Leipzigs Diplom-Dichter Aufgeschrieben in Ruinen

"Schreiben kann man lernen", glauben die Leipziger Studenten des Deutschen Literaturinstituts. In sechs Semestern gehen sie durch eine harte Schreib-Schule und haben pünktlich zur Buchmesse erstmals eine Werkschau veröffentlicht. Der Stil der "Tippgemeinschaft": von unkonventionell bis unverständlich.

Von Carsten Heckmann


Leipziger Institut: In sechs Semestern zum Dichter-Diplom
GMS

Leipziger Institut: In sechs Semestern zum Dichter-Diplom

"Ich hasse Semesterferien." Eine Studentin, die so was schreibt, hat wohl zu lange in der Sonne gelegen. Weit gefehlt: Sie heißt Melanie Arns, studiert erstens offenbar sehr gern am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL), und zweitens scheint ihr mit der Beschreibung ihrer Ferien-Langeweile die Flucht vor einer drohenden Schreibblockade gelungen zu sein.

Der zitierte Satz findet sich im neuen Buch "Tippgemeinschaft" mit anderen nachwuchsschriftstellerischen Erkenntnissen wie der hintersinnigen Ausführung "der weg ist das ziel, aber es gibt keinen weg, nur ein ziel, das wir weg nennen" (Hannes Leuschner). Oder auch der fäkalsprachlichen Entgleisung "Innereien lagen auf dem Teppich, der Kot und Urin aus mir herausgelaufen" (Marascha Daniela Heisig).

Die Perspektive der Leiche

Dieser kurze Auszug stammt aus dem morbidesten Satz des Buches, der zugleich einer der längsten ist. Aber auch einer der besten. Eine üble, unterhaltsame Tatort-Szenerie aus der Perspektive der Leiche. Erfrischend anders.

Studentin Verena Rossbacher: "Ein Luxusleben"
Carsten Heckmann

Studentin Verena Rossbacher: "Ein Luxusleben"

So sind manche Texte unkonventionell, andere scheinbar unsinnig, manche schlicht unverständlich - meist lyrische Zeilen mit "Häh?"- statt "Aha"-Effekt. Sollten sie eine Schlusspointe haben, man wird sie mangels Durchhaltevermögen verpassen. Beim "Besuch bei der Mutter" von Dorothee Brix passiert das zum Glück nicht. Ein wunderbares Stück über den Einzelgänger Albert, der mit 40 bei seiner Mama ausgezogen ist und als Museumsaufseher arbeitet, was enorm vorteilhaft ist: "Niemand möchte ihn sehen."

Im Buch sind Gedichte, Erzählungen, Kurzgeschichten, Romanfragmente versammelt - eine Premiere: die erste Jahresanthologie der Studierenden der Penne der Poeten, pünktlich erschienen zur Leipziger Buchmesse. 33 der 65 angehenden Dichter mit Diplom haben Texte für das Werk eingereicht, das komplett in Eigenregie entstand und verlegt wird. Die künstlerische Gestaltung übernahmen Studenten der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst.

"Tippgemeinschaft" in der Enklave

Jungautorin Ricarda Junge: Einige Absolventen haben es geschafft
GMS

Jungautorin Ricarda Junge: Einige Absolventen haben es geschafft

Den Titel "Tippgemeinschaft" findet Mitorganisator und Zweitsemestler Claudius Nießen "herrlich unprätentiös" und "gewünscht doppeldeutig", seine Kommilitonin Verena Rossbacher kann ihm deutlich weniger abgewinnen: "Er entspricht offen gestanden überhaupt nicht meinem Empfinden von diesem Institut."

"Welch ein schrecklicher Titel für eine Anthologie, dachte ich", schreibt auch Institutsdirektor und "Opernball"-Autor Josef Haslinger im Vorwort. Aber ihm dämmerte die Erkenntnis, dass das literarische Schreiben eine gemeinschaftliche Seite habe, die sich im DLL vor allem im Gespräch über Texte offenbare.

Premiere der Poeten: Buch "Tippgemeinschaft"

Premiere der Poeten: Buch "Tippgemeinschaft"

Werkstattseminare, wie sie dort allenthalben stattfinden, seien eine Art gemeinschaftliches Produktionsstadium: "Mithin meint der Begriff Gemeinschaft vor allem, dass alle am Projekt Deutsches Literaturinstitut Beteiligten in derselben Situation sind."

Diese Situation ist außergewöhnlich. Da wäre zunächst die Enklave, in der sie sich befinden: die herrschaftliche Villa im Leipziger Musikviertel, in der schon zu DDR-Zeiten der nach Kulturminister Johannes R. Becher benannte DLL-Vorgänger zuhause war. Abgeschirmt von hohen Bäumen und inzwischen auch von Absperrgittern - die Nachbarschaft zum US-Konsulat wirkt sich aus. Ein Hort der Ruhe, wenn nicht gerade die Dielen quietschen.

