Lexikon des Bösen Es ist hingerichtet

Sie trafen sich in einer Idylle und entwarfen Grausig-Schönes: Je zwölf Studenten dreier Kunsthochschulen kreierten das "Lexikon des Bösen". Darin finden sich nicht nur die Einträge "Galgen" und "Schurkenstaat" wieder, sondern auch "Tablett" und "Kaffeetafel" – alles eine Frage der Interpretation.

Von Carsten Heckmann


Böse: Volker Pfüller, Katrin Stangl, Gerda Raidt
Carsten Heckmann

Böse: Volker Pfüller, Katrin Stangl, Gerda Raidt

Am Anfang steht der Aal. Eigentlich ein ganz harmloser Meeresbewohner. "Marinejargon für Torpedo" steht jedoch neben dem Bild eines solchen Geschosses geschrieben. Überraschungen wie diese erlebt der Leser immer wieder, wenn er "Das illustrierte Lexikon des Bösen von A bis Z" aufschlägt und die 424 Stichworte mit den dazugehörigen Illustrationen durchstöbert.

Der "Teddybär", liest und sieht man da, ist ein "Schmuggelbehälter für Rauschmittel und Feuerwaffen", die Kaffeetafel "ein Ort der tausendfachen Möglichkeiten, unangenehm aufzufallen, z.B. durch anstößige Bemerkungen, Knigge-Unkenntnis, unklare Zukunftsvorstellungen".

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Lexikon des Bösen: Es ist hingerichtet

"Einige der Studierenden haben einen konventionellen Begriff in einen anderen Zusammenhang gestellt", sagt Professor Volker Pfüller von der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. "Andere haben sogar neue Wörter erfunden." Das Verb "onkeln" zum Beispiel: "auch tanteln, omeln, opeln. Ist eine Begrüßungszeremonie von Verwandten, ... bei deren unvermeidlichem Besuch die Jugend hinhalten muss, dieses Herumzwacken und -klopfen über sich ergehen zu lassen." Begleitet werde "onkeln" von Sätzen wie "Bist du aber groß geworden".

Idyllische Zusammenkunft im Namen des Bösen

Im Sommer 2001 kamen je ein Dutzend Illustrationsstudenten von drei Hochschulen, aus Leipzig, von der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und der Berliner Universität der Künste auf einem Gutshof zusammen - und widmeten sich dem Bösen.

Lexikon: Das Böse ist immer und überall

Lexikon: Das Böse ist immer und überall

Dreieinhalb Jahre vergingen, bis das Ergebnis des Ausfluges auf die schattige Seite des Lebens auf dem Tisch lag. "Das Lexikon selbst betrachte ich eher als Nebenprodukt - wobei es schön ist, dass es entstanden ist", sagt Gerda Raidt, die im Oktober 2004 ihr Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst beendet hat.

Raidt hat unter anderem einen "Maskierten" gezeichnet, der glatt dem Kino-Animationsspektakel "Die Unglaublichen" entsprungen sein könnte. Viel Text war bei diesem Stichwort gar nicht nötig, andere kommen gar ganz ohne erklärende Zeilen aus. So wird der "Mount Everest" zum bösen Berg durch einen vom Tode gezeichneten Gipfelstürmer und Totenköpfe im Tal.

Arme Quietscheenten

"Im Vordergrund stand, Zeichnungen zu schaffen, das Lexikon ist nur das Vehikel", erklärt Volker Pfüller. "Wobei wir Illustratoren ja immer angewandte Kunst betreiben, unsere Zeichnungen stehen stets in einem Kontext, da ist in der Regel das Thema vorgegeben."

Die Dozenten gaben "das Böse" als Thema vor. Schließlich scheine das Böse die Phantasie "weit mehr zu beflügeln als die Vorstellung vom Guten", schreibt Henning Wagenbreth im Vorwort zum Lexikon. "Die Angst vor dem Bösen ist eine wichtige Quelle der Kunst."

Fiese Illustrationen: Eintrag "Jeansfarm"

Fiese Illustrationen: Eintrag "Jeansfarm"

Freien Lauf haben die drei Lehrkräfte der Phantasie ihrer Studenten allerdings nicht gelassen. Die Nachwuchskünstler mussten Lose ziehen. Sie gaben Buchstabe und Wortart vor. Dieser Tatsache sind wohl viele witzige Einträge zu verdanken wie der "Quietscheentenfänger" und das "X-chromosomieren".

Zum Teil wird kurzerhand Positives in Negatives umgedeutet, wie beim rankenden Efeu, der bösartig die Aussicht versperrt und das Licht fernhält. Das Tablett hingegen ermögliche die "würdevolle Hinrichtung" - wie ein dekorativ präsentiertes Giftfläschchen auf demselben beweist. Manches wirkt arg weit hergeholt.

Mit Eiern gegen den Schurkenstaat

Ein paar Stichworte ohne lexikalischen Überraschungseffekt gibt es auch. "Hitler" und "Bin Laden" zum Beispiel, "Galgen" und "massakrieren". Die Schwarz-Weiß-Zeichnungen dazu sind mal hintergründig-interessant, mal ironisch und provokant, mal verstörend bis platt.

Aber es stechen doch einige kreative Werke heraus. Etwa der "Schurkenstaat", der "mit allen Mitteln bekämpft werden muss" - laut Illustration auch mit Eiern. Oder die "Wiedervereinigung", die "zwei Reiche des Bösen" die Existenz gekostet und Fortschritt gebracht habe. Das Bildnis dazu zeigt einen Broiler auf einer Banane.

Info

"Das illustrierte Lexikon des Bösen von A bis Z" kostet 12 Euro und ist nicht im Buchhandel erhältlich. Bestellungen an: Hochschule für Grafik und Buchkunst, Klasse Illustration, Professor Volker Pfüller, Wächterstraße 11, 04107 Leipzig, Fax 0341/2135166



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