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06. Januar 2017, 08:32 Uhr

Maschinenbau

Professor will Klausuren abschaffen - 50.000 Euro Förderung

Ein Interview von

Die Prüfung angehender Maschinenbau-Ingenieure geht an der Arbeitsrealität vorbei, kritisiert ein Professor der Hochschule Niederrhein. Nun bekommt er 50.000 Euro, um die Klausuren abzuschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Hochschulprofessor und wollen die Klausuren abschaffen. Was haben Sie denn gegen systematisierte Leistungstests?

Gennat: Ich habe gar nichts dagegen. Für Professoren ist das sehr angenehm, einfach eine ausgedachte Aufgabe zu stellen und hinterher eine Ja-Nein-Entscheidung über die Leistungen zu treffen. Aber für die Studierenden ist das in Bezug auf die Arbeitsmarktfähigkeit nicht die beste Prüfungsform. In den Klausuren wird nur festgestellt, ob sie vorgegebene Rechenschritte durchführen können. Sie können also wie nach Kochrezept Antworten auf vorgefertigte Fragen lernen, ohne den Sinn und Zweck dahinter zu verstehen. Die Aufgabenstellungen im späteren Beruf sehen aber ganz anders aus. Die sind komplex, der Ingenieur muss erst mal herausfinden, mit welchen Methoden er da ran geht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 50.000 Euro Fördergeld bekommen, um ein digitales Tool zu entwickeln. Das klingt modern, aber ist das überhaupt mehr als eine Klausur auf dem PC?

Gennat: Ich habe nicht vor, eine digitale Klausur zu entwerfen. Mein Projekt soll praxisnah werden: In der Industrie haben die Ingenieure an allen Ecken und Enden mit digitalen Steuerungen zu tun. Doch das lernen sie im Maschinenbau-Studium nicht. Ich möchte echte Probleme diskutieren, zum Beispiel ein Kraftwerk, bei dem die Luftzufuhr nicht optimal reguliert ist: Wenn bei der Verbrennung zu wenig Luft zugeführt wird, dann entsteht hochgiftiges Kohlenmonoxid. Wenn zu viel Luft reinkommt, dann wird die Flamme zu kalt und die Generatoren arbeiten nicht effizient.

SPIEGEL ONLINE: Warum kann man diese Frage nicht auf dem Papier stellen?

Gennat: Innerhalb von Zwei-Stunden-Klausuren können Sie eine so komplexe Aufgabe nicht auf Papier abarbeiten, sondern nur Teilprobleme lösen. Doch das hat mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun: In der späteren Arbeit kommt auch nicht der Abteilungsleiter und sagt, ich habe ein Problem am Kraftwerk festgestellt, könnten Sie hiervon bitte mal die mathematische Ableitung machen. Und das ist die Arbeitsmarktfähigkeit: mit digitalen Tools realitätsnahe Probleme lösen, oder auch mit Excel-Tabellen arbeiten, mit denen sie später ohnehin zu tun haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie die 50.000 Euro Förderung einsetzen?

Gennat: Ich brauche die Gelder, um sogenannte Demonstratoren zu beschaffen, also Modelle, an denen Probleme simuliert werden können. Die Modelle können sowohl mit Hardware, das könnte wie Fischertechnik aussehen, als auch mit Software umgesetzt werden. Eine praktische Aufgabenstellung wäre zum Beispiel: Wie können wir einen Container von A nach B bringen, ohne dass er nebenstehende Container durch hin- und herschwingen berührt. Da müssen die Studierenden die Steuerung vorher am Computer in der Software ausprobieren. Damit sich auch mal was bewegt, kann man auch einen kleinen Kran mit USB anstöpseln, den die Studierenden nach rechts und links steuern und Positionen regeln.

Mitarbeiter brauche ich natürlich auch. Und abschließend soll das Projekt evaluiert werden. In der Testphase, die ich für Januar 2018 plane, sollen Studierende statt der Klausur an den Demonstratoren die praktische Anwendung der Regelungstechnik durchführen. Das muss von externen Fachleuten verglichen und bewertet werden.

SPIEGEL ONLINE: Und wie soll die praxisnahe Leistung der Studenten dann bewertet werden?

Gennat: Eine Möglichkeit wäre: die Gruppe, die die praktische Aufgabe - zum Beispiel das Umsetzen von Containern - am schnellsten hinbekommt, hat die besten Leistungen erbracht. Wie ich das in Leistungspunkten ausdrücken kann, muss ich auf Didaktikfachtagungen mit anderen Kollegen des Fellowships durchsprechen. Das wird aber nicht leicht. Denn meines Wissens bin ich der Erste, der Klausuren in den Ingenieurswissenschaften abschaffen will.

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