Uni-Versager Mein furioser Auftakt des Scheiterns

Uni-Loser Felix Dachsel, 28, erinnert sich an seinen Start ins erste Semester: Schon bevor er den Fuß in die Universität setzte, überkamen ihn erste Fluchtgedanken. Aus dem Leben eines Leistungsverweigerers.

Nebeneinander an der Uni: Höhere Töchter, Abbrecher, kleine Professoren
Corbis

Nebeneinander an der Uni: Höhere Töchter, Abbrecher, kleine Professoren


"Mein erster Tag an der Uni war ein Sommertag. Okay, eigentlich war es ein Apriltag, aber es sah aus wie Sommer. Ein fröhlicher Tag in meiner ersten Studienstadt München, der Hauptstadt der strahlenden Menschen. In München haben die Menschen ihr Leben ganz besonders im Griff. Sie haben ihr Leben so sehr im Griff, dass sie morgens noch Zeit finden, sich edle Tücher um den Hals zu binden und die Lackschuhe zu polieren. Sie steigen dann in ihre Mittelklasse-Autos und sind so kalifornisch gut drauf, dass es wehtut.

Mir fuhren Radfahrer entgegen, die große Sonnenbrillen trugen und aussahen, als spielten sie in einem Werbespot für Hautcreme mit. Sie hatten außerordentlich reine Haut, und ihre gut gespülten Haare wehten im Wind. Sie hätten auch in einem Werbespot für Spülmittel, Lebensversicherungen, Babybrei oder Mineralwasser mitspielen können. Sie strahlten diese Vitalität aus, die ich nicht hatte. Mein Rücken war etwas krumm, ich ging geduckt. Ich hatte mir diese Haltung in der Schule angewöhnt: eine Art Totenstarre, mit der ich möglichst unerkannt blieb.

Ich trug denselben Rucksack wie zu Schulzeiten. Er hatte Staub angesetzt. Im hintersten Fach gammelte ein Schokocroissant vor sich hin, eine Erinnerung an die schwärzesten Tage meine Schulzeit, und im vorderen Fach lief ein Kugelschreiber aus. An jenem sonnigen Tag sollte also das Scheitern meiner Universitätskarriere mit einem furiosen Auftakt beginnen. Ich hatte mich für ein Magisterstudium mit drei Fächern entschieden. Neuere Deutsche Literatur, Psychologie und Spanisch.

Warum sollte ich da jetzt reingehen?

Als ich das Hauptgebäude der Uni erreichte, schoben sich Regenwolken vor die Sonne. Ich stand vor einem riesigen Eingangstor und zog die Träger meines Rucksacks fest. Warum sollte ich da jetzt reingehen? Es würde doch keiner merken, wenn ich wieder nach Hause ginge. Oder ich könnte es machen wie der Typ in dem Auster-Roman 'Mond über Manhattan'. Die Uni schmeißen und im Englischen Garten leben.

Ich ging dann doch rein.

Der Hörsaal war halb gefüllt, und vorne ging ein bärtiger Mann auf und ab, um dessen Hals ein Mikrofon hing. Er sprach so leise, dass es ihm egal sein musste, ob jemand etwas verstand oder nicht. Und wenn jemand eine Frage stellte, dann antwortete er meistens: "Das kann man so allgemein nicht beantworten."

Ich blieb ganz hinten stehen und sah mich um. Hier saßen wir also; frisch der Schule entkommen, von einem Auslandsjahr in Australien oder Peru zurückgekehrt, hierher gelangt über Umwege und Abkürzungen, erwartungsfroh und hoffnungslos, gelangweilt und nervös, höhere Töchter, Abbrecher, Streber, kleine Professoren. Ich suchte mir einen Platz ganz außen, nah an der Tür. Ich legte Block und Stift vor mich, weil alle Block und Stift vor sich hatten. Doch immer, wenn ich den Stift zum Schreiben ansetzte, fiel mir nicht ein, was ich notieren sollte, weil ich nichts von dem verstand, wovon der Mann vorne sprach.

Ich malte einen Elefanten, ein Hochhaus, Bäume, Wolken, eine Sonne und einen VW Golf. Mein Nebensitzer lächelte mich an. Er faltete aus einem Flyer der grünen Hochschulgruppe einen majestätischen Schwan und ließ ihn mit sanften Handbewegungen über die Tischplatte tanzen.

Aus einem Papierschnipsel formte ich eine Kugel und schnipste sie dem Schwan entgegen. Mein Nebensitzer ließ das Papiertier einen Satz machen und die Kugel abfangen, wie ein Torwart. Er kickte die Kugel mit seinem Zeigefinger zurück, und so spielten wir konzentriert wie Kinder, die eine Sandburg bauen, zehn Minuten oder eine halbe Stunde, bis alle im Saal begannen, mit geballter Faust auf die Tische zu klopfen und der Mann vorne seine Folien vom Tageslichtprojektor zog und wortlos den Raum verließ. Ich hatte meine erste Veranstaltung an einer Universität hinter mir und keine Ahnung von nichts."

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Prominente Studienabbrecher: Es gibt ein Leben nach der Uni



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