Leseprobe "Liebe kann mich mal" von Nastasia Martinez

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Studenten als Autoren: "Hey, hast du Lust, ein Buch zu schreiben?"

Foto: Hannes Kaczmarzyk

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"Du bist ein gottverdammter Soldat! Wie kannst du dir da in einem Riesenrad in die Hosen scheißen?", lache ich laut und wackle noch ein bisschen mit der Gondel hin und her. Es ist Montagabend, 21:13 Uhr. In zwei Minuten beginnt das Eröffnungsfeuerwerk der Sommerkirmes. Ich habe zwei Stunden gebraucht, um Nik davon zu überzeugen, dass es doch eine großartige Idee ist, zusammen auf dem Volksfest die Stände leer zu futtern, sich in eine Riesenradgondel zu setzen und von dort aus das Feuerwerk zu bestaunen. Er hat sich mit Händen und Füßen gewehrt. Zunächst habe ich nicht genau verstanden wieso. Dann ist es mir aufgefallen. Nik hasst Menschen. Als wir durch die Menschenmasse spaziert sind, ich bei ihm eingehängt, er mit vor der Brust verschränkten Armen, ist er jedem Menschen geflissentlich ausgewichen und hat Berührungen vermieden. Er hat die Massen angewidert angeschaut und immer wieder "Scheiße" gemurmelt, wenn er von einem Passanten gestreift wurde. Nik denkt anscheinend, dass die Menschheit aus Ungeziefer besteht. Mit wenigen Ausnahmen, denn ich darf ihn immerhin anfassen.

Als mit mehreren Lautsprechern das Feuerwerk angekündigt wurde, habe ich meine Minischokodonuts allesamt in drei Sekunden aufgefuttert und ihn erwartungsvoll angeschaut. Seine Reaktion war zum Schießen. Er hat gestottert, entrüstet die Hände gehoben und den Kopf geschüttelt. Es hat zehn Minuten gedauert, ihn davon zu überzeugen, dass er heute Nacht garantiert nicht sterben wird, wenn er sich mit mir in eine lichterkettengerahmte Gondel setzt, die zehn Meter über dem Boden hängt. Ein 21-jähriger Soldat, der sich vor Menschen und einem Riesenrad fürchtet.

Und nun sitzen wir hier. Oder, in Niks Fall, kauern. Er sitzt nicht neben mir, weil er Angst hat, dass es das Gondelgleichgewicht stören würde, was dazu führen könnte, dass wir abstürzen und, natürlich, sterben. Klar. Stattdessen sitzt er mir gegenüber, hält sich an der Stange fest, die in der Mitte der Gondel befestigt ist, und schaut sich panisch um. Ich grinse ihn unentwegt an und ignoriere seine finsteren Blicke. Als er mir einen besonders hasserfüllten Blick zuwirft, fällt mir ein, dass ich einen Fotoapparat dabei habe. Ich zücke ihn, strecke ihm die Zunge raus und halte seine Angstattacke für die Nachwelt fest. Das scheint ihm nicht sonderlich zu gefallen, denn er quittiert mein Handeln mit einer obszönen Geste.

"Leck mich", faucht er.

"Geht das nicht anders herum?", zwinkere ich.

Er legt den Kopf schief. "Jetzt wird es interessant. Ja, es geht anders herum. Magst du es testen?"

Huch! Was war das denn? "Du willst nur von deiner Angst ablenken. Hör auf, so obszön zu sein, du Lustmolch."

Er leckt sich über die Lippen und scheint für einen Moment seine Panikattacke zu vergessen. Als es laut knallt und der Himmel hell aufleuchtet, zuckt er erschrocken zusammen und schnappt laut nach Luft.

"Schisser!", lache ich.

Nik schaut dem Feuerwerk verkniffen zu, während ich es staunend betrachte. Bunte Lichter blitzen am dunklen Sommerhimmel auf, lassen die Sterne für einen Moment verblassen, zerbrechen in Tausende Funken und erlöschen dann im Landeflug zurück auf die Erde. Die Menschen bleiben stehen, werfen die Köpfe in den Nacken, lassen die Münder offen stehen und kommentieren die Lichterkunstwerke mit lauten "Ohs" und "Ahs". Das Riesenrad dreht sich nicht mehr, sondern ist stehen geblieben, sodass wir in Ruhe den Ausblick genießen können. Ein Stück entfernt glitzern die Lichter der Stadt. Die Stände leuchten am Boden, die Sterne glitzern am Himmel. Ein kühler Wind bläst mir die Haarsträhnen aus dem Gesicht, die sich aus meinem geflochtenen Zopf gelöst haben.

