Massenansturm auf den Master Das Bologna-Tohuwabohu

Wo der Geist von Bologna wehen sollte, müffelt es nach Uni-Bürokratie und Studentenfrust. Oft reicht der Bachelor kaum für den Berufsstart, also stauen sich Bewerber vor dem Masterstudium. Aber gut ist nicht gut genug - an vielen Hochschulen gehen sogar Bewerber mit Bestnoten leer aus.
Foto: Matt Oxborrow / 12Foot6

Jan S. fand sein Ansinnen eigentlich gar nicht so extravagant: Seine Freundin wohnt in Aachen, deshalb wollte er seinen Master lieber dort machen, nicht in Bochum. Was spräche denn auch dagegen? Sein Bachelor-Abschluss jedenfalls nicht, den hatte er mit 1,6 gemacht, auch sonst stimmte alles mit seiner bisherigen Laufbahn: Studium der Politik- und Theaterwissenschaften in Bochum, zwischendurch Auslandsaufenthalt in Finnland, Ausbildung in einem Buchverlag, anschließend vier Jahre Berufserfahrung.

Aber die Frau, die ihm an diesem Tag im April in der Studienberatung der Rheinisch-Westfälisch-Technischen Hochschule in Aachen gegenübersaß, sah nur Probleme. "Wird sehr schwierig", murmelte sie, "sehr schwierig." Es gelte nun, die Causa ganz genau zu prüfen. Man müsse erst einmal vergleichen, ob denn die Lern-Module aus Bochum überhaupt zu den Studieninhalten in Aachen passen; auch wenn es sich um dasselbe Bundesland handele - das sei ja nun ganz und gar nicht selbstverständlich.

Wie bitte? Ist das hier nicht Europa im Jahr 11 des Bologna-Prozesses? Sollte nicht ein einheitlicher Hochschulraum vom Bosporus bis nach Skandinavien geschaffen werden? Mit fließenden Grenzen, leichteren Wechseln von einer Uni zur anderen, vergleichbaren Leistungsnachweisen? In Finnland sind Jans Scheine tatsächlich problemlos anerkannt worden - warum um Himmels willen nicht in Aachen?

Viele Bachelor-Absolventen fühlen sich ausgebremst

Antwort: weil man, wie andernorts in Deutschland auch, Hürden aufgebaut hat für die Bachelor-Studenten, Mauern gezogen, ein Nadelöhr geschaffen hat für all dienigen, die einen Master-Abschluss draufsatteln wollen, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Denn das wollen viele, zu viele. Die Master-Studienplätze sind hoffnungslos überlaufen. Jetzt kommen selbst Spitzenabsolventen manchmal nicht zum Zuge.

Jan zum Beispiel hoffte nach dem Gespräch in Aachen, die Prüfung seines Falls würde wegen der guten Abschlussnote alsbald doch noch in seinem Sinne ausfallen, doch er täuschte sich. Nun hat er erst einmal bei seinem alten Arbeitgeber, dem Buchverlag, angeheuert. Dort soll keiner wissen, dass er es im nächsten Semester noch einmal probieren will mit der Master-Bewerbung; deswegen will er auch nicht seinen Nachnamen nennen.

"Mit einem Bachelor in der Tasche kann man nicht wirklich viel Geld verdienen. Das reicht mir nicht", sagt Jan. Er fühlt sich ausgebremst, ist sauer, und so wie ihm geht es derzeit vielen Bachelor-Absolventen in Deutschland.

Julia Metzner zum Beispiel. Die 25-Jährige wird in den nächsten Tagen ihr Bachelor-Zeugnis in Psychologie von der Uni Köln bekommen, das Ergebnis von sechs Semestern harter Arbeit. Eigentlich sollte sie jetzt stolz sein und den Erfolg feiern. Doch danach ist ihr gar nicht zumute. Sie hat mit 2,3 abgeschlossen - das ist "gut", aber schon lange nicht mehr gut genug. Die Aussicht auf einen sicheren Master-Platz ist damit angesichts der gigantischen Nachfrage und des kleinen Angebots eher gering.

Selbst mit der besten Note des Jahrgangs kann man scheitern

"Früher war immer von einer Grenze von 2,5 die Rede", sagt Julia. Inzwischen hat sie sich bei vielen Unis beworben und kassiert eine Absage nach der anderen. Einige ihrer Kommilitonen sind sogar mit 1,8 gescheitert. Julia will jetzt vor das Kölner Verwaltungsgericht ziehen. Sie hofft, auf diese Weise zumindest vorläufig noch einen Platz zu bekommen.

