Marc macht Abschluss Schreiben oder bleiben

Geschichtsstudent Marc Röhlig, 22, steht vor dem Abschluss, aber keiner will für ihn entscheiden: Jetzt die Bachelorarbeit anmelden oder doch noch warten? Die kleine Angst vor dem großen Schritt - und immer sitzen zwei Streithammel auf seinen Schultern und nerven.


Ich trage seit einigen Tagen zwei kleine Männchen auf meinen Schultern spazieren. Keine Engel oder Teufel, sondern zwei Streithammel. Und beide sind durch und durch ich.

Abschluss-Kandidat Marc: "Ihr Bachelor seid komisch"
Marc Röhlig

Abschluss-Kandidat Marc: "Ihr Bachelor seid komisch"

Sie streiten sich über meine Zukunft: Ich kann jetzt meine Bachelorarbeit schreiben, parallel zu meinen letzten Seminaren. Und ich kann, schneller als geplant, bereits im Wintersemester, meinem fünften, meinen Abschluss in der Tasche haben. Aber will ich das auch?

Lustlos sucht sich meine Gabel einen Weg durch die Mensanudeln. Ich sitze mit meinen Freunden da und bin doch weit weg. Während sich Stahlin und die Jungs irgendwelche Worte (Subotic, Raffael, Podolski) zurufen, werden mir die Schultern schwer. Da sind sie wieder, die Streithammel…

  • Warum muss er denn jetzt fertig werden? Dämliche Studienhast, mehr ist das doch nicht.
  • Nee, er will länger ins Ausland, und das geht nun mal nicht während des Studiums. Also muss er es jetzt schaffen.
  • Ausland kann er doch auch danach noch machen.
  • Aber dann geht doch schon wieder der Master los.

Prof mit Mitte 20, Altersheim ab Mitte 40?

Egal, wie ich es drehe, entweder habe ich zu viel Zeit oder zu wenig. Richtig stimmig erscheint mir das weitere Studium in keinem Moment. Mein Kumpel Stahlin, entspannt auf dem Weg ins Staatsexamen, schaut vom Teller und Fußballgespräch hoch und meint: "Ihr Bachelor seid komisch. Erst schneidet ihr euch selbst die Eier ab. Und dann jammert ihr auch noch drüber."

Hey, sage ich, uns wurden die Eier abgeschnitten. Und wir jammern nicht, weil uns das Studium zu schnell ist - sondern, weil das Leben nicht hinterherkommt.

Es gibt jetzt sogar einen "Fast Track Master" an der Uni, ein Programm, in dem man in vier Jahren gleichzeitig seinen Master und seinen Doktor macht. Wenn ich nicht aufpasse, bin ich mit 26 Jahren Professor… Wird man dann wenigstens mit Mitte 40 emeritiert? Und lebt die zweite Hälfte seines Lebens glücklich grunzend im Altersheim?

Das ist doch kein Fahrradführerschein

Tage später, immer noch keine Entscheidung weiter. Vor mir liegt das Formular "Antrag auf Zulassung zur B.A.-Arbeit". Vor meinem Fenster schüttelt der Herbst die letzten Blätter aus den Bäumen. Ich könnte fertig sein, wenn Schnee auf den Ästen liegt. Oder ich warte, bis der Frühling neue Farbe in den Park treibt. Jetzt ausfüllen oder noch warten? Die Streithammel…

  • Also er kann das schaffen. Zwei Monate reichen doch völlig aus. Um wie viele Seiten geht es? 50?
  • Egal wie viele. Er macht einen Uniabschluss und keinen Fahrradführerschein. Da muss man sich verdammt noch mal Zeit nehmen.
  • Jaaa, aber Stillstand ist tödlich. Du kennst ihn doch: Wenn er zwei Minuten zu früh an einer Haltestelle ankommt, dann läuft er lieber zur nächsten als zu warten - auch wenn ihn dann die Bahn überholt. Der Kerl ist Zonen-, Einzel-, Schlüssel-, Ärzte- und Scheidungskind. In der Reihenfolge.
  • Entschuldigt auch nix: Wenn er sich jetzt übereilt, dann ist er vor allem ein dummes Kind.

Wen ich auch frage: meine Familie ("Du gehst schon deinen Weg"), meine Studienberater ("Nun, Herr Röhlig, das ist im Studienverlaufsplan so nicht vorgesehen") oder meine Kommilitonen ("Du Pfeife") - keiner will mir eine Antwort geben, die meine Sorgen fortspült. Und keiner will mir diese große schwere Entscheidung abnehmen. Mit denen bleibt man im Leben wohl stets allein. Und man sollte sich Zeit für sie lassen.

Wahrscheinlich war das gerade eine Lektion. Ein neuer Windstoß reißt gelbe Birkenblätter ab und treibt sie durch den Park. In diesem Moment hat mir die Universität mehr über das Leben beigebracht als in allen Semesterwochenstunden zuvor.

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