Eine warme Hand schiebt sich über meine Finger, löst sie von der Mittelstange und hält meine kühle Hand ganz fest. Mein Herz schreckt aus seinem Rhythmus hoch, blinzelt ein paar Mal verwirrt und beginnt dann, hysterisch das Blut durch meinen Körper zu pumpen. Ich muss an unser letztes gemeinsames Feuerwerk denken. Wir waren acht, haben Händchen gehalten. Ich habe mich an ihn gedrängt, weil die Lautstärke mich eingeschüchtert hat. Besorgt hat er mir einen Kuss auf die Stirn gedrückt und mich fest an sich gezogen. Nik hebt die Brauen, rutscht zu mir rüber, ohne sich auch nur ein winziges Bisschen zu erheben, drückt mir einen Kuss auf die Stirn und zieht mich fest an sich. Er kann sich also auch noch erinnern.

Seine nackten Arme berühren meine Haut. Ein Schauer spaziert mir das Rückgrat hinunter. Es ist schön, so nah bei ihm zu sitzen, seinen schweren Arm auf meinen Schultern liegen zu haben, den bunten Himmel zu betrachten. Leider geht das Feuerwerk nur circa fünf Minuten. Das Rad beginnt viel zu früh, sich wieder zu drehen. Wir drehen noch zwei Runden, in denen mir allerhand durch den Kopf schießt. Gefällt mir Nik zu sehr? Ist das alles hier Dennis gegenüber nicht doch ein wenig unfair? Ich drehe mich um mich selbst, komme mit meinen Überlegungen nicht vom Fleck.

Nik hilft mir beim Aufstehen. Während der Handrücken ganz zart ist, fühlt man an den Handflächen, dass er ein Arbeiter ist, ein Mensch, der die Dinge gerne in die Hand nimmt, ohne vorher groß drum herum geredet zu haben. Dennis' Hände sind weich. Meine auch. Ist es wichtiger einen Partner zu haben, der einen ergänzt, oder soll er einem ähnlich sein? Ich weiß es nicht, um ehrlich zu sein. Ich weiß nur, dass Niks Hände sich gerade um meine Hüften schlingen, um mir aus der Gondel zu helfen. Seine Finger drücken sich in das weiche Gewebe meiner Hüfte, er hebt mich ein Stück an und trägt mich praktisch hinaus. Ich schlucke hart und stopfe meinem Es einen Wattebausch in die große Klappe, weil es sonst alles und jeden darüber informiert, wie toll es Nik findet. Es stellt sich schon den ganzen Abend vor, wie es wäre, unter ihm zu liegen, auf ihm zu sitzen, vor ihm zu knien. Es will ihn. Mit Haut und Haaren. Selbst mein Über-Ich ist still und schaut ihn an. Heute verhalten die zwei sich merkwürdig. Sie schauen sich andauernd an als hätten sie einen Plan ausgeheckt. Hm. Sie sind mir schon unheimlich, wenn sie sich nicht verstehen, hauptsächlich, weil sie gar nicht wirklich existieren, für mich aber sehr real erscheinen. Wenn sie sich auch noch verstehen, habe ich fast schon Angst vor ihnen. Irgendetwas ist faul.

Nik bietet mir seinen Arm dar, ich hänge mich ein und wir beginnen ein weiteres Mal über die Kirmes zu schreiten. Als wir an einem Schießstand vorbeikommen, bleibe ich abrupt stehen und bestaune einen riesigen Plüschfrosch mit großem Maul und rosa Zunge. Nik blickt von dem Frosch zu mir und wieder zum Frosch, schüttelt mich ab und tritt wortlos an das kleine Häuschen. Er hebt die Hand, um zehn Schüsse zu symbolisieren. Für fünf Euro darf er sein Glück versuchen. Von den zehn Schüssen, müssen allerdings sechs Stück genau sitzen. Er wirft mir einen Blick über seine breite Schulter zu, zwinkert und legt die Schrotflinte an. Er zielt genau, braucht ewig und schießt daneben. Ein kurzer Fluch geht über seinen schönen Mund. Seufzend lädt er nach. Der Budenbesitzer grinst siegessicher. Die haben so ihre Tricks und Kniffs, um ultimative Abräumer zu vermeiden. Nik scheint keine Gefahr darzustellen.

Tja, das hätte Herr Budenbesitzer lieber nicht zu früh gedacht, denn die folgenden sechs Schüsse sitzen genau. Mein Begleiter stellt sich grinsend aufrecht hin, zeigt stumm auf den Frosch und zwinkert dem Besitzer zu. "Soldat", sagt er schlicht. Der Budenbesitzer runzelt die Stirn, überreicht ihm das Plüschtier und entlässt den stolzen Gewinner. Dieser schreitet außer sich vor Freude auf mich zu. "Ha! Hast du sein Gesicht gesehen?"

Ich nicke grinsend. Freudestrahlend nehme ich Frosch, wie ich ihn kreativ nenne, entgegen und drücke ihn an mich. Er riecht nach Fabrik und Popcorn. "Danke dir. Das war eine beeindruckende Leistung, du Vorzeigesoldat."

