WG-Lexikon Der Hahn kräht nicht, er tropft!

Tropfender Wasserhahn, kaputte Heizung und der Vermieter stellt sich taub: Welche Probleme Studenten in Wohngemeinschaften plagen, beschreibt Markus Henrik in seinem satirischen WG-Lexikon. Im vierten Teil geht es um Geld und Liebe.
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Das WG-Lexikon: Von A wie Aufräumen bis Z wie Zahnbesen

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Warum macht der Vermieter keinen Finger krumm? Wofür investieren wir das Geld aus der WG-Kasse? Wie beweisen sich WG-Pärchen, dass sie den anderen wirklich lieben? Der Autor Markus Henrik hat Alltagsfragen rund ums Leben in einer Wohngemeinschaft gesammelt.

Die meisten davon kann er auch beantworten. Denn der 29-Jährige hat selbst schon in 14 Wohngemeinschaften gehaust. Dort hat er so viel gesehen und erlebt, dass es für ein Buch reicht - für ein WG-Lexikon.

Der UniSPIEGEL präsentiert in loser Folge kleine Auszüge daraus. Der erste Teil handelte von Castings und dem Dauerbrennerthema Aufräumen, der zweite von Duschen und Fremdsprachen und danach ging's um unwillkommene Besucher. Nun folgt Teil 4: Von K wie Kasse bis M wie Mietminderung. (Klicken Sie auf die Überschriften)

K wie Kasse: Tampons als Gehörschutz

Münzen und Scheine: Wofür man sie einsetzt, führt in WGs oft zu Streit

Münzen und Scheine: Wofür man sie einsetzt, führt in WGs oft zu Streit

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Ob Staat oder WG - ein Haushalt will geplant sein! Welche Ausgaben aus der Staats- bzw. WG-Kasse zu tätigen sind, wird erst nach kontroversen Debatten entschieden. So wie unter Pazifisten und Erzkonservativen heftig darüber gestritten wird, ob mehr staatliche Zuschüsse an Waldorfschulen gehen oder die Gelder doch lieber in neue Kampfjets investiert werden, tun sich ähnliche Gräben zwischen männlichen und weiblichen WG-Bewohnern auf. Erstere äußern ihr Unverständnis beispielsweise dann, wenn Tampons auf Kosten der Allgemeinheit finanziert werden sollen. Frauen wiederum legen ihr Veto ein, sobald exorbitante Mengen an Flüssignahrung (Pils und Weizen) beschafft werden sollen. Letzteres kann bekanntlich Saufgelage mit Grölarien nach sich ziehen.

Die Lösung liegt in einer allgemeinen Kompromissbereitschaft! In der Politik würde die Einigung darin bestehen, den Kampfjet zunächst im Garten einer Waldorfschule abzustellen. Dort könnten die Schüler an der Außenhülle Blumen, Friedenstauben oder Zitate aus John-Lennon-Liedern aufmalen. Erst danach würde der Jet zu seinem Einsatz kommen, um in Afghanistan die Freudenschüsse bei einer Hochzeitsfeier freundlich zu erwidern.

In der WG könnte dem gemeinschaftlichen Einkauf von Tampons unter der Bedingung zugestimmt werden, dass die Wattebäusche auch als Gehörschutz verwendet werden. Im Umkehrschluss wäre somit auch der Weg frei, lärmende Bierrunden zu veranstalten.

L wie Liebesbeweise: CindyAngel19, das ist meine Mutter!

Pärchenglück: Für einen wahren Liebesbeweis braucht's mindestens ein E-Mail-Passwort

Pärchenglück: Für einen wahren Liebesbeweis braucht's mindestens ein E-Mail-Passwort

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Früher hatten WG-Pärchen es leicht, sich ihre Liebe zu beweisen: Der eine übernahm für den anderen den Spül- oder Putzdienst, kaufte ein, brachte das Altglas weg und kam mit einem verliebten Lächeln zurück.

Heutzutage sind die Dinge weitaus komplizierter: Obwohl - oder gerade weil man schon so nah beieinanderwohnt, versuchen manche Pärchen, gegenseitig in die intimsten Bereiche des anderen vorzudringen. Seinem Partner oder seiner Partnerin die PIN des Handys zu verraten, bedeutet dann: "Ich hab dich lieb!" Die Herausgabe des E-Mail-Passworts: "Ich liebe dich!" Und wer letztendlich noch den Zugang für alle Chats und sozialen Netzwerke offenlegt, macht dem anderen im Grunde genommen einen Heiratsantrag. Eine grausame Entwicklung in Richtung Totalüberwachung aus vermeintlicher Liebe, die sich zum Glück noch nicht überall durchgesetzt hat!

