Ärger von Lehramtsstudenten "Ich verstehe, dass so viele das Studium abbrechen"

An deutschen Schulen fehlen Zehntausende Lehrer. Das Problem fängt schon an den Unis an: Fünf Lehramtsstudenten erzählen, was sich dringend ändern muss.
Von Maren Jensen

"Mein Lehramtsstudium kurz zusammengefasst: Ich lerne im Frontalunterricht, wie schlecht Frontalunterricht ist und muss dann auswendig lernen, wie schlecht auswendig lernen ist", schreibt eine Lehramtsstudentin im sozialen Netzwerk Jodel.

Der Post wird binnen Stunden in mehreren sozialen Medien rasant geteilt. Allein auf Facebook wird er 10.000-mal kommentiert, geteilt und gelikt.

Die meisten der Kommentare kritisieren die mangelnde Praxisnähe an den Universitäten. Viele Studierende fragen sich, wie gut sie nach dem Studium überhaupt auf das Leben und die Arbeit an Schulen vorbereitet sind. "Wie soll ich mit Kindern umgehen, die kein Deutsch sprechen, aber Diktate schreiben sollen?", heißt es. Und: "Wie gehe ich gerade jetzt mit Kindern um, die rechtsextrem auffällig sind?"

Der Präsident des Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, spricht von 40.000 Lehrern, die fehlen. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hatte im Frühjahr ebenfalls auf den großen Bedarf vor allem an Grundschulpädagogen hingewiesen. Demnach fehlen in den kommenden Jahren bis zu 35.000 Grundschullehrer.

Hier erzählen Lehramtsstudenten, was aus ihrer Sicht aktuell schiefläuft im Studium.

Helen A., 20, studiert Gymnasiallehramt für Englisch und Sozialwissenschaften

Helen A.

Helen A.

Foto: Privat

"Ich möchte Lehrerin werden, weil ich gern mit Kindern zusammenarbeite und mein Wissen weitervermitteln möchte. Ich habe Spaß daran, anderen Dinge zu erklären oder auch weiterzuhelfen. Der Beruf ist die Voraussetzung für eine gute Bildung und die Vorbereitung auf das weitere Leben der Kinder. Er muss auch in Zukunft gut und gewissenhaft ausgeübt werden.

Die Fachdidaktik, also wie man das Fach den Schülern am besten vermitteln kann, kommt bei mir erst in den späteren Semestern - doch ich kann schon jetzt sagen: Der Fokus liegt viel zu stark auf den Inhalten der Fächer. Wir arbeiten zwar später als Pädagogen, werden im Studium aber schlecht darauf vorbereitet.

So ging es in meiner ersten Vorlesung um pädagogische Theoretiker. Das war total trocken und hatte überhaupt nichts mit Schule zu tun. Auch in späteren Seminaren haben wir so gut wie nie über realen Unterricht gesprochen. Zwar war Migration ein Thema, aber eher die Gesetzeslage - wie man diese Kinder konkret besser eingliedern könnte, darüber haben wir nichts gelernt.

Auch später im Studium gibt es so gut wie keine Kurse, in denen gelehrt wird, wie man richtig unterrichtet, mit verschiedenen Situationen umgeht, wie man sich durchsetzen kann oder mit Eltern sprechen soll. Auch die Praktika sind zu kurz, vor allem, weil man am Anfang nur nebensächliche Aufgaben übernehmen darf.

Das Fach Bildungswissenschaften, was jeder Lehramtsstudent macht, ist in der Praxis ein Witz und zählt auch nicht viel. Wie gehe ich denn mit Spezialfällen wie Deutschproblemen, Behinderungen und Radikalisierungen um? Ich habe nicht den Eindruck, dass ich darauf ansatzweise vorbereitet werde. Das ist wirklich problematisch, vor allem angesichts der heutigen Situation: Flüchtlinge, Inklusion - das sind wichtige Themen. Es ist traurig, dass ein ausgebildeter Lehrer kaum Ahnung von diesen Gebieten hat."

Stefan H., 28, studierte für drei Semester Sekundarschullehramt im Fach Mathematik

Stefan H.

Stefan H.

Foto: Privat

"Ich habe mein Studium abgebrochen. Ich habe es einfach nicht mehr eingesehen, dass ich fachlich so viel wissen muss als Lehrer. Und nicht nur mir ging es so: Viele haben abgebrochen. Besonders diejenigen, die wie ich naturwissenschaftliche Fächer an einer Haupt- oder Realschule unterrichten möchten, haben ein Problem damit.

Das Niveau ist unnötig hoch. Man sitzt im Bachelor mit reinen Mathe-Studenten zusammen und hat auch dieselben Prüfungen, dabei kommt man in Physik an einer Hauptschule zum Beispiel nicht viel weiter als zum elektrischen Stromkreis.

Von niedrigerer Bezahlung, obwohl man das Gleiche wie die anderen studiert hat, ganz zu schweigen. Wer will denn dann heute noch an einer Hauptschule unterrichten? Sogar in Mathematik fürs Gymnasium ist man bereits nach den ersten Semestern weit über das Abiturniveau hinaus. Und da fragen sich alle, warum es so viele Abbrecher gibt.

Ich denke, dass es viel sinnvoller wäre, wenn man für Lehramtsstudenten das Fachliche reduziert und viel mehr praxisnahe Themen gelehrt werden. Oder noch besser: echte Schüler integrieren, so früh wie möglich."

