Loch im Hinterkopf US-Professor lässt sich Kamera implantieren

Mr. Bilal, Sie haben da was am Hinterkopf... und es macht Bilder. Ein New Yorker Dozent und Künstler will an ein Museum minütlich Fotos schicken, die eine Kopf-Kamera schießt. Seine Universität ist nicht begeistert.

Beschuss: 2007 ließ Bilal sich von Internetnutzern unter Farbkugelfeuer nehmen
REUTERS

Beschuss: 2007 ließ Bilal sich von Internetnutzern unter Farbkugelfeuer nehmen


New York/Katar - Der irakisch-amerikanische Fotografie- und Kunst-Professor Wafaa Bilal will sich im Auftrag eines Museums in Katar eine etwa münzgroße, flache Videokamera im Hinterkopf implantieren lassen. Ein Jahr lang soll das Gerät Bilder per Funk zum Mathaf-Museum schicken, wo sie von den Besuchern live betrachtet werden können.

Der Wissenschaftler der New York University (NYU) werde sich in Kürze einer Operation unterziehen, um das Videokunstwerk "The 3rd I" ("Das dritte Auge" oder auch "Das dritte Ich") zu beginnen, berichtete das "Wall Street Journal" und beruft sich auf Bilals Umfeld. Der Künstler selbst wollte mit der Zeitung nicht sprechen.

Demnach sollen die Zuschauer miterleben können, was sich jeweils hinter Bilal abspielt. Eine Vorstellung, die auch an der Uni teils auf Unverständnis stieß: "Was, wenn Sie etwas aufnehmen, von dem die Studenten nicht wollen, dass Sie es sehen?", fragte Deborah Willis, besorgte Leiterin des Kunst-Instituts an der NYU, als sie im Januar von dem Projekt erfuhr.

Körperlicher Einsatz unter Schmerzen

Während der Vorlesungen will Bilal zum Schutz der Privatsphäre seiner Studenten nun das Objektiv abdecken. Die Debatte darüber, ob die Uni Bilal für sein Projekt weitere Auflagen macht, dauert noch an. "Studenten sollten nicht unter der Last einer permanenten Überwachung leben müssen, das wäre kein gutes Lernumfeld", sagte Fred Ritchin, stellvertretender Chef des Kunst-Instituts.

Nach Angaben des Museums soll das Kunstwerk "ein Kommentar auf die Unzugänglichkeit der Zeit sowie auf die Unmöglichkeit, Erinnerungen und Erlebnisse festzuhalten" sein. Bilals Kollegen sagten der "Washington Post", die Kamera werde mit einer Art Piercing am Hinterkopf befestigt und werde im Minutenabstand Standbilder machen und an das Museum in Katar senden.

Ob es vielleicht nur eine künstlerische Provokation ist und Bilal eine Debatte anstoßen will über Kameras, die in die Privatsphäre spähen? US-Zeitungen bekamen kein Statement vom Kunstprofessor, genau weiß man es erst, wenn er die Kamera tatsächlich spazieren trägt. Auf der Webseite zum Projekt läuft immerhin schon ein Countdown, mit Zieldatum 15. Dezember.

Jedenfalls ist physischer Einsatz für seine Kunst, auch unter Schmerzen, für Bilal nichts neues. So ließ er sich im Sommer die Namen irakischer Städte in arabischer Schrift auf den Rücken tätowieren, umgeben von ebenfalls tätowierten Punkten für getötete Amerikaner und Iraker. Getötete US-Bürger erhielten dabei rote Punkte - und tote Iraker Punkte in einer Farbe, die nur unter Schwarzlicht zu sehen ist. Das Körperkunstwerk nannte Bilal "…and Counting".

In den vergangenen Jahren fiel er ebenfalls mit politisch provokanten Aktionen zu Krieg und islamischem Extremismus auf: 2007 konnten Internet-Nutzer 30 Tage lang eine Paintball-Wumme fernsteuern und so Bilal beschießen, der den ganzen Monat in einer Galerie ausharrte. Das Projekt nannte er "Shoot an Iraqui". Für großes Aufsehen sorgte ein Jahr später, dass er sich als Avatar in ein Videospiel hineinschmuggelte - in der Rolle eines Selbstmordattentäters, der George W. Bush jagte ("Virtual Jihadi").

cht/dapd



insgesamt 18 Beiträge
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dipl_arch 18.11.2010
1. lach...
wenn die Kamera nur halb so alt ist wie der Mac und der Monitor auf dem Bild - kann man ja gespannt sein :-)
Tyrsoleen 18.11.2010
2. Wie krank
muß man eigentlich sein, um auf solche Ideen zu kommen? Oder war es mangelnde Anerkennung in der Kindheit und Jugend? Normal ist das alles nicht und genaugenommen sehr traurig, was Menschen so alles tun, um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen.
butter_milch 18.11.2010
3. ...
Interessant. Wenn er das möchte kann man ihn nur unterstüzten. Ich werde mir die Bilder regelmäßig ansehen :)
brain_in_a_tank, 18.11.2010
4. cat cam
Warum macht man dafuer einen nicht zu rechtfertigenden medizinischen Eingriff? Hatte es ein Stirnband mit Kamer nicht auch getan? Ist die Implantation das, was dieses Projekt interessant macht> Da fand ich ja die Beispiele origineller von den Cat Cams, also eine Kamer, die am Halsband der Katze befestigt ist und die Welt aus der Katzenperspektive aufzeichnet. Aber eine Implantierte Hinterkopfkammera, was fuer ein Murks. Wenn er wenigsten die Kammera auf der Stirn haette, und hinten eine Vorrichtung implantiert, mit der er seine entsprechneden neuronale Aktivitaet aus dem visuellen Kortex aufzeichnet, dann hatte es ja einen Reiz, aber so...
Yagharek, 18.11.2010
5. re
Zitat von brain_in_a_tankWarum macht man dafuer einen nicht zu rechtfertigenden medizinischen Eingriff? Hatte es ein Stirnband mit Kamer nicht auch getan? Ist die Implantation das, was dieses Projekt interessant macht> Da fand ich ja die Beispiele origineller von den Cat Cams, also eine Kamer, die am Halsband der Katze befestigt ist und die Welt aus der Katzenperspektive aufzeichnet. Aber eine Implantierte Hinterkopfkammera, was fuer ein Murks. Wenn er wenigsten die Kammera auf der Stirn haette, und hinten eine Vorrichtung implantiert, mit der er seine entsprechneden neuronale Aktivitaet aus dem visuellen Kortex aufzeichnet, dann hatte es ja einen Reiz, aber so...
Damit es permanent ist. Eine Stirnbandkamera kannst man ablegen. Kann verrutschen. Stört beim Sex. Usw. Die Kamera als Implantat hingegen kann man vergessen und nach einiger Zeit so leben, als ob kein da wäre.
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