"Im Schießen bin ich richtig gut", brüstet er sich und hält an einem weiteren Stand, um mir gebrannte Mandeln zu kaufen, die ich offensichtlich genauso sehnsüchtig angeschaut habe wie Frosch. Ich schlinge sie noch auf der Messe hinunter, obwohl ich sie mir eigentlich für zuhause aufheben wollte.

Im Auto wird Frosch auf der Rückbank angeschnallt. Wir wollen ja nicht, dass ihm etwas geschieht. Bei ihm angekommen werfen wir uns auf seine harte, blaue Couch und schalten das TV-Gerät an. Er stellt uns ein paar Fertiggerichte auf. Ganz der gelernte Koch. Bestimmt hat das Singleleben seine Kochkünste verschluckt. Mit heißdampfenden Plastikbechern betritt er das Wohnzimmer, stellt die Becher auf seinen Glastisch, setzt sich neben mich und beginnt schweigend zu essen. Fürsorglich werfe ich eine sahnige Nudel in den Blumentopf auf dem Tisch, um den Kaktus nicht auszuschließen. Komisch, aber seit ich ihn regelmäßig füttere und ihn heimlich mit Bier und Milch gieße, trägt er eine dichte, pinkfarbene Blütenkrone. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass meine intensive Pflege sein Aufblühen und Aufleben verursacht hat.

Nach dem Essen lege ich meinen Kopf an seine Schulter und atme den wunderbaren Duft ein. Es hat nicht einmal drei Wochen gedauert, ihm näherzukommen als den meisten anderen Menschen. Wehmütig denke ich daran, dass er am Montag zurück in die Kaserne muss, und dass ihm nur zwei weitere Wochenenden bleiben, um sich von allen, mir eingeschlossen, zu verabschieden. Dann muss er diesen Auslandseinsatz hinter sich bringen, über den er mir nicht mehr erzählen darf, als dass er ein halbes Jahr dauert. Ein halbes Jahr. Das ist verdammt viel Zeit. Ich will ihn nicht verlieren, wenn ich ihn doch gerade erst wiedergefunden habe. Oder eher er mich.

"Wie bist du eigentlich auf den Gedanken gekommen, dich nach alle der Zeit wieder bei mir zu melden?", frage ich geradeheraus.

Niks Schultern spannen sich an. "Das ist eine gute Frage. Es gab kein bestimmtes Erlebnis, keinen Auslöser. Ich weiß noch, dass ich gerade mein Bett gemacht und einen Kameraden beleidigt habe und urplötzlich mitten in der Bewegung inne gehalten habe. Und da warst du. Ein schemenhaftes, kleines Mädchen mit welligen Haaren, gütigen Augen und einem frechen Mundwerk. Du bist mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich musste an dich denken, als ich schießen sollte, als ich schwimmen sollte. Ich dachte sogar an dich, als ich die Toilette gesäubert habe und das ist weiß Gott kein Ort für ein kleines Mädchen. Selbst dann nicht, wenn das kleine Mädchen bloß ein Hirngespinst ist. Eines Abends wollte ich wissen, was aus dem kleinen Mädchen geworden ist. Ich habe dich bei Facebook gesucht und dich an deinem Bild erkannt, obwohl du dich ordentlich verändert hast. Der Rest ist Geschichte."

Er lehnt seinen Kopf kurz an meinen, der immer noch auf seiner Schulter ruht.

"Hast du die ganzen Jahre zuvor kein eines Mal an mich gedacht?"

Nik wird ganz ruhig. Er scheint in eine Art Schockstarre gefallen zu sein. Es gibt eine Ziegenrasse, die, wenn man sie nur genug erschreckt, steif wird und umfällt. Nik müsste nur noch umfallen. Sein Schweigen trifft mich. Das ist lächerlich. Selbstverständlich hat er nicht an mich gedacht. Man kann von Menschen nicht verlangen, ihr gesamtes Leben lang in der Vergangenheit zu schwelgen. Er musste seine Pubertät hinter sich bringen, sich die ersten Sackhaare rasieren, zum ersten Mal vögeln. Er hatte was anders zu tun, als an ein kleines Mädchen zu denken, das ihn immer schikaniert hat. Da ist es doch bereits erfreulich, dass er sich überhaupt irgendwann von sich aus an mich erinnert hat.

"Kein Problem. Ich hab auch nur alle paar Monate mal einen Gedanken an dich vergeudet."

Er wackelt hin und her, sodass auch ich durchgeschüttelt werde. "Hey, was heißt hier vergeudet?"

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Nastasia Martinez:
Liebe kann mich mal

Schwarzkopf & Schwarzkopf; 304 Seiten; 9,95 Euro.

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