Literaten als Jurastudenten Mit Mammutknochen und Mumien ins Examen

Auch Schriftsteller sind vor Prüfungspanik keineswegs sicher. Mit der Examensprozedur gingen Heinrich von Kleist, Heinrich Heine, Johann Wolfgang von Goethe und Kurt Tucholsky hart ins Gericht.

Wenn Jurastudenten kreidebleich und mit zitternden Knien aus dem Examen wanken, ist ihnen völlig klar: Am möglichen Misserfolg sind im Zweifel stets die Prüfer schuld. Heinrich Heine zum Beispiel, von seinem Onkel ins Jurastudium gedrängt, offenbarte zu seinen Professoren ein zwiespältiges Verhältnis. Vor dem Examen nannte er den Göttinger Rechtsgelehrten Gustav Hugo noch den "ledernen, schweinsledernen, ja doppelt schweinsledernen Hugo", den "Freund meiner bittersten Feinde". Im Nachhinein jedoch beförderte er ihn zu "einem der größten Männer unseres Jahrhunderts". Ob der Stimmungswandel an einem Kompliment lag, das der Prüfer Heine wegen seiner Gedichte gemacht haben soll, ist nicht verbürgt.

Ganz anders Walter Serner - der Schriftsteller suchte die Schuld ausschließlich bei sich selbst, nachdem er durchs Examen gefallen war. Einen seiner Prüfer warnte er vor: "Ich war von jeher eine sehr trübe Prüfungsfigur; sogar dann, wenn ich etwas wußte. Da ich zwei Drittel der letzten zehn Jahre nur mit Lesen und Schreiben zubrachte, ist meine angeborene Schüchternheit und Unfähigkeit im Umgang mit Menschen nicht verloren gegangen. Diese unangenehmen Eigenschaften (...) steigern sich selbstredend bei einer Prüfung ins Maßlose, und was dann zustandekommt, ist Ihnen wohl noch erinnerlich. Und es ist mir geradezu peinlich, Ihnen vielleicht wieder die Unannehmlichkeiten zu bereiten wie im Vorjahr."

Kafka: "Ich nährte mich geistig von Holzmehl"

Franz Kafka, der seine Abneigung gegen die Rechtswissenschaften weit über das Examen hinaus kultivierte, ging es vor den Prüfungen nicht anders als fast allen Kommilitonen. "Ich studierte also Jus", schrieb er an seinen Vater, "das bedeutete, dass ich mich in den paar Monaten vor den Prüfungen unter reichlicher Mitnahme der Nerven geistig förmlich von Holzmehl nährte, das mir überdies schon von Tausenden Mäulern vorgekaut war."

Nervöse Prüflinge werden bei Heinrich von Kleist fündig: "Vielleicht gibt es überhaupt keine schlechtere Gelegenheit, sich von einer vorteilhaften Seite zu zeigen, als grade ein öffentliches Examen." In seinem Essay "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" zeigt Kleist Verständnis für die Examinatoren: "Denn nicht nur fühlen sie häufig die Unanständigkeit dieses ganzen Verfahrens (...) Sondern ihr eigner Verstand muß hier eine gefährliche Musterung passieren, und sie mögen oft ihrem Gott danken, wenn sie selbst aus dem Examen gehen können, ohne sich Blößen, schmachvoller vielleicht, als der, eben von der Universität kommende, Jüngling gegeben zu haben, den sie examinieren."

Goethe: "Ich hab so satt am Lizenzieren"

Trost spendet Prüflingen auch Rudolf von Jhering. In seinem Buch "Scherz und Ernst in der Jurisprudenz" von 1862 heißt es: "Versetzen Sie sich in die Lage eines Kandidaten, der schwerbeladen mit Kenntnissen des Weges kommt, und der jetzt vor einer aus Praktikern besetzten Examinationskommission Halt machen muß. Er führt die schönsten Sachen mit sich: Versteinerungen aus den ältesten Zeiten der römischen Rechtsgeschichte, Mammutknochen, Mumien und das Allerneueste an bahnbrechenden Entdeckungen, scharfsinnigen Theorieren und kühnen Hypothesen, was zu haben ist. Aber was hilft ihm das bei dem Praktiker? Der hat für diese Dinge in der Regel ebensowenig Interesse und Verständnis, wie ein gewöhnlicher Zollbeamter für die kostbarsten Kristalle, Versteinerungen und anatomischen Präparate."

Johann Wolfgang von Goethe reichte das juristische Staatsexamen vollauf. Auf den Doktortitel, den er durch eine kostspielige Zeremonie hätte erwerben können, verzichtete der Dichter: "Auch das Cäremoniel weggerechnet, ist mirs vergangen Doktor zu seyn. Ich hab so satt am Lizenzieren, so satt an aller Praxis, daß ich höchstens nur des Scheins wegen meine Schuldigkeit thue, und in Teutschland haben beide Gradus gleichen Werth."

Tucholsky: Vorbestrafte Alliterationstiere

Ein eher schwacher Student war Kurt Tucholsky. Seinen Doktortitel erhielt er erst, nachdem die erste Fassung als "wissenschaftlich nicht hinlänglich beachtenswert" zurückgewiesen worden war und er sie umgearbeitet hatte. Dennoch zog Tucholsky, der unter anderem unter den Namen Peter Panter und Theobald Tiger publizierte, bleibenden Gewinn aus dem Jurastudium. Denn die Pseudonyme verdankt er einem seiner Lehrer: "Woher die Namen stammen? Die alliterierenden Geschwister sind Kinder eines juristischen Repetitors aus Berlin. Der amtierte stets vor gesteckt vollen Tischen, und wenn der pinselblonde Mann mit den kurzsichtig blinzelnden Augen und dem schweren Birnenbauch dozierte, dann erfand er für die Kasperlebühne seiner 'Fälle' Namen der Paradigmata.

Die Personen, an denen er das Bürgerliche Gesetzbuch und die Pfändungsbeschlüsse und die Strafprozeßordnung demonstrierte, hießen nicht A und B, nicht: Erbe und nicht Erblasser. Sie hießen Benno Büffel und Theobald Tiger; Peter Panter und Isodor Iltis und Leopold Löwe und so durchs ganze Alphabet. Seine Alliterationstiere mordeten und stahlen; sie leisteten Bürgschaft und wurden gepfändet; begingen öffentliche Ruhestörung in Idealkonkurrenz mit Abtreibung und benahmen sich überhaupt recht ungebührlich. Zwei dieser Vorbestraften nahm ich mit nach Hause - und, statt Amtsrichter zu werden, zog ich sie auf."

Im ersten Teil: Flaubert, Wedekind, Heym, Heine und Handke über ihr Jurastudium

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