Marc wird politisch Stahlins Revolution

Bisher hielten Marc Röhlig und sein Kumpel Stahlin nicht viel von Flyern und Latschdemos. Doch nun gilt in Freiburg die Prohibition: Biertrinken in der Innenstadt ist streng verboten. Auf die Barrikaden, Genossen, Zeit für Gesetzesbruch!


Mein bester Kumpel Stahlin und ich, wir planen da was. Wir sind noch nicht sicher, wie es laufen soll und wie viel Legalität nötig ist. Aber wir müssen dringend mal ein Zeichen setzen.

Stahlin trägt seinen Spitznamen, weil er als kleiner Junge mal in einen Kessel voll Stahl fiel. Mit dem Diktator hat er nichts zu tun. Zwar hält er seine 25.000-Einwohner-Heimat Wiehl für das kommende Rom - tatsächlich ist er aber viel zu lieb, um eine ernsthafte Bedrohung darzustellen. Auch ich kann nicht viel beisteuern: Mein böser Blick brächte nicht mal Zitteraale zum Zittern. Dennoch proben wir zum Wohle aller Freiburger Studenten die Revolution.

Immerhin geht es ums Bier, ach was: um Freiheit!

Dass in Baden-Württemberg ein umfassendes Rauchverbot gilt, tja, das juckt uns nicht so. Aber die Stadt Freiburg hat auch beschlossen, dass in der Innenstadt seit dem 1. Januar am Wochenende abends kein Alkohol mehr getrunken werden darf. Die Szenekneipen im "Bermudadreieck" sowie der Uni-Campus und Teile der Hauptgeschäftsstraße sind jetzt die lokale Prohibitionsmeile.

Das Gesetz soll helfen, Jugendliche vom Promille-Prügeln abzuhalten. Kein Vorglühen, keine Gewalt, so gesehen klingt das einleuchtend, ist uns aber zu nüchtern. Braucht es wirklich ein Verbot? Die Jugendlichen schlagen und trinken dann zehn Meter weiter. Und die Studenten sind ihres natürlichen Lebens- und Feierraumes beraubt.

Modisch vermummt mit dem Pali-Tuch

Stahlin und ich meinen: Die Lokalprohibition muss rückgängig gemacht werden. Zuhause hat Stahlin einen Ausspruch von Homer (der Gelbe, nicht der Grieche) an der Wand hängen: "Auf den Alkohol - die Ursache und die Lösung aller Probleme!"

Was tun (Lenin, nicht Stahlin)? Die Hochschulen sind ein ganz schwieriges Feld. Die einen leben komplett politikabstinent, wissen nicht, wann der Asta gewählt wird, fassen keine Zeitung an und halten das "Pali-Tuch" für einen modischen Gag. Die anderen sind dafür durchpolitisiert, lassen sich selbst in den Asta wählen, lesen alles außer der "Bild"-Zeitung und halten das Palästinensertuch für eine modische Vermummungsvariante. Das liegt daran, dass sie a) volljährig und wahlberechtigt sind und b) endlich weg von Schule und Elternhaus, womit der Student nun mal die Zeit vor a) verbindet.

Nun also erwachsen. Aber als politisch Aktiver kann man viel falsch machen. So werden die Wände und Bänke und Tafeln und Toiletten der Uni mit Sprüchen, Flyern, Stickern überschwemmt. Kein Hörsaal ohne "Boykott", keine Cafeteria ohne "Stasi 2.0"-Aufkleber, keine Pinnwand ohne "Stop Repression"-Zettelchen - die Flyer-Flut an deutschen Hochschulen erzeugt mehr Papiermüll als eine EU-Verordnung.

Und weil Papier im Müll landen kann, kritzelt der politische Student von heute am liebsten mit dickem Stift hinterher. Gerade dort, wo es intim wird: links, rechts und mittig der Kloschüssel. "Nazis raus" zum Beispiel steht an so ziemlich jeder Toilettentür. Gut, da stimme ich sogar beim Kacken zu. Bei "Lass dich nicht BRDigen!" oder "Kommerz-Weihnachtsmarkt"-Sprüchen eher nicht.

Die gute alte Gandhi-Tour

Stahlin und ich sehen von Toilettenpropaganda ab. Unser Anliegen beginnt sowieso eine Station früher.

Wie begegnen wir den Verordnungen? Aus Protest irgendwas niederbrennen geht nicht: Schäubles Überwachungskameras (eine ganz andere Empörungs-Baustelle) würden das gleich aufzeichnen. Stahlins Vorschlag: passiver Widerstand. Die gute alte Gandhi-Tour.

"Wir versammeln uns einfach alle im Bermudadreieck und exen im Kollektiv ein paar Bier", freut sich Stahlin. Die Flaschen ketten wir mit Handschellen an uns, uns mit Handschellen an Bänke, Schilder, Bürgersteige. Dann klappen wir die Bierkästen zur Redetribüne um, stellen uns drauf und recken die Faust. Stürzt das Bier, Genossen, danach den Rechtsstaat. Stahlin und ich wittern Morgenluft. Und sie riecht nach Bier.

Ein paar Tage später sinnieren wir noch mal in der Mensa. "Eigentlich", sagt Stahlin und schiebt sich mit der Gabel ein paar Spiralnudeln in die Backen, "ist das doch keine so gute Idee - wir vertrödeln nur kostbare Unizeit." Vielleicht meckern wir lieber, ohne gleich Steine zu werfen, vielleicht beugen wir uns. Vielleicht machen wir auch das, was wir schon mit dem Trink- und Speiseverbot in der Straßenbahn machen: es gründlich ignorieren.



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