Magersüchtige Studenten Mein Körper, mein Feind

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2. Teil: "Pro Ana": Der Wettkampf um das niedrigste Gewicht



Kathrin schleppte sich zu einer psychologischen Beratungsstelle für Essstörungen. "Im Nachhinein weiß ich, dass dieser Schritt mir das Leben gerettet hat", sagt sie. In einer kombinierten Psycho- und Ernährungstherapie lernte sie, sich psychisch und körperlich etwas Gutes zu tun. Außer ihren Therapeuten hat sie sich bislang niemandem anvertraut.

Seit sie wieder studiert, fallen ihr überall untergewichtige Kommilitonen auf. Allerdings scheue sie sich, diese auch anzusprechen. "Gerade im Medizinstudium ist das Thema ein großes Tabu, weil man ja vor den Patienten gesund sein soll", erzählt die Hamburger Studentin. Zunehmender Leistungsdruck und Konkurrenzkampf an den Unis machten einen offenen Umgang mit einer Krankheit, die als Schwäche gewertet werden könnte, nicht leichter.

Thinspiration: "Das Essen ist die Sucht, die wir aufgeben müssen"

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Der Wunsch, sich wenigstens anonym mitzuteilen, treibt viele der Betroffenen ins Internet. Auf der Suche nach Verständnis tauschen sich die Kranken dort auf "Pro-Ana"- und "Pro-Mia"-Seiten aus - der Name ist abgeleitet von Anorexia nervosa und Bulimia nervosa -, eine eigenartige Glaubensgemeinschaft, die extremes Untergewicht als Körperideal propagiert.

Die Krankheit wird in solchen Foren zur Lebensphilosophie und Religion erhöht. "Dünn sein ist wichtiger als gesund sein!" und "Ich muss alles dafür tun, um dünner zu sein!" heißt es in "Anas Zehn Geboten".

In der vermeintlichen Gemeinschaft animieren sich die jungen Frauen gegenseitig zum Hungern und tragen einen Wettkampf um das niedrigste Gewicht aus. Sie geben sich gefährliche Tipps, wie etwa, dass man Watte essen soll, damit sich der Magen füllt. Damit andere keinen Verdacht schöpfen, solle man in der Küche mit den Tellern klappern und Geschirr schmutzig machen. "Thinspirations", Fotos von extrem untergewichtigen Models und Schauspielerinnen, sollen an das Ziel erinnern, das nie erreicht werden kann.

"Die Bewegung hat in letzter Zeit sehr viel Aufmerksamkeit erregt", erzählt die Sprecherin des Internet-Portals Hungrig-Online, Birte Zess. Ihr Internet-Angebot möchte dem Bedürfnis der Hungernden nach anonymer Kommunikation gerecht werden - ohne fatalen Wettbewerb. Diättipps sind genauso tabu wie Gewichts- oder Kalorienangaben.

"Ich habe den Willen, gesund zu werden"

Einerseits finde sie es gut, dass das Thema nun im öffentlichen Bewusstsein angekommen sei, sagt Zess. "Andererseits werden so noch mehr junge Mädchen angesprochen, die sich von "Pro Ana" angezogen fühlen." Gerade wenn jemand lange in dieser virtuellen Welt gelebt und dort Anerkennung gefunden habe, sei es schwierig, das Denken wieder umzupolen.

Auch Lena, Medizinstudentin aus Hannover, hat sich auf den "Pro-Ana"-Seiten umgeschaut. "Natürlich haben die Foren ihren Reiz für unsichere Mädchen. Wenn man sich von der Gesellschaft nicht verstanden fühlt, wird hier eine Gemeinschaft vermittelt, die sich über das Hungern identifiziert." Das sei aber "sehr gefährlich, weil die Krankheit verherrlicht und idealisiert wird".

Die 24-Jährige litt neun Jahre an Magersucht. Auch als sie bei einer Größe von 1,68 Meter nur noch 45 Kilogramm wog, fühlte sie sich zu dick. Mit 18 kam sie auf eigenen Wunsch in eine Klinik. Sie machte Abitur und treibt jetzt ihr Medizinstudium voran. "Ich habe wirklich den Willen, gesund zu werden", sagt Lena. "Wenn ich psychisch und körperlich nicht belastbar bin, kann ich auch meinen Beruf nicht ausüben."

