Geständnisse aus dem Hörsaal "Lehramtsstudenten werden für doof gehalten"

Lehramtsstudenten besuchen zwar dieselben Seminare, doch Dozenten geben ihnen leichtere Aufgaben - und Kommilitonen blicken auf sie herab. Larissa Sarand, 28, erzählt, wie man sich als angehende Pädagogin an der Uni fühlt.

Lehramtsstudenten in Leipzig
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Lehramtsstudenten in Leipzig


Zur Person
  • Larissa Sarand, Jahrgang 1988, machte 2007 Abitur in Berlin und anschließend eine Ausbildung zur Medienkauffrau. Danach studierte sie Lehramt für Deutsch und Politische Bildung an Gymnasien, im August 2016 begann sie ihr Referendariat. Über ihren Studienspaß und -frust hat sie ein E-Book im Eigenverlag verfasst: "5 Jahre Bastelstunde: Was man in der Uni lernt - oder eben auch nicht...".

Nach wenigen Semestern an der Uni verwandelte ich mich. Aus einer hochmotivierten Erstsemesterstudentin wurde eine lustlose und, zugegeben, faule Studentin, die nur wegen der Anwesenheitslisten morgens überhaupt noch aus dem Bett stieg.

Bald wurde es zu einem Hobby, auszutesten, mit wie wenig Arbeitseinsatz ich gute oder zumindest akzeptable Leistungen attestiert bekommen konnte. Studieren nach dem Minimum-Maximum-Prinzip - maximaler Ertrag bei minimalem Einsatz - wurde zur spannendsten Forschung, der ich in meiner gesamten Studienzeit nachgegangen bin.

Die Gründe für meine Demotivation: Die Lustlosigkeit vieler Dozenten, gepaart mit den grenzdebilen und praxisfernen Inhalten der Seminare und Vorlesungen für angehende Lehrer, machten mich fertig. Doch das Uni-Leben hält für uns Lehramtsstudenten noch ein weiteres, tieferliegendes Problem parat: Wir werden für doof gehalten.

In den ersten Monaten an der Uni habe ich es noch als ungeschickte Formulierung abgetan, wenn mich Kommilitonen fragten: "Studierst du Deutsch auf Lehramt oder richtig Germanistik?" Doch nach Gesprächen mit zahlreichen Lehramtsmitstreitern wurde mir irgendwann klar, dass sich die Ansicht, wir würden gar nicht "richtig" studieren, in beinahe allen Studienfächern manifestiert hatte. Und die Auffassung, dass wir weder das Gleiche leisten müssen wie die "normalen" Studenten noch das Gleiche leisten können, teilen Studierende und Dozierende gleichermaßen.

Vergleichsweise harmlose Aufgaben in der VWL-Klausur

Lehramtsstudenten werden häufig andere Klausuren vorgelegt als denjenigen, die in Mono- oder Kombi-Bachelorstudiengängen studieren, obwohl wir alle die gleichen Vorlesungen besuchen. Die Lehramtsklausuren sind weniger umfangreich oder bestehen aus leichteren Aufgaben als die der anderen Studenten. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Lehramtsstudenten müssen mehrere Teilstudiengänge belegen und daher pro Fach häufig weniger Leistungspunkte sammeln.

Das kam zwar meinem Minimax-Studium entgegen, dennoch gab es mir an Klausurtagen immer ein komisches Gefühl, wenn wir separat platzierten, minderbemittelten Lehramtsdeppen in Volkswirtschaftslehre ein paar vergleichsweise harmlose Aufgaben im Fließtext beantworten sollten, während die echten Studenten verzweifelt auf ihren Taschenrechnern herumtippten, um die an sie gestellten Rechenaufgaben zu lösen.

Eine VWL-Dozentin machte sich zu Vorlesungsbeginn gar nicht erst die Mühe, ihren Unmut darüber zu verbergen: "Ich habe auf der Teilnehmerliste gesehen, dass es auch an dieser Uni das Problem gibt, dass Lehramtsstudenten in den normalen Vorlesungen sitzen." Sie hob beschwichtigend beide Hände: "Keine Sorge, meine Damen und Herren, wenn Sie auf Lehramt studieren, brauchen Sie sich jetzt nicht zu melden und sich vor allen zu outen. Ich werde mir in den kommenden Wochen einfach Gedanken darüber machen, wie wir das dann mit einer separaten Klausur für Sie handhaben."

