Weg aus der Magersucht "Ich esse und heule"

Unsere Autorin wog bis vor Kurzem noch 40 Kilogramm. Als sie den Kampf gegen die Magersucht aufnahm, folgten Fressattacken und Depressionen.

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Ich wollte unbedingt wieder ein Leben führen, in dem sich nicht alles, wirklich ALLES, ums Thema Essen drehte und schwor mir, mich ab sofort einfach wieder ganz "normal" zu ernähren. Mein 0,1-Prozent-Joghurt und das Tiefkühl-Wokgemüse landeten im Müll. In meinen heftigsten Zeiten hatte ich aus diesem wie Aschenputtel sogar noch die "kohlenhydratreichen" Erbsen aussortiert. Ich wog 40 Kg bei einer Größe von 1,65 m.

Ich kaufte ordentlich ein, freute mich auf mein neues, altes Leben und nahm täglich 2000 Kalorien zu mir. Das klappte etwa eine Woche lang. Dann brach die Hölle über mich herein: Ich belegte mir zum Frühstück ein Brot. Hinterher hatte ich noch immer Hunger. Ich aß ein weiteres. Dann eine Banane. Mein Magen war voll, aber da war noch immer das unbändige Hungergefühl - so mächtig, dass mir die Adern an den Unterarmen hervortraten.

Ich konnte nichts denken außer: Essen! Sofort! Vier Brote später fand ich mich überfressen und ratlos am Küchentisch wieder. Ich war total K.o. und musste ein Nickerchen machen. Eine Stunde später erwachte ich und: hatte Hunger! Mit aller Kraft widerstand ich diesem unvernünftigen Hungergefühl und versuchte mich durch einen Spaziergang abzulenken. An der Bäckerei kaufte irgendetwas in mir eine Streuselschnecke, die ich sofort verdrückte. Daheim überfiel mich der Hunger erneut und ich griff ins Brotregal. Eine Scheibe jagte die nächste, bis die Tüte leer war. Ich saß über meinem leeren Teller und heulte.

Die Autorin im Sommer 2016
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Die Autorin im Sommer 2016

Die nächsten Tage verliefen ebenso. Ich war überzeugt, von der Magersucht in die Esssucht gerutscht zu sein. Mein Therapeut fand alles halb so wild und sagte, mein Essverhalten würde sich wieder einpendeln. Devise: aushalten. Ich ließ mich auf das Experiment ein. Aber es ging mir schlecht. Ich war in den Essattacken wie ferngesteuert und litt immens darunter, all die verbotenen Lebensmittel plötzlich sprichwörtlich in mich hineinstopfen zu müssen.

Ich googelte und stieß in Foren auf ähnliche Berichte anderer Aussteiger. Alle waren hilf- und ratlos, einige dachten an Suizid. Kann ich nachvollziehen, wirklich. Ich hockte vor dem PC, heulte und aß ohne Genuss tafelweise Schokolade. Mein Körper schrie nach Fett und Zucker. Ich hatte die Kontrolle verloren.

Nach einem besonders heftigen Anfall zitterte ich vor Verzweiflung und Überzuckerung. Ich ging ins Bad und steckte mir den Finger in den Hals, schaffte es aber nicht, mich zu übergeben. Das ist ein Segen, denn heute weiß ich, dass viele Magersüchtige, die gegen die Krankheit kämpfen, durch die Fressanfälle Bulimiker werden.

Fressen, heulen, fressen, heulen

Mein wochenlanger Tagesablauf: Fressen, heulen, fressen, heulen. Täglich machte ich 5000 Kalorien platt. Schließlich war ich psychisch wie physisch am Ende und steuerte erneut in die andere Richtung: Wieder Wok-Gemüse, wieder exzessiver Sport. Jetzt weinte ich, weil ich wieder dort war, von wo ich ausbrechen wollte. Mein Arzt schrieb mich krank und es flossen zusätzlich Tränen, weil ich mich als Versagerin fühlte. Ich wälzte Literatur und Websites, aber fand keine Hilfe.