Lorena B., 23, studierte erst Lehramt in den Fächern Mathematik und Sozialkunde, im nächstem Semester wechselt sie in das Studienfach Sonderpädagogik.

Lorena B.

Lorena B.

Foto: Privat

"Ich kann verstehen, dass es zu wenige Mathelehrer gibt. Die Anforderungen sind extrem hoch und ständig fragt man sich: 'Aber ich studiere doch Lehramt, wozu brauche ich das denn?'

Generell müsste das Lehramtsstudium viel praxisbezogener und themenorientierter für die jeweilige Schulform gestaltet werden. Auch die Didaktik ist nicht immer auf dem neuesten Stand. Reformpädagogische Ansätze werden gar nicht erst erwähnt, geschweige denn angewendet.

So sollte zum Beispiel der Frontalunterricht endlich abgeschafft werden - sowohl an der Uni, als auch an der Schule. Es gibt so viel bessere Lehr- und Lernansätze. Das ist mir vor allem in den beiden Schulpraktika, die wir im Studium absolvieren mussten, klar geworden. Aber wieso lernen wir das nicht an der Uni?"

Liesa H., 23, studiert ab dem nächsten Semester im Master Grundschulpädagogik in Berlin.

Liesa H.

Liesa H.

Foto: Privat

"Ich habe viele Dozenten und Dozentinnen sowohl in Seminaren als auch in Vorlesungen erlebt, die mir durch die Gestaltung ihrer Lernveranstaltung vermitteln konnten, dass der Frontalunterricht nicht die beste Wahl ist. Diese Dozenten haben uns viele Tipps und Tricks gelehrt, um Unterricht spannend und zugleich lehrreich zu gestalten.

Leider muss ich zugeben: Es sind es nur eine Handvoll, die mir dieses Gefühl in den Lehrveranstaltungen geben. Dazu kommt, dass zunehmend Seminare aufgrund der ansteigenden Studierendenzahlen in Vorlesungen umgewandelt werden. Im letzten Semester wurde eines unserer Mathematikmodule, welches sich ursprünglich aus zwei Seminaren zusammensetzte, kurzerhand durch eine Vorlesung ersetzt, die mir nicht sehr viel brachte. Im Endeffekt lag es daran, dass es zu viele Studierende und zu wenig Dozierende für das Modul gab. Nur wenige kamen noch in die Vorlesung, auch ich habe mir die Inhalte lieber zu Hause angesehen.

Hier habe ich schon gemerkt: Allein der Dozentenmangel an der Universität ist enorm. Wir brauchen mehr Studienplätze, keine Frage, aber die Lehre der zukünftigen Lehrkräfte sollte nicht darunter leiden müssen."

Eva A., 28, studiert Gymnasiallehramt für Biologie und Musik.

Eva A.

Eva A.

Foto: Privat

"Insgesamt bin ich eigentlich ganz zufrieden mit meinem Studium. Ich lerne von vielem ein bisschen, gerade Musik und Biologie sind Fächer mit hohem Praxisanteil, das liegt mir.

Was mir gar nicht gefällt sind Pädagogik- und Didaktikseminare, in denen bestimmte Methoden total gehypt werden, die mich aber als Schülerin schon richtig genervt haben. Das fängt bei Gruppenarbeiten an. Die meisten davon führen nur dazu, in einer Stunde das hinzubekommen, was einer allein vielleicht in fünf Minuten geschafft hätte. Ich sehe auch nicht, dass Gruppenarbeiten von sich aus auf irgendeine Weise das hervorbringen würden, wofür Teamwork eigentlich nützlich ist, nämlich, dass jeder seine Fähigkeiten einbringt und so alle ein besseres Ergebnis erzielen.

Oft wird auch einfach davon ausgegangen, dass Schüler generell immer hochmotiviert sind, sich stets gute Ergebnisse erarbeiten und diese dann auch mit ihren Mitschülern teilen wollen. Doch Überraschung: Schüler sind nicht immer motiviert und teamfähig.

Was bringt es, wenn tolle Pädagogen sich in Mathe die Zähne ausbeißen?

Eine Schwierigkeit ist vielleicht, dass Menschen Pädagogik und Didaktik lehren, die selbst gern in der Schule waren. Das ist meine Hypothese. Aber so ändert sich nichts. Ich selbst bin nicht gern zur Schule gegangen und werde in solchen Seminaren immer genau an das erinnert, was ich damals schon nicht mochte.

Nur im Schulpraktikum lerne ich, wie Unterricht auch gut funktionieren kann. Nicht mit zahlreichen Pädagogikspielchen, sondern mit einer relativ entspannten Planung, Unterrichtsgesprächen und vor allem bodenständigen Methoden - die aber nicht nerven, weil man ständig seinen Platz wechseln muss oder wieder die fünfte Gruppenarbeit am Tag ansteht.

Ich denke, um mehr Menschen für das Studium zu gewinnen, sollte besonders bei den Mint-Fächern das Niveau flacher gehalten werden. Und es muss viel mehr Wert auf die Wege der Vermittlung gelegt werden. Was bringt es, wenn tolle Pädagogen sich in Mathe die Zähne ausbeißen, weil sie Bruchteile von Sphären der Mathematik nicht verstehen, die sie aber im Unterricht am Ende gar nicht benötigen? Wir brauchen Lehrer, die noch bodenständig genug sind, auch anständig erklären zu können."