Seit dem Frühjahr nimmt sie an einer Selbsthilfegruppe für Studenten mit Essstörungen teil, die von den beiden angehenden Diplompädagoginnen Linda Siefert und Agnes Walter an der Universität Hannover gegründet wurde. "Uns ist aufgefallen, dass es hier bislang keine speziellen Angebote für Studenten mit Essstörungen gab", sagt Agnes Walter.

Wut auf das Schönheitsideal

Immer wieder haben sich die beiden 25-Jährigen während des Studiums und in Fortbildungen mit der Thematik beschäftigt - und haben dabei eine gehörige Wut auf das überall vermittelte Schönheitsideal bekommen. "Die Frau von heute soll hübsch und schlank sein, super im Job, eine sexy Ehefrau, eine tolle Mutter und Hausfrau und das alles auf einmal", meint Linda Siefert. Es sei "scheinheilig, wenn die Presse sich um untergewichtige Stars wie Victoria Beckham sorgt und sie dann in ihrem Designer-Outfit trotzdem auf die Titelseite bringt", kritisiert Siefert. Oder wenn in den Werbeblocks zu "Germany's Next Topmodel" Werbung für Light-Produkte oder Abführmittel laufe.

Einmal pro Woche trifft sich die Gruppe, neun Studenten mit unterschiedlichen Essstörungen. "Es hilft mir sehr, in einem geschützten Raum über meine Probleme zu reden und mich mit anderen Betroffenen auszutauschen", sagt Medizinstudentin Lena.

Dieses Bedürfnis hätten auch viele Männer, meint Agnes Walter. Doch bei ihnen liege die Hemmschwelle noch höher. "Für viele ist die Scham, über eine Krankheit zu sprechen, die man nur bei Frauen vermutet, zu groß." Einen ungewöhnlichen Schritt ging kürzlich der Formel-1-Fahrer David Coulthard, als er von seinem überstandenen Kampf gegen die Bulimie berichtete.

Studentin Lena macht inzwischen eine Therapie und ist auf dem Weg zurück zu ihrem Normalgewicht. Sie ist zuversichtlich, dass der Tag kommt, an dem sie die Krankheit ganz überwunden haben wird. Vor kurzem war sie zum ersten Mal wieder in der Mensa. Ein Anfang.



