Leipziger Allerlei Zwist um Wiederaufbau der Uni-Kirche

Was der Krieg nicht schaffte, sprengte die SED weg: 1968 versank die Leipziger Paulinerkirche im Staub, ein Uni-Bau entstand dort. Jetzt forderten 28 Nobelpreisträger den Wiederaufbau - doch der Leipziger Rektor ist "überrascht und verärgert".

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Das umstrittene Uni-Gebäude - mit Marx-Relief und Installation zur Erinnerung an die Kirchensprengung

Das umstrittene Uni-Gebäude - mit Marx-Relief und Installation zur Erinnerung an die Kirchensprengung

Ganz und gar unweihnachtliche Stimmung in Leipzig: Dort wird derzeit ein Architektenwettbewerb ausgetragen, der die Neugestaltung der Universität in der Leipziger Innenstadt zum Ziel hat. Zur Disposition steht auch das sanierungsbedürftige Uni-Verwaltungsgebäude mit dem markanten Marx-Relief.

Früher stand an der gleichen Stelle die Paulinerkirche, die den Zweiten Weltkrieg nahezu schadlos überstanden hatte. Doch am 30. Mai 1968 hatte Walter Ulbricht der fast 800 Jahre alten gotischen Bau sprengen lassen - allen Widerständen der Bevölkerung zum Trotz. Das Gotteshaus musste einer "sozialistischen Universität" weichen. Das benachbarte Hochhaus, im Volksmund "Weisheitszahn", wurde bereits verkauft. Und der Verwaltungsbau, sicher kein Schmuckstück, stehe der Neugestaltung des Augustusplatzes im Wege, meint eine Initiative zum Wiederaufbau der alten Universitätskirche.

Warnung vor "folgenschwerem Versäumnis"

Debatten darüber gibt es in Leipzig schon seit geraumer Zeit. Doch die Idee schien weitgehend erledigt - bis sich pünktlich zur ersten Sitzung der Wettbewerbsjury Günter Blobel zu Wort meldete. Der Medizin-Nobelpreisträger des Jahres 2000 präsentierte einen Aufruf. Gemeinsam mit 27 Nobelpreisträgern und zahlreichen weiteren Prominenten forderte er die einen originalgetreue Kirchenrekonstruktion.

Der Leipziger Augustusplatz um 1900

Der Leipziger Augustusplatz um 1900

"Die Paulinerkirche nicht wieder aufzubauen wäre ein folgenschweres Versäumnis, welches den Ruf und damit die Zukunft der Universität Leipzig außergewöhnlich stark kompromittieren würde", heißt es in dem Aufruf.

Der Leipziger Rektor Volker Bigl allerdings reagierte "überrascht und verärgert" auf Blobels Initiative. "Ich hätte mich gefreut, wenn jene Leute, die jetzt den Aufruf unterzeichnen, in den letzten Jahren mit Vorschlägen für realisierbare Projekte aktiv geworden wären", sagte Bigl. Es sei "traurig", wenn immer wieder ideologisierend die Paulinerkirche bemüht werde, darüber aber die einmalige Chance zur Neugestaltung der Uni im Innern der Stadt vergessen werde.

Statt Kirche Mahnmal gegen Diktatur?

Auch der Leipziger StudentInnenRat hält einen originalgetreuen Wiederaufbau für den falschen Weg: Das würde "nur eine Wunde in der Geschichte der Stadt und der Universität überdecken", sagen die StuRa-Sprecher Maria Hetzer und Jan Naujoks und fordern stattdessen "ein Mahnmal gegen jede Diktatur und Einschränkung der Freiheit". In das Andenken müssten auch die Montagsdemonstrationen vor der Wende einbezogen werden.

Homepage der Paulinerkirche-Initiative

Homepage der Paulinerkirche-Initiative

Günter Blobel nimmt die Auseinandersetzungen gelassen. "Streit gehört in der Demokratie zum gepflegten Umgang", sagt er. Mit dem Bohren dicker Bretter beim Neuaufbau von Kirchen hat der Nobelpreisträger so seine Erfahrungen: Das Preisgeld des Nobel-Komitees hatte er vor zwei Jahren für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche gespendet. Blobel gründete die in New York ansässige Vereinigung "Friends of Dresden", sammelte bei einer Benefizgala über 100.000 Dollar und gab den Anstoß zu einer beispiellosen Spendenwelle für die 1945 durch Bomben zerstörte Kirche.



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