Lohndumping an Unis Wer sich's leisten kann, wird Hiwi

Studentische Hilfskraft - ein Luxusjob? Die Tutoren und Helfer der Professoren sind an den Hochschulen unentbehrlich. Trotzdem werden sie als Packesel der Wissenschaft mit Hungerlöhnen abgespeist: Fünf Euro pro Stunde sind keine Seltenheit - oder sogar nichts, nada, niente. Nun wird wieder über faire Bezahlung verhandelt.

Ohne Hiwis wären die Universitäten wohl verloren. Rund 150.000 Studenten jobben an den deutschen Hochschulen, in Hessen kommen auf jeden Professor drei wissenschaftliche Hilfskräfte. Die Studenten gehen den Job meist hochmotiviert an: Sie recherchieren, ordnen und kopieren, sie erklären in Tutorien, was in der Vorlesung keiner verstanden hat, sie korrigieren Physik-Klausuren und betreuen Internetseiten der Fachbereiche. Eigentlich ein prima Job, um einen Blick hinter akademische Türen zu werfen.

Doch die Universitäten gönnen ihren Beschäftigten selten Urlaub, keine Kündigungsfristen und lassen sie Verträge unterschreiben, die nur für sechs Monate gelten. Vor allem aber werden die Studenten mit einem Taschengeld entlohnt - Überstunden inklusive. Da bleibt oft nur das tröstende Gefühl, man habe zumindest an seiner Uni-Karriere gefeilt.

Kampfpreise von 3,40 Euro die Stunde (Fachhochschule Weihenstephan) sind keine Seltenheit, die Löhne stagnieren seit zwölf Jahren. Das hat eine neue Studie zu Arbeitsbedingungen von studentischen Hilfskräften ergeben, in Auftrag gegeben von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hessen. "Man muss es sich leisten können" lauten Titel und Fazit der Untersuchung der Philips-Universität Marburg, die vor allem extrem kurze Vertragslaufzeiten und radikal mickrige Stundensätze bemängelt.

Putzen bringt mehr Geld

Das könnte sich jetzt ändern: Am Donnerstag verhandeln die Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) und die Gewerkschaften über einen Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst, in dem erstmals auch die Hilfskräfte an Hochschulen einbezogen werden sollen.

Einzig Berlin macht bisher die Ausnahme bei der Studenten-Ausbeutung. Dort sind Hiwi-Jobs tariflich geregelt. In allen anderen Ländern sind die Löhne der studentischen Beschäftigten seit 1993 von der Gehaltsentwicklung im öffentlichen Dienst abgekoppelt. Erhöhungen müssen seitdem die Finanzminister der Bundesländer zustimmen, was sie allerdings bislang nicht taten.

Im Gegenteil: Im letzten Jahr drückten mehrere Länder, darunter Baden-Württemberg, die Hiwi-Gehälter noch weiter nach unten. Als Begründung nannten die Finanzministerien die allgemeine Lohnsenkung im öffentlichen Dienst - obwohl Hilfskräfte gerade nicht im Tarifvertrag erfasst sind. Seitdem arbeiten Studenten an Universitäten für höchstens 7,53 Euro, an Fachhochschulen ist die Arbeit maximal 5,24 Euro wert, so die Empfehlung. Das wird vielfach noch unterboten - ein Putz- oder Kneipenjob würde mehr bringen.

95 Prozent sind Akademikerkinder

Doch Putzen oder Kellnern wären kaum der Anfang einer wissenschaftlichen Karriere. Dieses Argument führen Hochschulen gern an, um die Unterbezahlung ihrer Hilfskräfte zu rechtfertigen. Bewerben kann sich also nur, wer es sich leisten kann, für fünf Euro die Stunde zu arbeiten.

Bewerbungen seien ohnehin kaum gefragt, besagt die Studie aus Marburg. Meist sprechen Professoren ihre potentiellen Mitarbeiter einfach in der Vorlesung an. Dabei picken sie zielsicher die Akademikerkinder heraus: 95 Prozent der Hiwis stammen aus so genannten "bildungsnahen Schichten". "Die Jobs werden nicht ausgeschrieben. Die Vergabe ist also immer auch eine soziale Auswahl", sagt Nele Hirsch vom Vorstand des studentischen Dachverbands fzs , der sich für eine tarifliche Regelung studentischer Beschäftigungen einsetzt.

Teilweise versuchten Hochschulen sogar, Studenten für lau zum Arbeiten zu bringen, berichtet Hirsch. So seien zum aktuellen Semesterbeginn an der FU Berlin mehrere Tutoriumsstellen ohne Bezahlung ausgeschrieben worden. Das Argument: Das Repetieren von Vorlesungsinhalten qualifiziere für die wissenschaftliche Karriere.

Auch Arbeitgeber bremsen Tarifverhandlung

Der Studentenverband fordert deswegen die Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) auf, einer Einigung im Tarifstreit nicht im Weg zu stehen. "Den Hilfskräften fehlt jede Planungssicherheit. Sie müssen endlich abgesicherte Arbeitsbedingungen erhalten", sagt Hirsch, "wenn die Länder eine Einigung blockieren, wäre das auch für Studierende fatal."

Doch nicht nur die Länder könnten einen Strich durch die Hiwi-Rechnung ziehen: Als 1996 zum letzten Mal über einen Tarifvertrag für studentische Beschäftigte verhandelt wurde, kamen Länder und Gewerkschaften zwar zu einer Einigung, doch die Arbeitgebervertreter wehrten sich. Es sei nicht genug Geld in den Kassen, begründeten die Hochschulen ihr Veto. Und ließen ihre wertvollen Hilfskräfte weiter unterbezahlt arbeiten.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hofft auf einen Kompromiss. "Ich setze darauf, dass Hiwis zukünftig im Tarifvertrag mit einbezogen werden. Wahrscheinlich aber wird es Sonderregelungen geben, was Entlohnung und Arbeitszeiten betrifft", sagt GEW-Vorstandsmitglied Heiko Gosch.

Am Donnerstag gehen die Tarifgespräche in die dritte Runde. Mit wesentlichen Fortschritten wird in dieser Woche nicht gerechnet. Die Gewerkschaft ver.di verlangt von den Bundesländern die Übernahme des Anfang Februar mit Bund und Kommunen vereinbarten Tarifvertrags, der eine grundlegende Reform des öffentlichen Dienst vorsieht. Die Länder haben den Abschluss dagegen als zu teuer bezeichnet und verlangen Änderungen. Besonders umstritten sind ihre Forderungen nach längeren Arbeitszeiten sowie Sonderregelungen für Urlaubs- und Weihnachtsgeld.

Carola Padtberg

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