Manuels Tagebuch Warum Perlen-Paula nicht flirten will

Im Bonn-Log schreibt Manuel J. Hartung über sein neues Leben als Student. Diesmal sieht er seine Lieblings-Kommilitonen wieder: den Chekka, Perlen-Paula am Fleischkreisel und Miss Moonboot. Außerdem will er Schwäbisch als Fremdsprache lernen und gerät auf eine Neunziger-Jahre-Party.

Montag

Ich bekenne mich schuldig - in Gedanken, Worten und Werken. Ich habe die Uni in den Semesterferien vermisst. Besonders stark haben mir drei Kommilitonen gefehlt: der Chekka, die Perlen-Paula und Miss Moonboot.

Der Chekka - Kappe, Bart, Hundeblick - redet im Tonfall von Kaya Yanar mit dem Sendungsbewusstsein eines Guido Westerwelle. Er checkt jede noch so schwere Sache sofort und fühlt sich nicht nur berufen, sondern auch auserwählt, zu jedem Thema etwas zu sagen. Der Kampf der Kulturen: "Alder, der hat schon im Spätmittelalter angefangen". An der Armut der Welt, "da ist George W. Bush schuld". Und im Vatikan - "da geht es voll ab, hab ich bei den 'Illuminati' gelesen".

Die Perlen-Paula - um den Hals die Perlen von Oma, an den Ohren die Perlen von H&M - sitzt meist am Fleischkreisel. Die runde Bank am Bonner Juridicum ist der wichtigste Ort studentischer Fleischbeschau. Einmal sitze ich neben ihr - und schaue schüchtern rüber. Den Kragen ihrer Ralph-Lauren-Bluse hat sie hochgestellt, sie kramt in ihrem grünen Longchamp-Säckchen. Ich versuche, ein Gespräch mit ihr zu beginnen. Doch als ich ihr berichte, dass ich nicht nur Jurisprudenz, sondern auch Geschichte studiere, zieht sie die Augenbrauen nach oben. Eine Minute später sagt sie: "Ich muss mal gehen."

Meine Lieblingskommilitonin ist aber Miss Moonboot. Sie trägt weite Stiefel, in die sie ihre Hose stopft, weil ihr jemand gesagt hat, dass das in London alle so machen. Ich warte jede Vorlesung freudig erregt auf ihre Wortmeldung. Schreibt der Professor etwas auf Folie, kreischt sie: "Eeey, nich' so schnell!" Spricht er vom Freiherrn vom Stein, schnipst sie mit den Fingern und plärrt: "Eeey, wie hieß der noch mal?"

Dienstag

Ich bin Opfer einer Straftat geworden, einer sehr mysteriösen Straftat. Mir werden seit geraumer Zeit Tüten und Gummis geklaut. Ich meine in der Tat Verhütungsmittel, die Anti-Regen-Präservative, die ich über den Sattel meines Fahrrads stülpe: Plastiktüten vom Discounter. Zuerst habe ich noch gedacht, dass die großen Tüten vom Wind weggerissen werden - und habe kleinere benutzt. Als auch die regelmäßig verschwanden, habe ich eine Tüte mit Gummis am Sattel festgeschnallt. Jetzt sind Tüte und Gummis weg. Von nun an fahre ich mit nassem Hintern zur Uni.

Donnerstag

In diesem Semester werde ich zusammen mit künftigen Kardinälen und dereinstigen Bischöfen studieren, mit Dorfpfarrern in spe und ihren promovierten Haushälterinnen. Ich habe mich zusätzlich für Theologie eingeschrieben, für katholische Theologie, wohlgemerkt. Bonn ist da offenbar eine gute Adresse, denn Joseph Ratzinger war hier mal vier Jahre Prof. Ich war mal ein paar Jahre Messdiener, genauso wie Müntefering, Gottschalk und Biolek. Am Anfang durfte ich nur Kerzen tragen oder mit den Schellen schellen, später habe ich den höchsten Job in der frommen Hierarchie gemacht, das Kanzleramt im Hochamt, sozusagen: Ich durfte das Rauchfass durch die Luft schwenken und schleudern und schlenzen. Dummerweise hat an Ostern ein Ömchen erst einen Husten-, dann einen Schwächeanfall bekommen. Und dummerweise hat sie den hinter einer Weihrauchwolke verschwundenen Messdiener für ihre Unpässlichkeiten verantwortlich gemacht. Fürderhin war das Rauchfass für mich tabu.

Nun will ich also noch Theologie studieren. Nach all den Gesetzestexten im Jurastudium drängt es mich zu wissen: Wo gehen wir hin? Wo kommen wir her? Was ist der Sinn? Ist da noch mehr? Außerdem gibt es eine Ersti-Einführung mit lecker Mittagessen im Priesterseminar. Auch die Studienbedingungen sind super: "Bei uns werden Sie nie Probleme haben, einen Seminarplatz zu bekommen", hat der Studienberater gesagt, "gehen Sie einfach zur ersten Sitzung hin."

