Leidenschaft Hacken "Wie mit einer schönen Frau"

Hacker gelten nicht mehr nur als böse Buben, sondern als potentiell interessante Arbeitnehmer für Softwarefirmen. Manche aber haben es faustdick hinter den Ohren. Der Berliner Informatiker Jonathan, 28, über gute und gemeine Hacks, den Reiz und das Risiko krimineller Digitalattacken.

"Jonathan" mag seinen richtigen Namen nicht gedruckt sehen - er fürchtet rechtliche und berufliche Konsequenzen.

UniSPIEGEL: Sie waren mal ein krimineller Hacker. Wie aufregend ist Ihr Leben heute so?

Jonathan: Ich arbeite bei einem großen Unternehmen in der Sicherheitsabteilung, suche im Betriebssystem nach Sicherheitslücken oder halte Vorträge über Datenschutz. Es gibt Tage, an denen habe ich nichts zu tun. Ich surfe dann im Internet oder gucke "Mad Men" ...

UniSPIEGEL: ... oder Sie halten ein Nickerchen?

Jonathan: Ja, ja, ich weiß, spannend ist das nicht. Aber okay. Natürlich nicht vergleichbar mit dem Gefühl, das mir das Hacken damals gab. Ich war praktisch süchtig danach und habe viele, viele Nächte voller Adrenalin vor dem Rechner verbracht.

UniSPIEGEL: Wann sind Sie das erste Mal in ein fremdes System eingebrochen?

Jonathan: Das war vor drei Jahren, noch während des Studiums. Mein Ziel war die Deutsche Post. Ich hatte seit Tagen an einer Mailserver-Software herumgedoktert und konnte an nichts anderes mehr denken. Um fünf Uhr morgens war es so weit. Ich kam rein. Ich konnte mich frei auf dem Mailserver der Post bewegen! Ich hätte Tausende Mails lesen, kopieren und veröffentlichen können.

UniSPIEGEL: Haben Sie aber nicht - davon hätten wir gehört.

Jonathan: Daten der Post zu verbreiten war mir eine Nummer zu groß. Es war mein erster großer Coup, und er gelang auf Anhieb. Nur das wollte ich den anderen beweisen. Mehr nicht.

UniSPIEGEL: Den anderen?

Jonathan: Wir waren damals eine Hacker-Crew, etwa zehn Jungs, und nannten uns die "Sirenen". Ich machte einen Screenshot des gehackten Servers und schickte das Foto an die Jungs raus. Es war kurz nach fünf Uhr morgens, und alle waren noch wach. Und beeindruckt. Wir hackten meistens nachts, weil da die Gefahr gering war, dass jemand merkt, wie wir Server zusammenbrechen ließen. Das zu schaffen macht stolzer als jede Eins in einer Klausur.

UniSPIEGEL: Wieso haben Sie dann aufgehört?

Jonathan: Das Risiko, erwischt zu werden, ist hoch. Zu hoch für jemanden wie mich, der eher für den Kick und die Selbstbestätigung hackte. Es ging mir nicht um Profit oder Sabotage. Für das bisschen Spaß wollte ich keine Gefängnisstrafe riskieren. Dann lieber regelmäßig Geld verdienen, ohne Angst und mit ruhigem Schlaf. Das geht nur als "White Hat", als gesetzestreuer Hacker.

UniSPIEGEL: Aber haben die "Black Hats" nicht ein viel besseres Prestige?

Jonathan: Moment! Ich war ein "Grey Hat", kein "Black Hat".

UniSPIEGEL: Was ist da der Unterschied?

Jonathan: "Black Hats" hacken besser. Sie machen nichts anderes. Sie arbeiten zielstrebig und geübt in der Wirtschaftsspionage. Manche verdienen so Millionen. Letztlich ist es mit dem Hacken als "Black Hat" wie mit einer schönen Frau: Sie ist reizvoll und anziehend, aber man weiß, dass man sich früher oder später die Finger verbrennt.

UniSPIEGEL: Waren Sie einfach nicht gut genug, um auf Dauer unentdeckt zu bleiben?

Jonathan: Selbst die Besten machen mal einen Fehler, das ist menschlich. Und in der Szene herrscht ein immenser Druck. Nach einer Auszeit von höchstens vier Wochen ist man technisch nicht mehr up to date. Man findet keinen Anschluss mehr. Die meisten halten dem Druck auf Dauer nicht stand oder werden erst nach einer Gefängnisstrafe einsichtig.

UniSPIEGEL: Wie ist das Verhältnis zwischen Weiß- und Schwarzhüten?

Jonathan: Sie kämpfen gegeneinander.

UniSPIEGEL: Ein Hacker-Krieg?

Jonathan: Früher vielleicht. Heute würde ich es eher als Feindschaft bezeichnen. Die "Black Hats" sind mit der Zeit vorsichtiger geworden - sie wissen, dass die Weißen ihnen gefährlich werden können. Die kennen ihre Tricks. Allerdings verstößt es umgekehrt gegen die Ethik eines "White Hat", einen "Black Hat" zu hacken. Man hat Respekt. Vielleicht auch versteckte Bewunderung, Ehrfurcht. Schließlich verfügen sie über den Mut, der uns Weißen fehlt.

UniSPIEGEL: Na, hören wir da Sehnsucht nach dem alten Leben?

Jonathan: Na ja, manchmal stelle ich mir vor, dass mir ein Millionendeal in die Finger käme. Dann könnte ich mir wenigstens Champagner leisten, um die Angst darin zu ertränken.

Das Interview führte Katrin Kolossa

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