"Kleinkrieg" im Seminar

Da wäre außerdem das Auserwähltsein. Hunderte von Bewerbern versuchen jedes Jahr, ans DLL zu kommen. Nur 10 bis 20 werden genommen, um dann sechs Semester lang Literaturtheorie und -historie zu pauken, vor allem aber um zu schreiben und übers Schreiben zu reden. "Ein Luxusleben", findet Verena Rossbacher.

"Schreiben kann man lernen - im Kleinkrieg mit eigenen und fremden Texten", so Josef Haslinger. Da kann die Betonung in "Gemeinschaft" durchaus auf "gemein" liegen. Die Schreiberlinge müssen auch das Talent mitbringen, Kritik einstecken und verarbeiten zu können. Es soll schon Studenten gegeben haben, die heulend aus einem Seminar gerannt sind.

Einen Satz hört man oft: "Am Anfang wirst du völlig auseinandergenommen, und dann musst du dich allmählich wieder zusammensetzen." Verena Rossbacher hat den Anfang schon hinter sich. Die 23-Jährige ist im 4. Semester. Sie sagt: "Was sich mit der Zeit herauskristallisiert aus dem ganzen Konvolut, ist der eigene Stil."

Also nicht "eine Art antrainierte Professionalität", die die "Welt" einmal aus einem Absolventenbuch herausgelesen haben will. Und es geht auch nicht nur um "das verpönte Adjektiv", dem die "Süddeutsche" eine Überschrift widmete.

Und alles ward grau

Klar, überflüssige Deko soll weg. Aber das muss nicht bei allen Nachwuchsliteraten so aussehen wie bei Ruth Wiebusch, in deren Anthologie-Beitrag plötzlich alles grau ist - von Steinen über Hitze und Meerwasser bis zu Sommersprossen. Ein grauer Text.

Absolventin Juli Zeh: Bekam bei der Buchmesse 2002 den Preis fürs "erfolgreichste Debüt"
DPA

Absolventin Juli Zeh: Bekam bei der Buchmesse 2002 den Preis fürs "erfolgreichste Debüt"

Es kann so aussehen wie bei Jadwiga Engelmann, die in "Berlin im Februar" eine mit nur fünf Sätzen ganz kurze und ganz gute Geschichte präsentiert. Oder wie bei Verena Rossbacher, wenn sie schreibt, wie nüchtern doch das Leben sein kann: "Da kommt man nicht umhin. Lebt man, tut man. Man stellt sich ein. Tja."

Einige Absolventen haben es geschafft. Zumindest das Debüt, manche auch mehr. Zum Beispiel Juli Zeh ("Adler und Engel"), Ricarda Junge ("Silberfaden"), Anke Stelling und Robby Dannenberg ("Nimm mich mit"). Können und Glück dürften sich bei ihnen gepaart haben.

Glück spielt halt auch eine Rolle. Die Studiosi wissen das: "Man gehört zu einer 'Tippgemeinschaft', wo man irgendwann mal den richtigen Verleger findet", sagt Claudius Nießen. Vielleicht, hofft der 23-Jährige, findet sich so einer auf der Buchmesse ja für die Anthologie 2004.

Einer, der erkennt, wie sehr der Nachwuchs blüht im oft Boomtown des Ostens genannten Leipzig. Obwohl die Buchmessestadt in den "Ableitungen" des Studenten Lars Reyer nicht gut wegkommt: "Industrieluft stockt in den Straßen (abgestandener Atem, den der Wind nicht vertreibt), durchs Kopfsteinpflaster bricht Unkraut, Ruinenlandschaft mit Metastasen von Telekomarchitektur."


Das Buch:

  • Tippgemeinschaft. Jahresanthologie der Studierenden des Deutschen Literaturinstituts Leipzig 2003. Paperback, 176 Seiten, 10 Euro
  • Buchpräsentation: Samstag, 22. März, um 19 Uhr im Deutschen Literaturinstitut Leipzig, Wächterstraße 34
  • Bei der Buchmesse vom 20. bis 23. März: Das Deutsche Literaturinstitut ist am Stand der Universität Leipzig präsent (Neues Messegelände, Halle 3, Stand C 209)
  • "Kann man schreiben lernen?" Der Schriftsteller Josef Haslinger im Gespräch mit Absolventen des Deutschen Literaturinstituts Leipzig (Freitag, 21. März, 14 Uhr am SPIEGEL-Stand bei der Leipziger Buchmesse)



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