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Constantinopolitana, 03.01.2007
1.
Hallo, einer meiner Freunde erzählte mir neulich, sein Sohn (15 oder so) habe sich verliebt - in eine ziemlich rundliche Klassenkameradin. Sie sei nett, interessant, witzig und so weiter und so fort, und er sei todunglücklich, weil daraus wohl nichts werden könne. Warum kann daraus nichts werden? Nicht, weil sie ihn nicht wiederliebt, nein! Weil der Junge Angst hat, wegen seiner fetten Freundin verspottet zu werden! Man wundert sich, man wundert sich, und eigentlich können einem die Jugendlichen leid tun, die wegen solcher Oberflächlichkeiten auf eine Beziehung verzichten. Bloß, daß der Schlankheitswahn so etwas neues sein soll, wage ich zu bezweifeln. In früheren Jahrhunderten schnürten sich die Frauen eine Wespentaille, und Weiblein und Männlein aus Adel und Bürgertum quetschten ihre Füße in gar abenteuerlich kleine und enge Schuhe. Man lese nach bei Schneewittchen und Aschenputtel oder auch in "Vom Winde verweht". Wer heute mit einer Taille von 60 - 70 cm herumläuft (als Frau), paßt in die kleineren Damengrößen oder ärgert sich, weil der Bund der Hosen, die von Länge und Hüftbreite passen, immer so schlackert - zur Zeit der Schnürleibchen galt jedoch das als bäurisch dicker Bauch. Und wer sich heute an Kate Moss oder Victoria Beckham orientiert, um zu wissen, was schön sein soll, schaute sich vor 100 Jahren vielleicht die Stummfilmschönheiten der UFA oder vor 300 Jahren eine schöne Geschnürte im Reifrock an - das Ergebnis war sicher nicht viel anders...man entspricht einfach nicht dem Ideal! Das Problem sind sicher nicht die Vorbilder, sondern die Tatsache, daß man als Heranwachsende(r) sich seiner selbst so furchtbar unsicher ist, daher unbedingt einer von den Altersgenossen akzeptierten Norm entsprechen will und alles mögliche Sinnvolle und Sinnlose tut, um dies zu erreichen. Die einen hungern, die anderen geben sich derart lässig, daß Schulversagen, Drogen, kleinere oder größere Kriminalität nur unterstreichen, wie sehr sie drüberstehen, andere wiederum wollen mit körperlicher Gewalt beweisen, daß sie ernstzunehmende Persönlichkeiten sind; meines Erachtens sind das nur Facetten desselben Problems. Die Frage ist doch eher, wie schafft man es, seinen Kindern zu helfen, daß sie sich selbst als Person akzeptieren? Allerbeste Grüße, Eva
DJ2002dede, 03.01.2007
2.
---Zitat von sysop--- Junge Frauen und Mädchen eifern oft einem fragwürdigen Ideal nach: Immer schlanker, immer dünner wollen sie sein und ruinieren damit ihre Gesundheit. Sind es vor allem die falschen Vorbilder, die den Wahn fördern? Was kann gegen die gefährlichen Wünsche nach vermeintlicher Idealfigur getan werden? ---Zitatende--- Es sind auch die falschen Vorbilder, in Kombination mit der Peer-Group wie der andere Forist schon am eigenen Beispiel des Sohnes aufzeigte. Was man dagegen machen kann? Gute Frage. Als Elternteil ist man gegen eine Peer-Group machtlos, also geht es nur mit einer gesamtgesellschaftlichen Änderung. Und sowas ist bekanntlich schwer zu erreichen.
inci 03.01.2007
3.
---Zitat von sysop--- Junge Frauen und Mädchen eifern oft einem fragwürdigen Ideal nach: Immer schlanker, immer dünner wollen sie sein und ruinieren damit ihre Gesundheit. Sind es vor allem die falschen Vorbilder, die den Wahn fördern? Was kann gegen die gefährlichen Wünsche nach vermeintlicher Idealfigur getan werden? ---Zitatende--- zuerst einmal sollten kleidergrößen wieder einheitlich festgelegt sein. ich habe mit meiner tochter festgestellt, daß eine heutige bluse der größe 42 (muster von h+m) einer früheren größe 38 entspricht. durch die ständige "verschlankung" dieser maße ist es natürlich nicht verwunderlich, daß sich junge mädchen bis zur klapprigkeit hungern, nur um in größe 38 zu passen, die gemessen an den früheren größen eigentlich eher einer 34/36er größe entspricht. nicht zuletzt wurde ja bei den damen schon die konfektionsgröße 32 kreiert, in die wahrscheinlich nicht mal mein enkel passen würde, wenn der nächstes jahr in die schule kommt. und was die extrem dünnen "vorbilder" wie madame beckham und kollegInnen betrifft: glaubt jemand wirklich im ernst, die sind so schön schlank, weil sie immer eifrig sport treiben? im leben nicht, gibt es doch wundersame chemie und hormone die dem nachhelfen. sozusagen das gegenstück zur chemischen keule mancher bodybuilder. das zeug ist aber noch dermaßen teuer, daß es sich kaum eine leisten kann, und deshalb wird mit den altbekannten model-tricks nachgeholfen.
Priest, 03.01.2007
4.
