadt im Nord-Osten Tansanias. Er suchte einen Untermieter für sein Zimmer in Berlin-Kreuzberg und nahm sich ein Semester frei.

Ein bisschen konnte sich Hennes Dahmen vorstellen, was ihn in Tansania erwartet. Vor sieben Jahren hatte er hier schon einmal Urlaub gemacht. "Ich habe mich damals geärgert, dass ich nicht mehr von dem Land und den Menschen mitbekommen habe", sagt er. Eine Erfahrung, die er nun nachholt.

Mit seinem Leben in Berlin lässt sich das in Tansania kaum vergleichen. In 70 Kilometer Entfernung ragt der Kilimandscharo in den Himmel, Touristen verirren sich so gut wie nie in die Region. Hennes Dahmen ist der einzige Weiße in der Stadt. Der Student unterrichtet Mathe und Physik an der Mwanga Secondary School, einer privaten weiterführenden Schule. Als Gegenleistung darf er kostenlos in einem kleinen Zimmer bei seinem Lehrerkollegen Damas Mshana wohnen. Der Tansanier ist nicht viel älter als Hennes, die beiden verstanden sich sofort gut. Auch beim Rest des Schulpersonals war Hennes schnell beliebt. Nach den ersten Wochen hatte er den Spitznamen John Cena bekommen – ein amerikanischer Wrestler.

Als Lehrer Vokabeln pauken

Dass er in Mwanga gelandet ist, war eigentlich Zufall: In Berlin lernte er über Bekannte Uli Sonn kennen. Der Referent für Freiwilligendienste des internationalen Versöhnungsbundes kennt den Direktor der weiterführenden Schule in Mwanga seit Jahren und hat Hennes den Kontakt vermittelt. Seit Januar unterrichtet er nun zwölf Stunden in der Woche in der kleinen Stadt.

An die Klassengrößen von 60 Kindern hat er sich mittlerweile gewöhnt. Am Anfang wusste er nicht, wie er damit umgehen sollte, denn von Praktika in Deutschland war er kleinere Schülerzahlen gewohnt. Eine weitere Hürde ergab sich, weil die Unterrichtssprache Englisch ist. Für Hennes bedeutete das: Mathe-Vokabeln pauken. "Die englischen Bezeichnungen haben mir zu schaffen gemacht", sagt der 25-Jährige, "sogar so sehr, dass ich einmal nicht wusste, was in einer Aufgabe aus dem Mathebuch gefragt wurde." Außerdem haben viele Schüler nur schlechte Sprachkenntnisse, so dass Hennes versuchen muss, sich so einfach wie möglich auszudrücken.

Ein Problem, dass es nicht nur in Mwanga gibt. In allen tansanischen Secondary Schools wird auf Englisch unterrichtet. Oft haben die Kinder die Sprache aber gar nicht gelernt, weil sie vorher keine private Grundschule besuchen konnten. Auf der weiterführenden Schule finden sie sich deshalb oft nicht zurecht. "Das ist für uns Lehrer schwierig", sagt Hennes. "Wie sollen die Schüler gute Noten bekommen, wenn sie im Unterricht nichts verstehen?"

Überhaupt muss Hennes Dahmen mit einem komplett anderen Bildungssystem umgehen, als er es aus Deutschland gewohnt ist. In Tansania hängt der Bildungsgrad der Kinder hauptsächlich vom Einkommen der Eltern ab. Die guten Grundschulen, die meist privat sind, kosten viel Geld, die weiterführenden Schulen ebenfalls. Tansania ist eines der ärmsten Länder der Welt - viele Familien können es sich nicht leisten, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Bis zum Jahr 2004 lebten 89,9 Prozent der Menschen in Armut. Sie hatten nach Angaben des Auswärtigen Amtes umgerechnet weniger als zwei Euro am Tag, um zu überleben. Da erscheint es wie Hohn, dass der jährliche Beitrag für eine weiterführende Schule mit Internat umgerechnet durchschnittlich 350 Euro kostet.

Nicht selten können Kinder ein oder mehrere Jahre nicht zum Unterricht kommen, weil sie das Schulgeld selbst verdienen müssen. Auch deswegen gibt es viele ältere Schüler in Mwanga. Einer ist schon 27 Jahre. Er hat nach der Grundschule sieben Jahre als Träger und Guide bei Kilimandscharo-Touren gearbeitet. Erfahrungen, mit denen Hennes Dahmen erst mal fertig werden musste. "In den ersten Wochen war mir alles zuviel", erzählt er, "die Sprache, die neue Umgebung, die Menschen. Ich habe viel gelesen, viel geschlafen und Kiswahili gelernt, weil die Sprache der Schlüssel zu allem hier ist."

Endlich kein "Mzungu" mehr

Hennes kaufte sich zwei Schreibhefte und paukte jeden Tag Vokabeln. Wenn Benny, der kleine Sohn des Direktors, Mathehausaufgaben machte, saß Hennes daneben und lernte Zahlwörter. Mittlerweile spricht er genügend Kiswahili, um sich zu unterhalten oder auf dem Markt zu handeln. Er har sich eingelebt. Nicht allen gelingt das so gut. Eine andere Studentin, die in Mwanga unterrichten sollte, reiste schon nach zehn Wochen wieder nach Deutschland zurück. Die völlig andere Kultur, die Sprache, Insekten und eine Malariaerkrankung machten ihr zu sehr zu schaffen.

Auch Hennes hatte vor kurzem mit Malaria zu kämpfen. Er hatte mehrere Tage hohes Fieber und musste sich übergeben. Ein Risiko, das er einkalkuliert hatte. Jeder, der für eine längere Zeit in Tansania lebt, bekommt früher oder später die Krankheit, doch Hennes hat mittlerweile so viele gute Freunde, dass ihn das nicht aus der Bahn werfen konnte. "Mwanga ist ein Glücksfall für mich", findet er. Doch manchmal, wenn er in größere Städte fährt, merkt er, dass seine Hautfarbe eine große Rolle spielt. Er wird oft deswegen angesprochen. Zum Teil sind die Menschen nur neugierig - aber viele versuchen auch, ihn zu bestehlen oder höhere Preise als üblich zu verlangen.

In der Stadt Mwanga, wo Hennes wohnt, haben sich die Menschen mittlerweile an ihn gewöhnt. Sie behandeln ihn nicht mehr wie einen "Mzungu" - einen Europäer. Allmählich wird das Land für ihn so etwas wie eine neue Heimat: "Als ich vor ein paar Wochen von einem längeren Ausflug zurückgekommen bin, habe ich kurz vor der Ankunft das gleiche Gefühl gehabt, als wenn ich nach einem Urlaub auf den Berliner Ring fahre: Kribbeln, weil man endlich zu Hause ist."

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