Solche Dinge als Mitbewohner miterleben zu müssen, birgt großes Amüsierpotential: Zum Beispiel wenn man einen Streit mitverfolgen muss, bei dem der Freund seiner Freundin am Laptop weiszumachen versucht, dass sich in seiner "Freundschaftsliste" hinter dem Nicknamen CindyAngel19 seine Mutter verbirgt.

M wie Mietminderung: Herr Paschulke, die Heizungen lecken

Vermieter sind eine komplizierte Spezies. Man muss ihre Immobilie bewohnen und sie verlangen dafür auch noch monatlich Geld. Wenn es mal ein Problem gibt, sind sie schwer zugänglich, wie folgendes transkribierte Telefongespräch zwischen einem betagten Vermieter und einem WG-Mieter exemplarisch zeigt.

Vermieter: (Knarzen in der Telefonleitung) Hallo?

WG-Mieter: Schönen guten Tag, Herr Paschulke! Ich melde mich nochmals wegen der Mängel bei uns in der Wohnung. Es sind leider noch einige hinzugekommen. Zum Beispiel im Badezimmer. Da tropft seit einigen Tagen der Hahn und hört gar nicht mehr auf!

Vermieter: Na, solange er nicht kräht?

WG-Mieter (verunsichert): Ääh, wie? Na ja... was aber am schlimmsten ist: Die Wärmeregulierung in der Wohnung funktioniert nicht mehr. Die Heizungen lecken alle!

Paschulke (albern): Die lecken ein Eis, oder was? Hihi.

WG-Mieter: Herr Paschulke, das ist wirklich nicht witzig. Wir sind schon alle krank, weil's immer wieder richtig kalt in der Wohnung wird.

Paschulke (nuschelnd): In Russland war's damals auch kalt und da hat keiner gejammert...

Der Hahn kräht nicht, er tropft!

WG-Mieter (entsetzt): Bitte was?? (Holt Luft.) Also, jedenfalls hängen ja an vielen Stellen in der Wohnung immer noch solche gefährlichen Stromkabel heraus. Genau wie beim Einzug, darum wollten sie sich doch eigentlich kümmern?!

Paschulke (gleichgültig): Ja, ja...

Der Mieter führt noch weitere Mängel an: ein fehlender Briefkasten, ein Vorhänge- statt einem Haustürschloss und konstant am Küchenherd austretendes, leicht entzündliches Gas. Wenigstens war damit allen Bewohnern schnell klar, dass die Behausung zu einer strikten Nichtraucher-WG mutieren musste.

WG-Mieter: Noch einmal zurück zum Badezimmer. Hinter der mitvermieteten defekten Waschmaschine, da wimmelt es vor Silberfischen! Und eine Ratte ist neulich auch aus dem Klo gekrochen!

Paschulke: Das sind doch ganz possierliche Tierchen. Seid ihr nicht tierlieb?

WG-Mieter: Schon, natürlich, aber... äh... im Übrigen ist die Wohnung voller Schimmelpilze. Das ist sehr ungesund. Wir bekommen Kopfschmerzen davon. Die Pilze müssen weg!

Paschulke: Weg? So was haben wir früher gegessen! Wir hatten ja nix. Aber ich schlage vor, ich spendier euch eine Packung Aspirin und wir vergessen den Rest, in Ordnung?

WG-Mieter: Nein, Herr Paschulke! Solange die Wohnung in diesem Zustand ist, müssen wir uns auf eine Mietminderung einigen.

Paschulke (schelmisch): Ahhh, ihr wollt die Wohnung reinigen? Schön...

WG-Mieter: Nein, ich sagte, auf eine Mietminderung EIN-IG-EN!!!

Paschulke: Was? Die Verbindung wird gerade ganz, ganz schlecht...

WG-Mieter (aufgewühlt): Herr Paschulke, jetzt winden Sie sich wieder raus! Dabei haben wir noch gar nicht den indianischen Friedhof unterhalb des Kellers erwähnt, der beim Besichtigungstermin verschwiegen wurde! Hallo?... Hallo? Tuut, tuut, tuut...

Entweder hatte Herr Paschulke aufgelegt oder die Telefonleitungen in den Gemäuern der WG waren so marode, dass damit ein weiterer Mangel aufgedeckt war.

Der Beitrag ist ein gekürzter und redaktionell bearbeiteter Auszug aus Markus Henriks Buch "Das WG-Lexikon", erschienen im Eichborn-Verlag München. Das Interview mit Henrik lesen Sie hier.

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