Bilder vom Maidan-Aufstand "Ich dachte, das ist die letzte Schlacht"

Auf dem Maidan in Kiew schoss Fotografiestudent Robin Hinsch Bilder von brennenden Barrikaden, ausgebrannten Häusern und Männern mit Stahlhelmen. Was er vor einem Jahr für das Ende der Kämpfe hielt, war der Auftakt des Ukrainekriegs.
Foto: Robin Hinsch

Robin Hinsch, 28, studiert Fotografie an der HAW in Hamburg. Er reiste mehrmals in die Ukraine und bekam dabei den Fall von Präsident Wiktor Janukowytsch im Februar 2014 hautnah mit. Danach stürzte das Land in einen bis heute dauernden Bürgerkrieg. Hinsch ist unter anderem Träger des Deutschen Jugendfotopreises. 2014 wurde er mit dem International Photography Award ausgezeichnet und war für den Lucie Award nominiert.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hinsch, Sie haben den Machtwechsel in der Ukraine vor einem Jahr erlebt und die Straßenschlachten auf dem Maidan fotografiert. Wann waren Sie zum ersten Mal im Land?

Hinsch: Zum Amtsantritt von Präsident Wiktor Janukowytsch im Jahr 2010. Schon damals raunte die Presse, der böse Machthaber habe jetzt das Ruder in der Ukraine übernommen. Das hat mich interessiert. Mittlerweile war ich viermal dort, immer für mindestens einen Monat. Ich wollte den Ist-Zustand einer Gesellschaft in Bilder fassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Ukraine vor vier Jahren wahrgenommen?

Hinsch: Bereits mein erster Eindruck war, dass etwas nicht stimmt. Viele Leute wirkten unzufrieden, verhärmt. Und beinahe jeder Zweite erzählte mir, wie er ständig jemanden bestechen müsse: Professoren, Polizisten, Beamte. Auch ich habe bei jeder Reise Polizisten Geld geben müssen, manchmal nur um über die Straße gehen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Ende 2013 begannen die Proteste in Kiew. Wann haben Sie sich entschieden, auf den Maidan zu gehen?

Hinsch: Im Januar 2014 hatte ich das Gefühl, dass Ende der Janukowytsch-Ära könnte gekommen sein. Ich wollte den Sturz miterleben und bin dann knapp einen Monat geblieben.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Maidan-Demonstrationen vor Janukowytschs Sturz empfunden?

Hinsch: Ich war schon in vielen Protestlagern, bei Castor-Demos und auf Klimagipfeln. Die Stimmung auf dem Maidan war zunächst sehr familiär. Ab dem 18. Februar brachen dann erbitterte Kämpfe aus. Ich habe viele Schlägereien und explodierende Molotowcocktails gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie selbst in Gefahr?

Hinsch: Einmal bin ich direkt in eine Schießerei geraten. Ich ging gerade eine Straße entlang, die vom Platz wegführt, da hörte ich Schüsse, die ich erst für Böller hielt. 20 Meter von mir entfernt sah ich Männer, die einfach umkippten und liegen blieben. Ich bin schnell weggelaufen, um mich in Sicherheit zu bringen. Hinter einer Mauer fand ich Schutz und überlegte, ob ich weiter fotografieren soll. Als sich das Feuergefecht etwas beruhigt hatte, rannte ich weg, in Richtung Hotel Ukraine am Maidan. Von dem Schusswechsel habe ich keine Bilder gemacht. Ich wollte nicht beim Fotografieren sterben.

SPIEGEL ONLINE: Einige Maidan-Demonstranten haben Sie sehr martialisch abgelichtet. Verherrlichen solche Bilder nicht die Gewalt?

Hinsch: Ich will Gewalt nicht ästhetisieren. Als ich mittendrin war, kam mir zu Anfang vieles eher wie Maskerade vor. Lange Zeit passierte nicht viel, außer dass die Menschen aufgerüstet haben, die Barrikaden mit Autoreifen verstärkten, sich Helme und Schutzwesten anzogen. Ein Mann trug eine Art Ritterhelm, und ich fragte mich: Woher kommt die Idee, dass so ein Helm schützen soll?

SPIEGEL ONLINE: Sie sind geblieben, als es brenzlig wurde. Trotzdem zeigen Ihre Bilder wenig Bewegung, sie wirken beinahe inszeniert.

Hinsch: Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, die Grausamkeit zu dokumentieren. Mir ging es nicht darum zu zeigen, wie Aktivisten schlafen, essen, kämpfen, sterben. Mein Thema war die letzte Auseinandersetzung, ich dachte: Das ist die letzte Schlacht. Dass es der Anfang eines Bürgerkriegs werden würde, hatte ich nicht erwartet.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie das Leid, das Sie gesehen, aber nicht fotografiert haben, verarbeitet?

Hinsch: Sehr berührt haben mich die trauernden Menschen, die erfahren haben, dass ihre Verwandten gestorben sind. Ich habe unmittelbar Menschen sterben sehen, aber fast unerträglich war tatsächlich, die trauernden Leute zu sehen, die einen Leichnam als ihren Sohn identifizieren mussten. Ich habe lange mit Freunden darüber gesprochen, um es zu verarbeiten.

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