Bilder vom Maidan-Aufstand "Ich dachte, das ist die letzte Schlacht"

Auf dem Maidan in Kiew schoss Fotografiestudent Robin Hinsch Bilder von brennenden Barrikaden, ausgebrannten Häusern und Männern mit Stahlhelmen. Was er vor einem Jahr für das Ende der Kämpfe hielt, war der Auftakt des Ukrainekriegs.

Ein Interview von Christopher Piltz


Maidan 2014 - Momentaufnahmen einer Eskalation
Maidan 2014 - Momentaufnahmen einer Eskalation
Maidan 2014 - Momentaufnahmen einer Eskalation
Maidan 2014 - Momentaufnahmen einer Eskalation
Maidan 2014 - Momentaufnahmen einer Eskalation
Maidan 2014 - Momentaufnahmen einer Eskalation
Maidan 2014 - Momentaufnahmen einer Eskalation
Maidan 2014 - Momentaufnahmen einer Eskalation
Maidan 2014 - Momentaufnahmen einer Eskalation
Maidan 2014 - Momentaufnahmen einer Eskalation
  • Robin Hinsch
    Robin Hinsch, 28, studiert Fotografie an der HAW in Hamburg. Er reiste mehrmals in die Ukraine und bekam dabei den Fall von Präsident Wiktor Janukowytsch im Februar 2014 hautnah mit. Danach stürzte das Land in einen bis heute dauernden Bürgerkrieg. Hinsch ist unter anderem Träger des Deutschen Jugendfotopreises. 2014 wurde er mit dem International Photography Award ausgezeichnet und war für den Lucie Award nominiert.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hinsch, Sie haben den Machtwechsel in der Ukraine vor einem Jahr erlebt und die Straßenschlachten auf dem Maidan fotografiert. Wann waren Sie zum ersten Mal im Land?

Hinsch: Zum Amtsantritt von Präsident Wiktor Janukowytsch im Jahr 2010. Schon damals raunte die Presse, der böse Machthaber habe jetzt das Ruder in der Ukraine übernommen. Das hat mich interessiert. Mittlerweile war ich viermal dort, immer für mindestens einen Monat. Ich wollte den Ist-Zustand einer Gesellschaft in Bilder fassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Ukraine vor vier Jahren wahrgenommen?

Hinsch: Bereits mein erster Eindruck war, dass etwas nicht stimmt. Viele Leute wirkten unzufrieden, verhärmt. Und beinahe jeder Zweite erzählte mir, wie er ständig jemanden bestechen müsse: Professoren, Polizisten, Beamte. Auch ich habe bei jeder Reise Polizisten Geld geben müssen, manchmal nur um über die Straße gehen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Ende 2013 begannen die Proteste in Kiew. Wann haben Sie sich entschieden, auf den Maidan zu gehen?

Hinsch: Im Januar 2014 hatte ich das Gefühl, dass Ende der Janukowytsch-Ära könnte gekommen sein. Ich wollte den Sturz miterleben und bin dann knapp einen Monat geblieben.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Maidan-Demonstrationen vor Janukowytschs Sturz empfunden?

Hinsch: Ich war schon in vielen Protestlagern, bei Castor-Demos und auf Klimagipfeln. Die Stimmung auf dem Maidan war zunächst sehr familiär. Ab dem 18. Februar brachen dann erbitterte Kämpfe aus. Ich habe viele Schlägereien und explodierende Molotowcocktails gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie selbst in Gefahr?

Hinsch: Einmal bin ich direkt in eine Schießerei geraten. Ich ging gerade eine Straße entlang, die vom Platz wegführt, da hörte ich Schüsse, die ich erst für Böller hielt. 20 Meter von mir entfernt sah ich Männer, die einfach umkippten und liegen blieben. Ich bin schnell weggelaufen, um mich in Sicherheit zu bringen. Hinter einer Mauer fand ich Schutz und überlegte, ob ich weiter fotografieren soll. Als sich das Feuergefecht etwas beruhigt hatte, rannte ich weg, in Richtung Hotel Ukraine am Maidan. Von dem Schusswechsel habe ich keine Bilder gemacht. Ich wollte nicht beim Fotografieren sterben.

SPIEGEL ONLINE: Einige Maidan-Demonstranten haben Sie sehr martialisch abgelichtet. Verherrlichen solche Bilder nicht die Gewalt?

Hinsch: Ich will Gewalt nicht ästhetisieren. Als ich mittendrin war, kam mir zu Anfang vieles eher wie Maskerade vor. Lange Zeit passierte nicht viel, außer dass die Menschen aufgerüstet haben, die Barrikaden mit Autoreifen verstärkten, sich Helme und Schutzwesten anzogen. Ein Mann trug eine Art Ritterhelm, und ich fragte mich: Woher kommt die Idee, dass so ein Helm schützen soll?

