Marc beim IQ-Test Wie ich ein Schlaumeier wurde

Die Uni Freiburg erlässt Überfliegern mit einem IQ über 130 die Studiengebühren. Geschichtsstudent Marc Röhlig, 21, will auch zur Schlauberger-Elite gehören, machte den Test - und beschreibt, wie anstrengend es ist, den eigenen Grips vermessen zu lassen.

Für ein Superhirn halte ich mich nicht. Auf einer Skala von eins bis Jauch müsste ich schon alle drei Joker verbraten, um bis zur 16.000 zu kommen. Wissen will ich’s jetzt trotzdem: Ich mache einen IQ-Test. Und das kommt nicht von ungefähr.

Die Uni Freiburg will Elite-Uni werden und sehnt sich so sehr nach Exzellenz, dass sie neuerdings einen Schlaumeierrabatt verspricht: Wer einen Intelligenzquotienten ab 130 aufwärts nachweisen kann, dem wird bei rechtzeitiger Anerkennung "derzeit eine Befreiung bis einschließlich Sommersemester 2008 ausgesprochen". Brains in den Breisgau - hurra, es gibt zwei Semester zum Preis eines Intelligenztests zu gewinnen!

Die Aufwärmübung mache ich mit einem Magazin: Bildchenreihen, Analogien, Buchstabensalat und Spiegelbilder sind zu bearbeiten. Ich stoppe die Zeit, achte allerdings bei den Rechenaufgaben nicht so genau auf den Uhrzeiger. Am Ende liegt mein IQ tatsächlich knapp über der geforderten 130. Das klingt so schön, damit wäre ich an der Uni ein Überflieger. Allerdings verlangt Freiburg keine Kreuzchen in einem Hochglanzheft, sondern einen anerkannten Test.

Der Verein "Mensa in Deutschland e.V." macht solche Tests. Zutritt erhält nur, wer ebenfalls die 130er-Hürde schafft. Am Wochenende hat der Hochbegabtenverein in Deutschland beim "Nationalen Testtag" nach den Brains der Nation gefahndet. Uns Freiburger Studenten kommt das Spektakel gelegen: Mit wenig Aufwand können wir viel Geld an der Uni sparen und auch noch Mensa-Mitglied werden - wenn wir denn klug genug sind.

Härtetest im Plattenbau

Beim Übungstest auf der Homepage des Clubs schaffe ich 26 von 33 Punkten. Damit habe ich "gute Chancen, beim Aufnahmetest das Mensa-Kriterium zu erreichen". So steht's gleich unter meinem Ergebnis, daneben der Button zum Aufnahmetest. Ich wähle einen Test im heimatlichen Thüringen: Klick, die Bestätigung. Klick, die Teilnahmegebühr. Klick, Intelligenz, ick warne dir!

Und ab zur Prüfung in einer Plattenbausiedlung in Erfurts Südosten. Auf den sanierten Platten steht "WBG Einheit", die Mülleimer sind blau-rot gestreift, zwischen den Wohnklötzen leuchtet das "Family Center". Dort wird geprüft. Zwei Mensa-Mitglieder sind da und 14 Kandidaten: zwei ältere Herren, eine grimmige Abiturientin, mehrere Schulkinder, ein paar Studenten mit Bart oder langen Haaren oder beidem. Einer sieht aus wie eine Bohnenstange, hat Angst, dass jemand von ihm abschreibt, und trägt einen bodenlangen "Matrix"-Mantel, den er falsch geknöpft hat.

Wie genau ermittelt man eigentlich Intelligenz? Tropft die aus der Nase, und ich kann sie mit dem Maßband messen? Setzt sie sich aus Kopfumfang mal Augenstrahlkraft hoch gescheite Worte pro Satz zusammen?

Rundreise mit Rechnen und Wortspielen

Beim IQ-Test von Mensa funktioniert es mit Stoppuhr, Aufgabenheft und Antwortbogen. Die Testleiterin arbeitet mit uns das Aufgabenheft durch: neun Blöcke mit je zwölf Aufgaben. Pro Block gibt es zuerst Beispielaufgaben, die aber nicht alle Missverständnisse ausräumen ("Also da gibt es immer nur eine Möglichkeit? Eine, ja?"). Dann blättern wir auf Kommando um und dürfen zwischen drei und sieben Minuten grübeln.

