Marcs Martyrium In 38 Tagen zum Latein-Schein

Die Lateinklausur hat Geschichtsstudent Marc Röhlig, 21, böse vergeigt. Nun muss er allein zur mündlichen Nachprüfung. Hilft es, Homers großen Zeh abzulecken? Wird sich ein neues Sprachuniversum öffnen? Die etwas anderen Semesterferien - Protokoll eines Lern- und Leidensweges.


Tag null. Der Lateinlehrer gibt mir meine Arbeit zurück und sagt: "Das war aber nicht so toll." Und: "Sie müssten dann nach der Stunde mal zu mir kommen." Im Kurs brauchten acht Studenten den Lateinschein, um weiterzukommen. Vier gingen gar nicht erst zur Prüfung, drei bestanden mit Ach und Krach, einer fiel durch. Ich. In 38 Tagen muss ich allein zur mündlichen Nachprüfung.

Tag zwei. Meine Mutter ist am Telefon und sagt: "Eine Fünf hätte ich von dir nicht erwartet." Und: "Ich habe auch mit deinem Vater gesprochen - wir sind da einer Meinung."

Tag drei. Mein Vater ruft an: "Ich habe mit Mutti gesprochen, wir sind da total einer Meinung." Und: "Die Fünf war unnötig". Ich sage… nein, eigentlich sage ich nichts.

Ist eine Fünf in Latein wirklich so schlimm? Errare humanum est, Irren ist menschlich. So eine kleine Fünf ist die Ein-Mann-Revolution gegen die universitäre Übermacht, der gestreckte Stinkefinger gegen eine tote Sprache. Ha! Die Fünf ist großartig!

Okay, okay, sie ist dumm. Ich habe das gesamte zweite Lateinsemester verpennt. Ich habe im Kurs lieber Zeitung gelesen, als dem Dozenten zu lauschen. Ich habe lieber im Park gelegen, als Ciceros Reden für die nächste Stunde zu übersetzen. Ich habe zwei Tage vor der Klausur das erste Mal vom Accusativus cum Infinitivo gehört. Ich habe, und das ist meiner eigenen Faulheit geschuldet, auf ganzer Linie versagt.

Tag elf, mein Großvater. Wie es denn nun weitergehe, fragt er. Dass ich jetzt noch knapp vier Wochen Zeit habe, Latein zu verstehen, antworte ich. Dann muss ich zur mündlichen Nachprüfung und zu meiner letzten Chance, nicht noch ein Semester lang im Lateinkurs zu sitzen. Er lacht und sagt: "Übersetz' mir mal: ignis quis vir!"

Ich stöhne lautlos auf und beginne mühsam, quis als Fragewort zu entlarven. Mein Opa unterbricht mich und lacht durchs Telefon: "Feuer-Wer-Mann", er lacht weiter: "Verstehst du? Feuer-Wer-Mann." Ich merke mir meine ersten drei Vokabeln und verdränge das restliche Lernpensum auf unbestimmte Zeit.

Tag dreiundzwanzig. Ich habe angefangen.

Tag dreiundzwanzig plus zwanzig Minuten. Ich habe aufgehört. Vielleicht sollte ich mich von Freunden in den Keller sperren lassen, um frei von Telefon, StudiVZ und Tageszeitung lernen zu können. Ich. Kann. Mich. Nicht. Konzentrieren. Und verkrieche mich in meine Hängematte.

Meine Freundin hat mir ein Buch ausgeliehen, da schaue ich jetzt rein. Lesen schadet nie, auch nicht Belletristik. Da ist ein guter Roman genau richtig. Zumindest bis Seite 22. Dort sagt eine Romanfigur doch tatsächlich, als meinte sie damit nur mich: "Latein, Junge! Es gibt keine toten Sprachen, nur abgestumpfte Geister." Okay, habe verstanden. Ihr wollt mich am Schreibtisch haben.

Tag einunddreißig, Lateingott Hauke. Hauke, eigentlich Tobias, will Lehrer werden. Sogar Lateinlehrer. Hauke sagt: "Das mache ich, weil ich muss, nicht weil ich will", er sagt: "Oder soll ich vielleicht Mathe unterrichten?" Trotzdem glaube ich, dass Hauke ein bisschen geil auf die Sprache ist: Er wühlt sich durch die Deklinationen wie Obelix durch einen Schweinebraten - ein Großmeister der toten Sprache. In seiner WG-Küche will er mich für Latein sensibilisieren. "Das ist im Grunde ganz leicht", sagt er. Und: "Na, hier musst du halt die Tabellen lernen."