SPIEGEL ONLINE: Sie sind geblieben, als es brenzlig wurde. Trotzdem zeigen Ihre Bilder wenig Bewegung, sie wirken beinahe inszeniert.

Hinsch: Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, die Grausamkeit zu dokumentieren. Mir ging es nicht darum zu zeigen, wie Aktivisten schlafen, essen, kämpfen, sterben. Mein Thema war die letzte Auseinandersetzung, ich dachte: Das ist die letzte Schlacht. Dass es der Anfang eines Bürgerkriegs werden würde, hatte ich nicht erwartet.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie das Leid, das Sie gesehen, aber nicht fotografiert haben, verarbeitet?

Hinsch: Sehr berührt haben mich die trauernden Menschen, die erfahren haben, dass ihre Verwandten gestorben sind. Ich habe unmittelbar Menschen sterben sehen, aber fast unerträglich war tatsächlich, die trauernden Leute zu sehen, die einen Leichnam als ihren Sohn identifizieren mussten. Ich habe lange mit Freunden darüber gesprochen, um es zu verarbeiten.

insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
etude 21.02.2015
1. Unabhängig vom Anlass der Aufnahmen...
...muss ich hier doch mal meinen Unmut über die Bildoptik rauslassen: Ich kann diese entsättigten erdfarbenen Bilder in 'Der-Soldat-James-Ryan-Optik' nicht mehr sehen, ganz gleich ob es sich um Fotos oder Bewegtbild handelt! Für mich entspricht das purer Effekthascherei, dabei hätten das die durchaus gut gesehenen Momente nicht nötig gehabt. Dann doch lieber dramatische Schwarzweiß-Fotografie mit anständigen Kontrasten, um den Blick auf das Wesentliche zu lenken. Oder die Brutalität moderner unverfälschter Farbbilder. Gute Bilder entstehen bei der Aufnahme und nicht am Rechner. Abtauchen in den Mainstream. HDR, weil's jeder kann.
karlsiegfried 21.02.2015
2. Keinen Kommenntar und kein Foto wert?
" Angesichts der von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO geschätzten 1.000.000.000 Hungernden weltweit und über 24.000 Hungertoten pro Tag ...' Quelle: 'http://de.wikipedia.org/wiki/Recht_auf_angemessene_Ernährung'
wernerthurner 21.02.2015
3. Nicht korrekt
Offenbar bereits vergessen ist, dass im Februar 2014 am Tag bevor es einen durch D,FR,GB, KLitschko und Janukowitsch unterzeichnetes Beilegungsabkommen der Unruhen dort gab, gekaufte Verbrecher/Scharfschützen ein Massaker an über vierzig sowohl Polizisten als auch Demonstranten anrichteten, welches bis heute (eie auch das Odessa Massaker) nicht aufgeklärt ist. Schnell war die Presse damals mit der Schuldzuweises für dies Morde an die demokratisch gewähle, korrupte aber noch amtierende Regierung/bzw. dem (wie alle seine Vorgänger) korrupten Präsidenten, die/der dann zwei Tage später mit waffen-, verbaler und körperlicher Gewalt im parlament, gestürzt wurde. Der Auftakt des Ukraine Krieges war dann erst im April 2014 als die nationalistische rechte (Übergangs- bzw. Putsch) Regierung den Krieg gegen den Osten des Landes befohl.
Al.Ba. 21.02.2015
4. Ich Frage mich
was soll an einer Bewegung demokratisch sein wenn wenige mit Gewalt ihre Ansichten durchsetzten wollen. Für mich ist das sowas wie die Bolschewiken Bewegung. Erst die macht an sich gerissen und dann alle Gegner in einem Bürgerkrieg ausgeschaltet. Das war damals schon 'Blutig und wird es heute noch mehr.
burner010 21.02.2015
5.
Zitat von etude...muss ich hier doch mal meinen Unmut über die Bildoptik rauslassen: Ich kann diese entsättigten erdfarbenen Bilder in 'Der-Soldat-James-Ryan-Optik' nicht mehr sehen, ganz gleich ob es sich um Fotos oder Bewegtbild handelt! Für mich entspricht das purer Effekthascherei, dabei hätten das die durchaus gut gesehenen Momente nicht nötig gehabt. Dann doch lieber dramatische Schwarzweiß-Fotografie mit anständigen Kontrasten, um den Blick auf das Wesentliche zu lenken. Oder die Brutalität moderner unverfälschter Farbbilder. Gute Bilder entstehen bei der Aufnahme und nicht am Rechner. Abtauchen in den Mainstream. HDR, weil's jeder kann.
Tolle Bilder mit hohem persönlichen Einsatz, Kompliment. Aber bezügl. der Bildästhetik muss ich dem Kommentar von etude Recht geben - dem Inhalt der Arbeit bringt diese Ästhetisierung kein Plus.
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