Warum wird dieses Phänomen nicht offen behandelt? Auf der Homepage einer Praxis für Essstörungen steht lediglich: "Wenn Magersüchtige an Gewicht zunehmen, reagieren sie fast regelmäßig mit einer Depression." Dass diese oft in den unkontrollierbaren Essattacken begründet ist, weiß ich erst jetzt.

Ich recherchierte weiter und fand auf amerikanischen Websites endlich Infos. Stichwort: extreme hunger. Die erhöhte Kalorienzufuhr signalisiert dem Körper, dass die Hungersnot vorbei ist und er will schnell Reserven anlegen, falls erneut eine Hungerphase auftritt. Der Körper hat das Vertrauen darin verloren, dass er täglich ausreichend versorgt wird und produziert bestimmte Hormone, die dafür sorgen, dass sich das Eintreten des Sättigungsgefühls verzögert.

Die Autorin will die Magersucht besiegen: "Das Vertrauen des Körpers zurückgewinnen"
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Die Autorin will die Magersucht besiegen: "Das Vertrauen des Körpers zurückgewinnen"

In den 1940ern setzte die "Minnesota Starvation Study" gesunde Männer über Monate auf Radikaldiät. Nach Ende des Versuchs startete bei allen von ihnen: das große Fressen. Sie aßen und aßen, ohne sich je richtig satt zu fühlen. Fünf Monate nach Ende der Studie hatte sich beim Großteil der Gruppe das Essverhalten wieder normalisiert.

Die Anfälle sind eine normale, körperliche Reaktion auf die Scheiße, die wir mit ihm angestellt haben. Das ist der Preis, den wir bezahlen. Wir müssen das Vertrauen unseres Körpers zurückgewinnen und ihm beweisen, dass das Nahrungsangebot von Dauer ist. Nur dann hört der Spuk auf, der durch hormonelle Umstellungen hervorgerufen wird und keine andere Essstörung zur Ursache hat, wie viele Patienten fürchten. Wir müssen diese Phase aus-und durchhalten, ohne uns für die Attacken zu verurteilen oder zu bestrafen.

Ich habe eine Entscheidung getroffen: Ich werde nicht unglücklich bleiben, nur weil es einfacher ist. Denn irgendwann scheint es leichter, die Krankheit auszuleben, als den beschwerlichen Genesungsweg anzutreten.

Ich habe erneut das Experiment gestartet. Wieder kam rasch der Heißhunger. Jeden Tag schiebe ich die böse, kleine Stimme beiseite, die mir einreden will, dass ich esssüchtig oder ein sogenannter Binge-Eater bin. Schon einmal habe ich auf eine böse, kleine Stimme gehört: Die sagte mir, ich dürfe nur 1200 Kalorien am Tag zu mir nehmen und müsse Sport treiben bis zum Umfallen. Ich war nicht gut damit beraten, ihr zu glauben, und diesen Fehler mache ich kein zweites Mal.

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Die Anfälle treten jetzt nicht mehr bei jeder Mahlzeit auf und ich kann sogar schon anfallfreie Tage verbuchen. Ich esse und heule und esse und heule. Aber beides wird weniger.

Ich wiege heute 49 kg und mein Körper fühlt sich fremd an. Aber: Mein Herzschlag verlangsamt sich nicht mehr plötzlich. Ich friere nicht mehr ständig. Ich werde nicht mehr angestarrt, sondern wurde sogar das erste Mal nach Langem auf der Straße wieder angelächelt. So falsch kann mein Weg also nicht sein.

Und ein paar Worte noch an alle, die Betroffene kennen: Wenn ihr seht, dass eine/r von uns zunimmt, sagt nicht: "Schön, dass es dir besser geht." Das tut es häufig ganz und gar nicht. Wir fühlen uns im Zweifelsfall kränker als je zuvor und brauchen euch. Nehmt die Verzweiflung, die mit der eigentlich positiven Veränderung einhergeht, ernst. Kommentiert unser Essverhalten bitte nicht, wenn ihr es seht, denn die Scham ist groß. Unternehmt etwas mit uns - wir brauchen Ablenkung! So schnell ist die Sache, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht gegessen.

