Lord Dahrendorf Verblüffende Visionen vor 40 Jahren

Kommt Bildungspolitik so langsam vom Fleck? 1967 befragte der SPIEGEL den jungen Ralf Dahrendorf zur Hochschulreform. Seine Antworten sind erstaunlich: So forderte er ein Kurzstudium mit dem Titel "Bakkalaureus" - der Lord, der diese Woche starb, hat alles immer schon gewusst.


Es ist eine bewegte Zeit, als der junge Herr die beiden Journalisten zum Gespräch empfängt. Herbst 1967: Che Guevara wird erschossen, die Studentenrevolte bringt die Bundesrepublik zum Beben, der Berliner Senat ist nach dem Tod Benno Ohnesorgs zurückgetreten, in den USA schwelt der Rassenkonflikt.

Dahrendorf (rechts; 1968 mit Rudi Dutschke): Bildung als Bürgerrecht
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Dahrendorf (rechts; 1968 mit Rudi Dutschke): Bildung als Bürgerrecht

In einer Konstanzer Wohnung sitzen zwei SPIEGEL-Redakteure einem Hochbegabten gegenüber. Ralf Dahrendorf, noch viele Jahre vom Lord entfernt, ist erst 38 Jahre alt, aber es besteht kein Zweifel: Hier ist einer, der schneller und weiter denken kann als andere. Er trägt längst zwei Doktor- und einen Professorentitel, sein Buch "Bildung ist Bürgerrecht" hat Furore gemacht, und gemeinsam mit anderen hat er gerade einen Vorschlag für eine Hochschulreform vorgelegt. Die SPIEGEL-Journalisten befragen Dahrendorf, den "Herrn Professor", deshalb zu seinen bildungspolitischen Vorstellungen.

Wer das Gespräch heute liest, ist erstaunt und erschreckt zugleich. Fast 42 Jahre sind vergangen, aber Dahrendorf klingt in weiten Passagen wie ein Bildungspolitiker von heute - ein moderner Bildungspolitiker von heute, wohlgemerkt. Dahrendorf schlägt, im Herbst 1967, unter anderem Folgendes vor: ein Kurzstudium von sechs Semestern Dauer mit dem Abschluss "Bakkalaureus".

Kein Herz für Bildungsbummler

Auch andere Forderungen klingen noch heute aktuell. 1967 spricht Dahrendorf davon, dass manche Professoren ruhig mehr lehren könnten als andere. Er warnt vor den Tücken des Föderalismus. Ihn sorgt, dass Schulzeit und Studium in Deutschland so lange dauern. Und er findet keineswegs, dass zu einem Kurzstudium das Recht gehört, auch mal ein Semester zu verbummeln: "Zwar wollen wir den Studenten nicht 40 Wochenstunden Lehrveranstaltungen zumuten, sondern ihnen einen gewissen Spielraum lassen", sagt Dahrendorf, "aber das Kurzstudium wird bedeuten, dass sie vom Lehrplan her beschäftigt sind."

Es sind verblüffende Visionen des späteren Lords. Man kann sich darüber freuen, dass einer so weitsichtig ist und so wortreich argumentiert. Und man hätte nur zu gern gewusst, was Dahrendorf zum "Bildungsstreik" der Schüler und Studenten in dieser Woche gesagt hätte - sie demonstrierten unter anderem gegen überfrachtete Kurzstudiengänge, die zum Abschluss "Bachelor" führen.

Wer das Gespräch heute liest, muss aber auch erschrecken. Denn es wirkt auch deshalb so aktuell, weil etliche Probleme in all den Jahrzehnten nicht gelöst worden sind. Es scheinen Argumente auf, die im Juni 2009 vorgetragen werden können wie Oktober 1967.

Sind wir gar nicht weitergekommen?

Herbst 2008: In einem Kölner Hotel sitzen zwei SPIEGEL-Redakteure einem Hochbetagten gegenüber - Ralf Dahrendorf, inzwischen 79. Im höflichen Small Talk vor dem Interview wollen die Journalisten wissen, warum er eigentlich in Köln lebe. Sie erwarten die sentimentale Erklärung eines alten Herrn, den es nach einem wechselhaften Leben in eine geliebte Stadt oder zu treusorgenden Menschen gezogen hat.

Die Hoffnung stirbt nie

Dahrendorfs Antwort: In Berlin habe er eine Professur, im Schwarzwald ein Haus, und das House of Lords tage bekanntlich in London - da liege Köln einfach sehr verkehrsgünstig, alle Städte seien problemlos mit dem Zug zu erreichen.

Dahrendorf (2008): Wach, wissbegierig, wortgewaltig
Stefan Enders

Dahrendorf (2008): Wach, wissbegierig, wortgewaltig

Dann befragen ihn die Journalisten zu: seinen bildungspolitischen Vorstellungen. Dahrendorf wirkt wach, zeigt sich wissbegierig, und er ist wortgewaltig wie eh und je. Am Bildungswesen werde viel zu viel herumgefummelt, sagt er; der "Bildungsgipfel" der Bundeskanzlerin sei doch nur eine PR-Show.

Es kommt die Frage, die kommen muss: Lord Dahrendorf, vor mehr als 40 Jahren haben Sie etwas gefordert, was nun wieder in die Diskussion gebracht worden ist - "haben Sie noch Hoffnung, dass sich etwas tut?"

Die Antwort ist eine dieser kleinen Weisheiten des großen Lords. "Ja", sagt Ralf Dahrendorf, "denn es wäre zu billig, die Hoffnung aufzugeben."

Per Zeitmaschine ins Jahr 1967: SPIEGEL ONLINE dokumentiert das SPIEGEL-Gespräch mit dem deutsch-britischen Soziologen, der am letzten Mittwoch im Alter von 80 Jahren starb.

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