---Zitat von Constantinopolitana--- Die Frage ist doch eher, wie schafft man es, seinen Kindern zu helfen, daß sie sich selbst als Person akzeptieren? ---Zitatende--- Nur sehr schwer! Denn viele Erwachsene akzeptieren sich selbst kaum. Bestimmte Dinge werden ausgeblendet, ignoriert usw.. Das größte Problem ist meiner Meinung nach die Unehrlichkeit die in den Medien und dem Showbiz vorherrscht. Stars machen uns vor, dass sie nichts für ihr Aussehen tun ausser ein bisschen Training, von Schönheitsoperationen halten sie gar nichts. Selbst wenn dies mit den Operationen stimmt, sieht ein wenig Training nicht ao aus, dass sie 1 mal die Woche in ein 24h Fitness Center gehen sondern eine indivduelle Ernährungsberatung mit einem persönlichen Fitnesstrainer haben, der ein absolut abgestimmtes Training und Tagesablauf konzipiert. Da kommt man mit den Ernährungsbuch und dem Heimtrainer einfach nicht ran. Und Operationen? "Ich habe mich nicht operieren lassen!" Ja lec.. mich doch, kann man an der Nase abnehmen und gezielt am Busen zunehmen? Schauen sie sich bitte Filme von J.Lo und Kylie Minoque von früher an und von heute, da sehen sie wo die Schönheitsoperationen ihre Spuren (oder auch nicht) hinterlassen haben. Die sogenannten Vorbilder präsentieren sich gerne als Schönheitsikonen, die einen mit Videos vorgaukeln, dass sie dies alles nur durch harte Arbeit erreicht haben und schmeicheln damit ihrem Ego auch wenn dies bedeutet die Unwahrheit zusagen. Die Nachricht die damit transportiert wird ist für die breite Masse aber katastrophal, Lise Müller trainiert 7 mal die Woche und verzweifelt, dass sie keinen Körper wie ihr Vorbild hat. Jeder Mensch muss lernen, sich selbst mit seinen Fehlern zu akzeptieren und auch ehrlich dazu stehen. Unser Körper ist keine Skulptur die sich nach Belieben formen lässt, wir können nicht entscheiden 5g an den Schenkeln abzunehmen und Muskeln an bestimmten Teilen des Körpers aufzubauen. Wir können 10 Kg abnehmen aber die 5g an den Schenkeln bleiben. Hinzu kommt unser verzertes Selbstbild, ich habe in den letzten 2 Jahren gut 45 Kilo abgenommen und selbst als ich schon Kleidung trug die 2 Nummern kleiner war, sah ich noch immer keinen Unterschied im Spiegel. Unsere eigene Warnehmung bestimmt unsere Selbstzufriedenheit, wer akzeptiert dass die 5g Fett an den Schenkeln sind ist glücklicher als ein Victoria Beckham, die wahrscheinlich bei jedem Blick in den Spiegel neue "Fettwülzte" entdeckt. Niemand sollte aus Ästhetischen Gründen abnehmen und schon gar nicht für andere, Training und Abnehmen sollen eine Selbstverbesserung sein, also tut man es nur für sich. Aber die körperliche Veränderung reicht nicht aus, diese Veränderung muss auch im Kopf stattfinden. Wir alle haben Fehler und müssen damit leben, selbst jemand mit einem Körper wie Adonis wird feststellen, dass seine Nase etwas schief, das eine Auge höher als das Andere ist oder dass die Ohren abstehen, denn wer Fehler sucht wird sie auch finden. Die meißten Erwachsenen können dies nicht und für Jugendliche ist es schwerer, da deren Körper sich erst entwickelt und noch kein wirkliches Selbstbild haben und sich dieses Bild aus ihrer Umgebung und auch den Medien formen.
Besquare, 04.01.2007
5. es geht noch viel dünner!!!
---Zitat von sysop--- Junge Frauen und Mädchen eifern oft einem fragwürdigen Ideal nach: Immer schlanker, immer dünner wollen sie sein und ruinieren damit ihre Gesundheit. Sind es vor allem die falschen Vorbilder, die den Wahn fördern? Was kann gegen die gefährlichen Wünsche nach vermeintlicher Idealfigur getan werden? ---Zitatende--- Die Vorbilder sucht sich der Mensch (außer die Eltern, weil die prägend sind) selber aus. Die Vorstellung eines Ideals ist falsch... Aber woher sollen die Mädels das wissen, wenn sie nicht wissen, wen sie darstellen? Es ist ein Problem des Selbstbildes... Wir haben Spiegel und Fernseher, und neben den Millionen "NORMALEN" Frauen aus der Nachbarschaft, starrt Frau unzufrieden ihr Spiegelbild und sehnsüchtig ihre Ikonen im Fernsehen an... ohne zu registrieren, dass sie in der direkten Nachbarschaft im oberen Drittel spielt (bspw.)... Frauen eifern Menschen nach, die sie meistens noch nicht einmal in der Realität GESEHEN haben... Madonna sieht nur deshalb noch so gut aus, weil sie die ZEIT HAT 4 Stunden am Tag mit einem professionellen Trainer (Sportlehrer zu deutsch) zu üben... da muss man schlank bleiben, und die Schönheitschirurgie tut ihr übriges... Die berühmten Frauen im TV tuen das BERUFLICH und es ist unsere schuld, das die Hofnarren unserer Zeit besser bezahlt sind als die Könige!!! Ich verabscheue mich selbst, mit freundlichem Gruß BeSquare
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