Unter Zeitdruck werden unsere numerischen und verbalen Kompetenzen ermittelt - Rechenaufgaben und Zahlenfolgen, Satzergänzungen und Wortspiele. Neben den einfacheren Dingen (Apfel verhält sich zu Obst wie Amsel zu … na? Vogel!) klopft uns Mensa auch auf Merkfähigkeit und räumliches Denken ab. So erhalten wir gleich nach dem zweiten Block zu 15 Produkten je vier Informationen (etwa: Die Zahnbürste von Firma Blitzeblank ist rot und wird in China produziert), die einige Einheiten später wieder abgefragt werden (ähem… welche Farbe hatte die Bürste?).

Für alle richtig gesetzten Kreuzchen erhalten die Testteilnehmer Punkte. Der Punktestand ergibt dann, in eine Formel gepresst und umgerechnet, den Intelligenzquotienten. Dabei gilt die 100 als Durchschnitt, ab etwa 115 beginnt die Überdurchschnittlichkeit und ab 130 die extreme Überdurchschnittlichkeit. Das schaffen nur 2,2 Prozent der Bevölkerung - die sind dem Mensa-Verein und der Freiburger Uni gerade recht.

Freiburg, jetzt bin ich wer!

Was für den Verein eine interessante Methode ist, verschiedenste Menschen zusammenzubringen, muss einer Universität nicht viel nützen. Wenn ich nun weiß, dass neun Bauarbeiter dreimal schneller arbeiten als drei Bauarbeiter, was sagt das über meine sozialen Kompetenzen, mein Allgemeinwissen, über meine Fähigkeit, mich nicht wie der letzte Depp im Hörsaal aufzuführen? Was sagt die 130 über den Matrix-Mann, wie weit bringt der IQ die grimmige Abiturientin, wenn sie nie ihre Kommilitonen anlächelt?

Der Freiburger Prorektor sieht die schlauen Köpfe im kommenden Semester als Geschenk an das "Bildungsabenteuer Universität": So einen im Hörsaal neben sich sitzen zu haben, helfe ungemein. Will die Uni jetzt in allen Räumen spezielle Plätze für Hochbegabte markieren, damit die Abfärbung auf die Dümmeren auch gerecht funktioniert?

Dass das Zahlenkorsett nicht alles ist, weiß auch Mensa. Der Verein lässt zwar nur Mitglieder ab 130 plus zu, will aber vom Plus nichts wissen: Den Antwortbogen wertet ein unabhängiger Psychologe aus. Das Ergebnis schickt er dem Test-Teilnehmer zu, dem Verein dagegen nur den Vermerk "Geeignet" oder "Ungeeignet". Die Club-Regeln schreiben eisernes Stillschweigen über den IQ vor - schließlich gibt es auch zwischen 130 und 220 (der derzeit höchste bekannte IQ) noch eine ganze Reihe von Hirnzellen.

Was mich betrifft, so kann ich aufatmen: Ich habe den offiziellen IQ-Test von Mensa knapp bestanden, könnte Mitglied werden und nun auch bei meiner Uni vorstellig werden. Freiburg, jetzt bin ich wer! Ich verlange einen eigenen Kopierer im Flur des Historischen Seminars, besseren Kaffee am Automaten, den VIP-Eingang für die Bibliothek, aber subito! Ich will ein "Hochbegabt"-T-Shirt und vorgewärmte Sitze für das Wintersemester. Lasst die Hochbegabten in die erste Reihe, die restlichen 97,8 Prozent müssen sitzen, wo die Luft trocken und die Akustik schlecht ist. Und ich fordere meinen persönlichen, immer noch Gebühren zahlenden Erstsemestler als Dienstboten.

Das ist überzogen, elitäres Gequatsche? Ach was. Wenn wir schon eine Selektion der Superschlauen starten - dann doch wohl richtig.

Wie weit reicht Ihr Grips? Testen Sie's - im IQ-Trainingslager von SPIEGEL ONLINE!

Mehr lesen über Verwandte Artikel
  • Quiz
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.