Handyromanzen in Pakistan "Ich schwöre, ich vermisse Dich"

Romantische Gefühle von Mädchen gelten als Schande in pakistanischen Bergdörfern. Samira, 20, und Farida, 17, haben sich trotzdem verliebt - dank des Mobilfunknetzes.

Anna-Maria Walter

Samira ist 20 Jahre alt, wohnt bei ihren Eltern und ist verheiratet mit einem Mann, den sie noch kaum kennt.

Das ist völlig normal in ihrer Heimat Gilgit, dem Hochgebirge Nordpakistans. Vor wenigen Monaten heiratete sie ihren Mann Ali, der nun in der Großstadt studiert, während Samira weiterhin bei ihren Eltern lebt.

Es ist eine arrangierte Ehe: Vor der Hochzeit kannten sich Samira und Ali nur von Fotos und Erzählungen. Sie vertrauten ihren Eltern, die die Partner füreinander ausgesucht hatten. Bei der Hochzeitszeremonie saßen sie verschämt nebeneinander. Samira wagte nicht, in die Richtung ihres Mannes zu sehen. "Als er ein paar Tage später zu Besuch kam, hätte ich ihn fast nicht erkannt."

Heiraten, ohne vorher in den Partner verliebt zu sein ist für viele Menschen in Europa unvorstellbar, in Pakistan hingegen ein alltäglicher Vorgang. Doch auch in Samiras Heimatdorf hält seit Kurzem die Vorstellung Einzug, dass romantische Liebe zur Ehe gehört. Ermöglicht hat das der technische Fortschritt. Die entlegenen Täler der Gebirgsregion Gilgits werden seit einigen Jahren vom Mobilfunk erschlossen.

Das Mobilfunknetz ist der Grund, warum sich Ali seiner Braut Samira während ihrer Hochzeit dann doch zuwandte: Er überreichte ihr das wichtigste Hochzeitsgeschenk, ein chinesisches Smartphone. Samiras Schwestern und Freundinnen waren außer sich vor Freude über so viel Romantik. Seitdem piepst und vibriert das Handy Dutzende Male am Tag. Vor dem Schlafengehen zieht sich Samira zu langen, geflüsterten Gesprächen zum Nachttarif zurück. Mit hochroten Ohren gibt sie zu: "Ich glaube, ich habe mich in Ali verliebt."

Rubina lehnte alle Bewerber ab

Mobiltelefone geben jungen Frauen in der pakistanischen Region Kaschmir zunehmend die Chance, emotionale Nähe zu ihrem frischangetrauten Ehemann aufzubauen. In einem gesellschaftlich akzeptierten Rahmen dürfen sie nun flirten, ohne die Normen und Werte ihrer Kultur zu verletzen. Fotografieren, Radio hören, Videos anschauen, im Netz surfen - natürlich machen pakistanische Mädchen auch all dies. Am wichtigsten für sie ist aber die neue Aushandlung der Geschlechterbeziehungen, sie nehmen ihre Liebesangelegenheiten selbst in die Hand.

Farida, 17, besitzt noch kein eigenes Telefon, chattet aber heimlich vom Handy ihrer Mutter mit ihrem Verlobten. Schnell schicken die beiden ein paar Nachrichten hin und her - "Na, was kochst du heute zu Abend?" aber auch "Ich schwöre, ich vermisse dich, Liebling" - doch lange hat Farida nicht Zeit, bevor ihre Mutter sie fragend beäugt. In der Großfamilie findet sich aber immer jemand, der Mädchen, die selbst noch kein Telefon besitzen, eines zur Verfügung stellt. Faridas Mutter nutzt das Telefon ohnehin kaum - sie ist Analphabetin.

Rubina hingegen lehnt reihenweise Heiratsofferten ab - die 19-Jährige hat sich bereits verliebt. Weil voreheliche Gefühle von Mädchen als Schande gelten, kann Rubina mit ihren Eltern nicht offen reden. Irgendwann begriff ihr Onkel, der Vater des Auserwählten, dass Rubinas Herz für seinen Sohn schlägt. Seit Jahren telefonierten und schrieben sich die beiden, ihrer Mutter gegenüber würde Rubina heute noch nicht zugeben, dass sie sich verliebt hat, so sehr schämt sie sich für ihre Eigeninitiative. Als Cousin gehört ihr Mohammad aber zu den ohnehin präferierten Heiratskandidaten und so hat ihre Geschichte ein glückliches Ende.

Nicht alle sind davon begeistert, dass junge Frauen nun Kontakt zu ihren Ehemännern aufnehmen, bevor sie ins Haus seiner Familie ziehen. Einen "kleinen Bruder des Teufels" nannte ein Lehrer in einem Gedicht die gefühlte Bedrohung durch Smartphones. Enger Austausch zwischen zwei Partnern kann nämlich auch nach hinten losgehen. Stellen sie in intensivem Handykontakt fest, dass sie sich nicht mögen, wird es problematisch. Alte Wertvorstellungen von Ehre treffen dann auf neue Ideen von Selbstbestimmung.

Die Idee von romantischer Liebe bringt nicht nur das Handy in die Täler des Hochgebirges. Traditionen werden auch überholt von indischen Seifenopern, westlichen Filmen und Bildung. "Liebe? Oder arrangiert?", fragen sich Freundinnen im Vertrauen gegenseitig. Samira, Rubina und Farida haben beides: arrangierte Liebesehen, bei der sich junge Verwandte über das Smartphone ineinander verlieben.

Zur Autorin
  • privat
    Anna-Maria Walter ist Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Ethnologie der LMU München. Sie lebte 14 Monate in Gilgit-Baltistan und erforschte die dortige Aneignung des Mobiltelefons durch Frauen und wie dies die Geschlechterbeziehungen verändert.



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