Freitag

Im Café mit Christina. Sie ist sauer. Ein Semester lang hat sie sich in einem Geschichtsseminar abgerackert. Hausaufgaben? Immer und immer pünktlich. Mündliche Beteiligung? Immer und immer fundiert. Klausur? Leider nur mittelmäßig Auf ihrem Schein steht die Note aus der Klausur. Was vorher war - egal. Ich finde das absurd. Ein Restaurantkritiker, der nur das Dessert bewertet und den Hauptgang vergisst, der würde gefeuert.

Samstag

Bald muss ich mein erstes großes Werk abgeben, meine erste Hausarbeit, 15 Seiten über Johanna von Bismarck, die Frau des großen Otto. Ich habe unglaublich gefühlvolle Briefe gelesen (Otto an Johanna: "Benutze mich, misshandle mich"), habe Biografien geflöht - und bin fast fertig. Nur eine einzige Jahreszahl brauche ich noch, die ich in einem Lexikon nachschauen will. Ich fahre in die Uni-Bibliothek. Doch ich komme nicht rein. Es ist Samstagnachmittag, und samstags macht die Bibliothek um vier Uhr zu. Ich werde wütend. Warum kann ich nicht am Samstagnachmittag um vier Kaffee trinken gehen und danach in die Bibliothek? Warum kann ich unter der Woche von sieben Uhr abends an kein Buch mehr ausleihen? Und warum kann ich nicht nachts um zwei zwischen den Büchern sitzen? Ich kann mir nur eine Antwort denken: Die Uni versteht sich als ganzheitliche Erziehungsanstalt - und will vor allem Beamte oder Gewerkschafter ausbilden.

Montag

Ein Jurastudenten-Club schenkt zum Semesterstart Prosecco aus. Ich nehme mir ein Glas und überlege mir gute Vorsätze fürs neue Semester: Erstens will ich freitags in diesem Semester freihaben. Zweitens will ich mich zum Uni-Sport anmelden. Und drittens will ich eine neue Fremdsprache lernen: Schwäbisch. Meine Freundin Dorothee aus Ditzingen hat mir nämlich ein Buch geschenkt: "Schwäbisch für Besserwisser". An der Grammatik verzweifele ich noch: "I han, du hasch und mir hent g'het". Aber eine schwäbische Weisheit passt bestens zum Alltag an der Uni: "Nix g'sagt isch g'lobt g'nug."

Mittwoch

Kurz nach neun im Historischen Seminar. Vor der Tür eines Dozenten liegen zusammengefaltete Decken: Sofadecken, Picknickdecken, Hundedecken. Drum herum stehen Erstsemester. Sie wollen sich zu einem Proseminar in Geschichte anmelden - und haben vor der Uni campiert. Um zwei Uhr, erzählt ein Mädchen, saßen die Ersten vor den verschlossenen Türen, um fünf Uhr waren mehr Leute als Seminarplätze da. Im vergangenen Semester war ich um vier aufgestanden und stand um fünf vor der Uni. Dieses Mal wäre ich leer ausgegangen.

Abends Politologen-Party. Ich treffe Sascha, den ich besonders dafür schätze, dass er jeden Morgen zehn Minuten Zeitung liest und danach simple Nachrichten als große Wissenschaft verkauft. Diese Fähigkeit zum Bläh-Blabla hat er auf alle Lebensbereiche ausgedehnt. Er kann sogar einfache Schimpfwörter zu schwierigen Fremdwörtern machen. "Der Christof, der ist ein rezentes Fossil", sagt er zur mir und wedelt mit einer Flasche "Desperados". Ich nicke - weiß aber nicht, was er meint. Dann sagt Sascha: "Dreh dich mal unauffällig um: Da steht ein echtes Rektalimplantat." Ich drehe mich um - weiß aber nicht, wen er meint. Ich nicke und denke etwas nach. "Findest du nicht auch", frage ich ihn dann, "dass postpubertärer Infantilismus eine schlimme Krankheit ist?"

Donnerstag

Ich bin auf der ersten Neunziger-Jahre-Party meines Lebens. Studentenwohnheim, rotgetünchte Wände, Dartscheibe, kleiner Feigling. Aus den Lautsprechern stammelt der Scatman John. Dann läuft Dr. Alban, dann ein Lied von der ersten CD, die ich mir je gekauft habe: "All That She Wants" von Ace of Base. Erste Klassenfahrt, erste Küsse, erste Kämpfe mit Bartstoppeln, erste Krämpfe auf der Tanzfläche. Ich lehne mich zurück. Bislang habe ich gedacht, nur Frauen in der Quarterlife-Crisis jagten auf Achtziger-Jahre-Partys ihrer Jugend nach. Nun wird meine eigene Vergangenheit historisiert. Doofes Gefühl. Um kurz vor zwölf gehe ich.

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