Tatsächlich öffnet sich mir Stück für Stück in ein neues Universum. Über die Grammatik sagt Hauke: "Da taucht man superleicht ein", über Vokabeln: "Das kommt beim Übersetzen." Und er sagt: "Du schaffst das." Nach der Übungsstunde habe ich das erste Mal das Gefühl, von Latein Ahnung zu haben.

Tag fünfunddreißig. Ich lerne und übersetze, brauche circa 15 Minuten für einen Satz - Erfolgserlebnisse im Viertelstundentakt. Ich habe tatsächlich Spaß, mich durch den Satz zu winden. Ich suche das Prädikat, dann das Subjekt; ich achte auf Endungen und fahnde nach Partizipien. Die Sätze absorbieren mich, Ciceros Reden machen einen Lateiner aus mir. Schon sehe ich mich mit einem Sektglas unter dutzenden anderen Sektglasträgern stehen, höre mich quer über das Sushi-Bufett rufen: "Denuone Latine loquebar? Me ineptum! Interdum modo elabitur." Zu Hilfe, ich werde vom System verschluckt!

Tag sechsunddreißig. Ich glaube, ich kann es schaffen. Mein Freund Cicero und ich haben prächtig vorm Senat parliert. Allerdings habe ich ihm dann in einer ruhigen Minute klar gemacht, dass er in der heutigen Zeit keine Chance mehr hätte - viel zu umständlich, zu langatmig. Komm zum Punkt, Cicero! Kein Wunder, dass eure Sprache abstirbt, wenn sie so lange braucht. Cicero, das muss zackig gehen! Dann wache ich schweißgebadet auf.

Tag siebenunddreißig. Habe Deklinationstabellen in meinen Kopf gehämmert, habe tagenächtelang konjugiert, habe endlich mal wieder die Wohnung verlassen. Am Unigebäude sehe ich die Homerstatue. Wer ihren großen Zeh streichelt, so will es die Legende, wird von einem Kreativitäts-Flash erfüllt. Das hilft beim Schreiben von Arbeiten und Aufsätzen ungemein. Hülfe es mir beim Lateinlernen, würde ich den Zeh sogar ablutschen. Leider laufen gerade zu viele Studenten herum.

Tag achtunddreißig. Kurz nach sechs werde ich mit der ersten Sonne und Herzklopfen wach. Der Prüfungstag! Gestern noch waren meine Übersetzungen ganz okay, heute spüre ich, dass ich nichts mehr in meinem Kopf spüre. Ein großes Loch. Sämtliche gelernten Deklinationen - vergessen. Die vielen Zeitformen - futsch. Die unregelmäßigen Verben - auch weg. Ich will diesen Schein. Und ich will Latein endlich verstehen, lieben, beherrschen. Die Prüfung ist um zehn Uhr.

Mein Dozent schiebt mir eine Cicerorede hinüber, einen Auszug, nur drei kurze Sätze. Ich bekomme 20 Minuten, dann noch mal einen Zeitaufschlag. Die Seiten meines Vokabelbuches rauschen an meinem Daumen vorbei; der Kugelschreiber zittert übers Papier; Schweißperlen sammeln sich am Haaransatz. Ich kann's nicht. Ich erkenne die richtigen Endungen - und liefere falsche Übersetzungen. Was ich dem Dozenten vortrage, ist gestammelter Mist.

Nach 45 Minuten lässt er sich in seinen Stuhl zurückfallen, der Lateiner mit dem "Singha Beer"-Shirt. Er war eigentlich schon immer ein netter Kerl. Mittlerweile ist mir ja sogar die Sprache, die er lehrt, sympathisch geworden. Also darf er mich nicht durchfallen lassen. Der Singha-Dozent sagt: "Na, das war ja nicht gerade überragend." Und: "Aber es reicht für Ihren Lateinschein."

Ich falle nun auch in meinen Stuhl zurück und sage: "Danke", ich sage… nein, eigentlich sage ich wieder nichts. Ich bin mit meinem Latein am Ende.

Und wie steht es um Ihr Latein? Testen Sie's im Quiz!

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