"Das müssen Sie nicht so richtig verstehen"

Ich schaute mich im Saal um - etliche Studenten feixten über den Seitenhieb auf uns angehende Lehrer, die, ebenso wie ich, die Häme betreten über sich ergehen ließen. Der Vorlesung konnte und wollte ich kaum folgen und stürmte hinterher als eine der Ersten aus dem Raum, um mich in der Mensa bei meiner Freundin Jana auszuheulen. Sie, Mathe- und Politikstudentin auf Lehramt und mittlerweile ebenfalls Anhängerin des Minimax-Prinzips, hatte sich die erste Vorlesung zugunsten ihres Schönheitsschlafs geklemmt.

Anstatt sich mit mir aufzuregen, lächelte sie nur: "Immerhin gibt sie eine Extraklausur für Lehrämter aus." Jana hatte im vorherigen Semester eine Mathe-Vorlesung besucht. Kurz vor der Klausur ging sie zur Professorin und erkundigte sich nach den Anforderungen für Lehramtsstudenten - denn laut Infoblatt sollten sie die gleiche Klausur wie alle anderen schreiben, aber weniger Punkte bekommen.

Die Professorin sah sie nachsichtig an und senkte die Stimme: "Seien wir doch mal ehrlich, junge Frau. Dass Sie dafür weniger Punkte bekommen, rührt daher, dass Sie als Lehramtsstudentin das ganze Thema ja nicht so richtig verstehen müssen. Es ist ja für Sie später eh nicht mehr wichtig. Sie gehen doch nur in den Schuldienst..."

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insgesamt 242 Beiträge
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Seite 1
laubi257 20.05.2016
1. Den Doof-Beweis liefert sie gleich mit....
Es gibt ein Minimum- und ein Maximumprinzip. Aber kein Minimax-Prinzip. Erstes Semester VWL. Scheint also was dran zu sein, dass ein Lehramtsstudium das Verlegenheitsstudium für all diejenigen ist, die kein anderes Studium erfolgreich abschließen würden.
joey2312 20.05.2016
2. Verallgemeinerungen
Ich habe das hier jetzt schon ein paar mal gelesen und frage mich, ob das wirklich an allen Unis außer an meiner ehemaligen so gehandhabt wird. Bei mir waren es exakt die gleichen Seminare (nur halt insgesamt weniger, Statistik und Methodik wurden aus nachvollziehbaren Gründen gestrichen), die gleichen Referats- und Hausarbeitsthemen mit gleichem Umfang und die gleichen Klausuren mit gleichen Punkten. Naja mit einer Ausnahme, in der Einführungs-VL Sozialpsychologie mussten die Lehrämtler nur bestehen und haben keine Note bekommen. Bin ich der einzige mit solchen Erfahrungen?
Matthias B 20.05.2016
3. Nicht gleich übertreiben
Gut, ich hab mein Lehramtsstudium noch im alten System (ohne Bachelor mit Lehramtsoption oder wie sich das jetzt nennt) gemacht, aber einige Dinge waren zumindest bei uns an der Uni komplett anders und ich finde es albern vom Erfahrungsbericht einer Studentin an einer Uni gleich so weit zu extrapolieren. Wir haben damals für beide Lehramtsfächer im Grundstudium nahezu die gleichen Vorlesungen besucht und die gleichen Klausuren geschrieben. Da gab es keine großen Unterschiede. Klar, gerade im Hauptstudium hat es sich dann differenziert, da man ja im Prinzip ja auch zwei Fächer studiert und die gesamte Pädagogik/Psychologie Vorlesungen besucht haben sollte. Allein aus der Logik heraus, erreicht man dann selten den Level, den einige Master-Studenten in Ihrem Fach erreichen, auf der anderen Seite kenne ich auch genug "echte" Studenten "meiner" Fächer, die ungefähr mal keine Ahnung von nichts haben.
nachtkrapp 20.05.2016
4. Bei uns an der Uni..
...studierte Lehramt, wer durch das Vordiplom gefallen war.
yiogio 20.05.2016
5.
Dass die Klausuren für Lehramtsstudenten anders sind, ist wohl nicht in jeder Uni so! Klar in der Uni wird eine Menge überflüssiges Zeug gelehrt, wenn man als Lehrer zurück in die Schule geht. Aber so lernt man auch Ausdauer und mit Frust umzugehen. Das ist für den späteren Beruf als Lehrer schon sinnvoll. Wenn ich mich an einige Lehramtsstudenten erinnere, dann ist Kritik über ihre Einstellung und Lebensfähigkeit schon berechtigt. Was die Anderen über Lehramtsstudenten denken... Naja ist es denn so wichtig? Vor allem, wenn man weiß, was eine große Mehrheit über Jura- und BWL-Studenten denkt, was sich durch ihr Benehmen auch dauernd bestätigt. Im Vergleich schneiden die Lehramtsstudenten ziemlich gut ab!
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