Maschinenbau Professor will Klausuren abschaffen - 50.000 Euro Förderung

Die Prüfung angehender Maschinenbau-Ingenieure geht an der Arbeitsrealität vorbei, kritisiert ein Professor der Hochschule Niederrhein. Nun bekommt er 50.000 Euro, um die Klausuren abzuschaffen.

Studentin der Automatisierungstechnik (Symbolbild)
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Studentin der Automatisierungstechnik (Symbolbild)


Zur Person
  • Hochschule Niederrhein
    Marc Gennat, 42, ist seit 2014 Professor am Fachbereich Maschinenbau und Verfahrenstechnik der Hochschule Niederrhein. Im Rahmen des nordrhein-westfälischen Programms "Innovationen in der digitalen Hochschullehre" hat er 50.000 Euro Fördergeld eingeworben, um ein alternatives Lern- und Prüfungstool zu entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Hochschulprofessor und wollen die Klausuren abschaffen. Was haben Sie denn gegen systematisierte Leistungstests?

Gennat: Ich habe gar nichts dagegen. Für Professoren ist das sehr angenehm, einfach eine ausgedachte Aufgabe zu stellen und hinterher eine Ja-Nein-Entscheidung über die Leistungen zu treffen. Aber für die Studierenden ist das in Bezug auf die Arbeitsmarktfähigkeit nicht die beste Prüfungsform. In den Klausuren wird nur festgestellt, ob sie vorgegebene Rechenschritte durchführen können. Sie können also wie nach Kochrezept Antworten auf vorgefertigte Fragen lernen, ohne den Sinn und Zweck dahinter zu verstehen. Die Aufgabenstellungen im späteren Beruf sehen aber ganz anders aus. Die sind komplex, der Ingenieur muss erst mal herausfinden, mit welchen Methoden er da ran geht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 50.000 Euro Fördergeld bekommen, um ein digitales Tool zu entwickeln. Das klingt modern, aber ist das überhaupt mehr als eine Klausur auf dem PC?

Gennat: Ich habe nicht vor, eine digitale Klausur zu entwerfen. Mein Projekt soll praxisnah werden: In der Industrie haben die Ingenieure an allen Ecken und Enden mit digitalen Steuerungen zu tun. Doch das lernen sie im Maschinenbau-Studium nicht. Ich möchte echte Probleme diskutieren, zum Beispiel ein Kraftwerk, bei dem die Luftzufuhr nicht optimal reguliert ist: Wenn bei der Verbrennung zu wenig Luft zugeführt wird, dann entsteht hochgiftiges Kohlenmonoxid. Wenn zu viel Luft reinkommt, dann wird die Flamme zu kalt und die Generatoren arbeiten nicht effizient.

SPIEGEL ONLINE: Warum kann man diese Frage nicht auf dem Papier stellen?

Gennat: Innerhalb von Zwei-Stunden-Klausuren können Sie eine so komplexe Aufgabe nicht auf Papier abarbeiten, sondern nur Teilprobleme lösen. Doch das hat mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun: In der späteren Arbeit kommt auch nicht der Abteilungsleiter und sagt, ich habe ein Problem am Kraftwerk festgestellt, könnten Sie hiervon bitte mal die mathematische Ableitung machen. Und das ist die Arbeitsmarktfähigkeit: mit digitalen Tools realitätsnahe Probleme lösen, oder auch mit Excel-Tabellen arbeiten, mit denen sie später ohnehin zu tun haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie die 50.000 Euro Förderung einsetzen?

Gennat: Ich brauche die Gelder, um sogenannte Demonstratoren zu beschaffen, also Modelle, an denen Probleme simuliert werden können. Die Modelle können sowohl mit Hardware, das könnte wie Fischertechnik aussehen, als auch mit Software umgesetzt werden. Eine praktische Aufgabenstellung wäre zum Beispiel: Wie können wir einen Container von A nach B bringen, ohne dass er nebenstehende Container durch hin- und herschwingen berührt. Da müssen die Studierenden die Steuerung vorher am Computer in der Software ausprobieren. Damit sich auch mal was bewegt, kann man auch einen kleinen Kran mit USB anstöpseln, den die Studierenden nach rechts und links steuern und Positionen regeln.