Eine lange Version dieses Textes hatte die Autorin auf ihrem Blog veröffentlicht.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
stern1961 22.01.2017
1. In dieser Phase ist sehr wichtig
Sich gesund zu ernähren: stopfen sie Obst und Gemüse, frisch, mit anderen Nahrungsmittel, so dass der Körper genug verschiedene Stoffe hat. Besonders wichtig: Vollkorn! Statt Wurst - Fleisch. Und das Essen selbst zubereiten.
klugefrau 22.01.2017
2. Ein Dankeschön...
... für diesen Artikel! Ich selbst war von der Krankheit vor 13 Jahren betroffen und auch bei mir traten unkontrollierbare Fressattacken auf, nachdem ich beschlossen hatte, mein Leben wieder zu leben. Es war schwierig wieder irgendeine Form von Maß zu finden und ich muss sagen, es dauerte Jahre bis ich wieder "normales" Essverhalten an den Tag legte. Inzwischen erlebte ich eine Gewichtszunahme von über 30kg in nur wenigen Monaten, Radikaldiäten, Yo-Yo Effekte... ich kenne alles (außer Bulimie; auch ich habe es glücklicherweise nie geschafft mich zu übergeben)! Anders als der Ein- und Ausstieg in die Magersucht, was für mich tatsächlich eine Entscheidung war, war der Heilungsprozess graduell. Der Schlüssel zum Erfolg lag wohl darin meine Lebensumstände an meine Bedürfnisse anzupassen: Distanz zu einer schlecht funktionierenden Familie, Umzug in ein anderes Land, Menschen finden, die mich verstehen, eine Ausbildung, die mich erfüllt... Heute fühle ich mich wohler denn je - ich wünsche allen Betroffenen den Mut und die Kraft und die Ausdauer und die Geduld, diese Krankheit zu besiegen!
MiniDragon 22.01.2017
3. Die Magersucht
Zitat von klugefrau... für diesen Artikel! Ich selbst war von der Krankheit vor 13 Jahren betroffen und auch bei mir traten unkontrollierbare Fressattacken auf, nachdem ich beschlossen hatte, mein Leben wieder zu leben. Es war schwierig wieder irgendeine Form von Maß zu finden und ich muss sagen, es dauerte Jahre bis ich wieder "normales" Essverhalten an den Tag legte. Inzwischen erlebte ich eine Gewichtszunahme von über 30kg in nur wenigen Monaten, Radikaldiäten, Yo-Yo Effekte... ich kenne alles (außer Bulimie; auch ich habe es glücklicherweise nie geschafft mich zu übergeben)! Anders als der Ein- und Ausstieg in die Magersucht, was für mich tatsächlich eine Entscheidung war, war der Heilungsprozess graduell. Der Schlüssel zum Erfolg lag wohl darin meine Lebensumstände an meine Bedürfnisse anzupassen: Distanz zu einer schlecht funktionierenden Familie, Umzug in ein anderes Land, Menschen finden, die mich verstehen, eine Ausbildung, die mich erfüllt... Heute fühle ich mich wohler denn je - ich wünsche allen Betroffenen den Mut und die Kraft und die Ausdauer und die Geduld, diese Krankheit zu besiegen!
war wohl auch bei Ihnen "nur" Folge oder Begleiterscheinung von psychischen Problemen, welche zumeist mit der Pubertät einhergehen. (also vermutlich eine Stoffwechselerkrankung )
Kanalysiert 22.01.2017
4.
Würden die Medien und unsere kranke optisch verdrehte Gesellschaft nicht immer diese Hungerhakenmodels featuren, wäre diesen Menschen sicher auch psychisch schon mal sehr geholfen. Denn woher kommt denn dieses verdrehte Bild...
gesundheitsförderung 22.01.2017
5. Es ist mir ein Rätsel
Dass das Mädel auf amerikanischen Websites Hilfe gefunden haben soll. Ich wünsche alles Gute! Liebe Grüße Bianca Marx
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