Lehrerstreik Tony Blair hat es schwer

Nach den Studentenprotesten gegen die Studiengebühren im Februar streiken nun die Londoner Lehrer auf den Straßen der Metropole. Und wieder geht es um Geld: Die Lehrer fordern eine enorme Gehaltserhöhung.


Studenten bei der Demonstration am 20. Februar: Unzufriedenheit mit der Labour-Regierung
AP

Studenten bei der Demonstration am 20. Februar: Unzufriedenheit mit der Labour-Regierung

Man kann sich vorstellen, wie viele Londoner Schüler am Mittwoch reagierten: Ihre Klassenlehrer hatten ihnen empfohlen, am nächsten Tag besser zu Hause zu bleiben. Denn die Lehrer wollten am Donnerstag streiken - zumindest diejenigen unter ihnen, die Mitglied der Lehrergewerkschaft National Teachers Union (NTU) sind. Und der Schülertraum ist tatsächlich wahr geworden: 450.000 Londoner Kinder und Jugendliche durften am Donnerstag zu Hause bleiben. Denn ohne Lehrer gibt es nun mal auch keinen Unterricht.

Die Gewerkschaft hatte sich am 5. März für den Massenstreik entschieden, um so die schon seit langem geforderte Lohnerhöhung durch zu setzten. Gekommen sind insgesamt mehr als 3000 Lehrer aus ganz London, was zur Schließung von rund der Hälfte aller Londoner Schulen führte: über 1000. Damit war der Streik aus Sicht der NTU bislang ein absoluter Erfolg. Seit 30 Jahren konnten schon nicht mehr so viele Menschen aus dem gesamten Gebiet der britischen Metropole für einen Streik mobilisiert werden. Was fehlt, ist jetzt nur noch die Aufstockung der Gehälter.

Vor den Kopf gestoßen

Angebahnt hat sich dieser Protest schon seit Monaten. Immer wieder forderten die Londoner Lehrer mehr Geld und verwiesen dabei auf die enorm hohen Lebenserhaltungskosten in der Hauptstadt und die hohe Arbeitsbelastung an den Londoner Schulen. Vergleiche mit den anderen Berufsgruppen wurden angestellt - erfolglos. Die Labour-Regierung und ihre Bildungsministerin Estelle Morris versuchten, die aufgebrachten Gemüter zu besänftigen. "Es besteht kein Grund zu streiken. Wir hören zu und sind auch bereit zu Verhandlungen", sagte die Ministerin laut BBC noch zu Beginn dieser Woche. Eine für April angesetzte Erhöhung der Lehrergehälter in ganz Großbritannien um 3.5 Prozent sollte die Lage endgültig entschärfen. Die Londoner Lehrer fühlten sich dadurch vor den Kopf gestoßen.

Londoner Polizisten: So viel wie sie würden die Lehrer gerne verdienen
REUTERS

Londoner Polizisten: So viel wie sie würden die Lehrer gerne verdienen

Denn ihnen ging es vor allem um die Aufstockung ihres jährlichen Gehaltszuschlags. Diesen erhalten Londoner Staatsdiener auf Grund der - im Vergleich zur Provinz - sehr viel höheren Lebenserhaltungskosten in der Hauptstadt. Mit 3000 Pfund (4334,03 Euro) pro Jahr sind die Londoner Lehrer bislang aber die Schlusslichter in der sündhaft teuren Stadt - Polizisten erhalten 6000 Pfund (9668,06 Euro). Die NTU hatte deshalb eine Erhöhung um ein Drittel, also auf 4000 Pfund (6427,77 Euro), gefordert. Daher konnte die landesweite Gehaltserhöhung für Lehrer um 3.5 Prozent, welche auch den jährlichen Gehaltszuschlag der Londoner mit einbezog, nur schwerlich auf die Zustimmung der Gewerkschaft stoßen.

Erziehungsministerin Morris verhält sich laut BBC nach wie vor unnachgiebig: "Mit Streiks wird nichts erreicht, außer die Schüler, Eltern und die Lehrer selbst zu schädigen." Doch bei dem Ausmaß der Arbeitsniederlegung wird sie diese Einstellung nicht lange beibehalten können. Schade - aus der Sicht der Schüler.



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