Luftschloss Elite-Uni Die drei großen Irrtümer der SPD

Die SPD-Spitze hat sich auf eine "Innovationsoffensive" und die Einrichtung von Eliteuniversitäten festgelegt. Bund und Länder sind jedoch weit davon entfernt, finanzielle und gesetzliche Voraussetzungen dafür zu schaffen. Vielmehr wollen die Genossen im Superwahljahr 2004 konservative Begriffe besetzen und Modernität simulieren.

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Vorbild Harvard: "In der ersten Liga mitspielen"
Pascal Wallisch

Vorbild Harvard: "In der ersten Liga mitspielen"

Olaf Scholz wählte große Worte. "Wir brauchen eine Innovationskultur", gab der SPD-Generalsekretär als Losung für die Klausurtagung der Sozialdemokraten in Weimar aus. Innovation - da schwingt Fortschritt mit, das klingt nach einer besseren Zukunft, da wabert Hoffnung. Und der Begriff ist hinreichend diffus, dass man nahezu alles darunter verstehen kann. Mit Verve warben Kanzler Gerhard Schröder, General Scholz und Fraktionschef Franz Müntefering für ihren Vorstoß, "Spitzenhochschulen und Forschungszentren zu etablieren, die auch weltweit in der ersten Liga mitspielen".

Ein, zwei, viele, Harvards sollen also in Deutschland entstehen. Doch dafür erntete die SPD-Führung wenig Begeisterung und viel Spott, selbst in den eigenen Reihen. Die einzigen, die ohne Vorbehalte öffentlich über die Idee mindestens einer deutschen Elite-Universität frohlocken, wollen ihre Stadt oder ihr Bundesland als möglichen Standort ins Spiel bringen. Genannt wurden die üblichen Verdächtigen von Hamburg bis München, von der RWTH Aachen bis zur Berliner Humboldt-Universität. Daneben wittern auch private Hochschulen Morgenluft, darunter die International University Bremen (ein noch junger Ableger der Rice University aus Texas) und sogar die in Wolfsburg geplante "Auto-Uni".

"Ablenkungsmanöver", "Effekthascherei" und "Schaumschlägerei", tönte unterdessen die Opposition. Guido Westerwelle (FDP) sprach von einem "Feigenblatt", der stellvertretende CDU-Vorsitzende Jürgen Rüttgers von einer "Polit-Show". Und der Grünen-Vormann Reinhard Bütikofer nannte das Gerede von der Elite-Uni eine "zynische Scheindebatte", weil es nicht um eine "Verbesserung von Chancen für ein paar wenige Glückliche, sondern um eine flächendeckende Innovation" gehe.

Will seine Partei träumen lassen: Olaf Scholz
DDP

Will seine Partei träumen lassen: Olaf Scholz

Während sich die Hochschulrektorenkonferenz recht bedeckt hält und auf zusätzliche Mittel hofft, sprach der Rektor der Düsseldorfer Universität von einem "Skandal": Der Staat habe über seine Finanzierung in die Universitäten hineinregiert, "man hat uns zu einer Massenveranstaltung gemacht und damit Qualität vernichtet", zürnte Alfons Labisch. Jetzt ziehe eine "ratlose Partei einen Joker aus der Tasche", so der erboste Rektor weiter. Statt dieser "Pläne ohne Sinn und Verstand" solle der Staat seine Hochschulen "wirklich frei agieren lassen" - wie in den USA und Großbritannien.

Schon bald wird sich zeigen, was vom schönen Plan einer international konkurrenzfähigen Top-Universität übrig bleibt: nichts. Denn die Granden der SPD verfolgen ganz andere, tagespolitische Ziele: Gleich zu Beginn des Superwahljahrs 2004 wollen die Genossen der Union und der FDP ein Thema klauen, konservative Begriffe besetzen, Modernität simulieren.

Weimarer Studenten (bei SPD-Tagung): Stummer Protest
AP

Weimarer Studenten (bei SPD-Tagung): Stummer Protest

Mit dem trüben Alltag der ausgehungerten deutschen Hochschulen haben die Träume vom Weltniveau nichts zu tun. Die Universitäten und Fachhochschulen beherbergen mittlerweile zwei Millionen Studenten und platzen aus allen Nähten, obwohl in Deutschland erheblich weniger Schulabgänger studieren können als international üblich. Das ganze Elend der Bildungspolitik ist täglich auf dem Campus zu besichtigen: überfüllte Vorlesungen, rare Laborplätze, miserable Arbeitsbedingungen für Wissenschaftler. Seit Semesterbeginn protestieren Studenten vor allem in Berlin und Bayern, Niedersachsen und Hessen gegen weitere drastische Mittelkürzungen - vergeblich.

In einigen Wochen, befürchten die Kritiker, werde die fixe Idee von deutschen Elite-Universitäten wieder vergessen sein - weil die Realität sich ihr nicht beugt. Vor allem drei Trugschlüsse sprechen dafür:

Irrtum eins: Elite-Uni vom Reißbrett

Die SPD-Spitze gibt sich überzeugt, man könne eine Spitzenhochschule per Dekret erlassen: Uni am Grünen Tisch auswählen, einige Millionen Euro hineinpumpen, fertig ist die Elite-Uni. Tatsächlich konnte sich keines der internationalen Vorbilder über Nacht etablieren - weder Harvard, Stanford, Cornell oder Yale in den USA noch Oxford und Cambridge in Großbritannien oder die drei "Grandes Écoles" in Frankreich.

Vorbild Oxford: Lange für den exzellenten Ruf gearbeitet
AP

Vorbild Oxford: Lange für den exzellenten Ruf gearbeitet

Die weltweit erfolgreichsten Hochschulen haben eine lange Tradition und über viele Jahrzehnte an ihrem Ruf in Forschung und Lehre gearbeitet. Sie suchen sich die besten Studenten aus aller Welt selbst aus, kassieren vielfach atemberaubende Studiengebühren und konkurrieren um die klügsten Wissenschaftler. Mit beharrlichem Marketing überzeugen sie Mäzene sowie Absolventen, die Hochschulen großzügig zu unterstützen.

Für all dies fehlen in Deutschland jede Tradition und gesetzliche Grundlage. Bisher ist es den deutschen Hochschulen nicht einmal gelungen, die massive Abwanderung ihrer besten Absolventen ins Ausland zu stoppen - sie können ihnen schlicht keine attraktiven Arbeitsbedingungen und Zukunftsperspektiven bieten. Und gute Nachwuchsforscher allein machen ohnedies noch keine Elite-Uni aus. Die größten Probleme der deutschen Hochschulen liegen in der Lehre, nicht in der Forschung: Die Professoren sind wegen des gewaltigen Andrangs teils nicht in der Lage, zum kleineren Teil auch nicht willens, ihre Studenten angemessen zu betreuen.

Im zweiten Teil:

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