Mitarbeiter brauche ich natürlich auch. Und abschließend soll das Projekt evaluiert werden. In der Testphase, die ich für Januar 2018 plane, sollen Studierende statt der Klausur an den Demonstratoren die praktische Anwendung der Regelungstechnik durchführen. Das muss von externen Fachleuten verglichen und bewertet werden.

SPIEGEL ONLINE: Und wie soll die praxisnahe Leistung der Studenten dann bewertet werden?

Gennat: Eine Möglichkeit wäre: die Gruppe, die die praktische Aufgabe - zum Beispiel das Umsetzen von Containern - am schnellsten hinbekommt, hat die besten Leistungen erbracht. Wie ich das in Leistungspunkten ausdrücken kann, muss ich auf Didaktikfachtagungen mit anderen Kollegen des Fellowships durchsprechen. Das wird aber nicht leicht. Denn meines Wissens bin ich der Erste, der Klausuren in den Ingenieurswissenschaften abschaffen will.



insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
koem 06.01.2017
1. Endlich
endlich mal ein gelungener Ansatz um diese Marionettenprüfungen, wie Sie auch in Schulen praktiziert werden abzuschaffen. Entscheidend ist vor allem das Argument, dass es fernab der Arbeitsrealität ist! Das gilt im Übrigen auch für den fehlenden Einsatz der digitalen Tools, welche im Arbeitsleben gang und gäbe sind, in der Schule oder Ausbildung aber nur stiefmütterlich eingesetzt werden. Herr Gennat erkennt den Teufel im Detail sehr treffend: "Für Professoren ist das sehr angenehm, einfach eine ausgedachte Aufgabe zu stellen und hinterher eine Ja-Nein-Entscheidung über die Leistungen zu treffen. Aber für die Studierenden ist das in Bezug auf die Arbeitsmarktfähigkeit nicht die beste Prüfungsform. In den Klausuren wird nur festgestellt, ob sie vorgegebene Rechenschritte durchführen können"
crestwood 06.01.2017
2. Zum Titelbild.
Automatisierungstechnik ist eine Vertiefungsrichtung des Studiums der Elektrotechnik, nicht des Maschinenbaus.
zweiter 06.01.2017
3. Ein guter Beweis, dass es nicht nur den
Viel Erfolg bei dem Projekt, das mit der Überschrift "Klausuren abschaffen" eher falsch charakterisiert wird.
huckzuck 06.01.2017
4. Nicht komplett verzichten
Vergleichende Leistungstests sollten weiterhin Bestandteil der Lehre bleiben. Grundlagenwissen ist häufig reines Lernwissen. Doch je breiter und vertiefter das erlernte Wissen, desto umfassender kann im Arbeitsalltag die tatsächliche Lösung erfasst und angegangen werden.
varesino 06.01.2017
5. Eine gute Idee, aber ist die Idee auch neu?
Diese Idee ist im Ausland, UK, USA schon seit langen eingeführt. Warum müssen wir so etwas jetzt "nach erfinden"? Mein Maschinenbau-Studium liegt schon etwas zurück, aber es gab benotete Übungsaufgaben, Labore und Studienarbeiten. Einige auch als Gruppen-Arbeiten. In Gruppen gibt es immer Trittbrettfahrer, die nichts tun und Dank der Gruppe bestehen. Wichtiger wäre der Professor verbringt soviel Zeit mit seinen Studenten, dass es sie wirklich kennt und ihre Fähigkeiten beurteilen und benoten kann. Heißt der Professor arbeitet an diesen Projekten mit den Studenten. Dazu braucht man einen neuen Typ Professor und auch noch eine grössere Anzahl. Aus meinem Studium kann ich das nur von zwei Professoren behaupten. P.S.: Ja, Entwicklung mit "HW-In-The-Loop" gehört auf den Lehrplan.
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