Wie groß der Andrang mancherorts ist, sieht man in Köln ganz besonders. Auf den Master of Business Administration an der dortigen Universität bewarben sich 1700 Bachelor-Absolventen. Es gab: 215 Plätze. Die Universität Hamburg bekam 1171 Bewerbungen für 170 Plätze im Fach Betriebswirtschaftslehre, was auch daran liegt, dass sich viele Studenten gleichzeitig in etlichen Städten bewerben. Natürlich, sie müssen das tun - schließlich hat sich herumgesprochen, wie schlecht die Chancen auf einen Master-Platz sind.

Wer zum Zuge kommt und wer nicht, entscheidet jede Hochschule anders. Die Bewerber müssen ein gewisses Expertentum erlangen, allein, um die verschiedenen Zulassungsverfahren im Massenfach Betriebswirtschaftslehre sortieren zu können. Während das Gros der Hochschulen allein auf die Abschlussnote des Bachelors schaut und alle Studenten - fremde wie eigene, Fachhochschüler und Uni-Absolventen - in einen Topf wirft, setzen die Universitäten Mannheim und Münster auch auf Faktoren wie Auslandserfahrung, Praktika und Fremdsprachen. An der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt müssen die Bewerber in einem persönlichen Gespräch überzeugen.

Die Uni Hamburg lädt alle Bewerber ein, an einem freiwilligen Eignungstest teilzunehmen. Den sollte man auch unbedingt mitmachen, unabhängig von der Note und eventuellen Zusagen von Hochschulbediensteten. Das musste kürzlich die 23-jährige Hamburger BWL-Studentin Tina Streiff lernen, die den besten Bachelor-Abschluss ihres Jahrgangs vorzuweisen hatte: 1,6. Mit dieser Note, hieß es, müsse sie gar nicht erst zum Test erscheinen, auch wenn sie ein wenig zurückgestuft werde. Also flog Tina nach Spanien, um dort ein Praktikum zu machen. Als sie zurückkehrte, fand sie eine Absage in ihrem E-Mail-Postfach: Weil sie den Test, wie angeboten, geschwänzt hatte, hatte sie plötzlich die Abschlussnote 2,8. Zu schlecht, um einen Platz zu ergattern.

Mit einem Bachelor-Abschluss landet man eher im Praktikantenzimmer als auf dem Chefsessel

Wirrwarr? Chaos? Ganz und gar nicht, findet Margret Wintermantel, Chefin der Hochschulrektorenkonferenz. Die vielfältigen Auswahlmöglichkeiten seien von den Ländern schließlich so vorgesehen. "Grundlage der Entscheidung", sagt sie, "ist die Qualifikation eines Bewerbers vor dem Hintergrund des spezifischen Profils eines Studiengangs." Soll heißen: Jede Hochschule, jede Fakultät, weiß selbst am besten, wie sie sich die passenden Studenten aus dem großen Pool der Bewerber fischt.

Mit europäischer Harmonisierung hat das freilich wenig zu tun. Die Unis sind sich ja nicht einmal einig, wie die Leistungen ihrer Bachelor-Studenten zu bewerten sind. Es kann kein Zufall sein, dass nach einer Studie des Wissenschaftsrats BWL-Studenten an der Universität zu Köln durchschnittlich einen Abschluss von 2,3 bekamen, Absolventen vieler anderer Universitäten aber weit bessere Noten. An der WHU Vallendar ergatterte der Durchschnittsstudent sogar eine Traumnote von 1,6.

Manchen Universitäten sind die Abschlussnoten von Bachelors aus anderen Städten allerdings ziemlich schnuppe, sie schotten sich komplett ab vor möglichen Zuzüglern. Eine Handvoll Hochschulen, unter anderen die in Hannover, führen zum Beispiel ihre BWL-Studenten lieber in acht Semestern zum Abschluss als in sechs. Die dortigen Master-Studiengänge sind deswegen nur zwei Semester lang und nicht vier. Deswegen richte sich das "Master-Programm in erster Linie an unsere eigenen Bachelor-Studenten", sagt Nicole May vom Studiendekanat der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Hannover.

Geist von Bologna trifft auf Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe

Und tatsächlich: Für das einjährige Programm konnte in Hannover für das kommende Wintersemester kein Student von einer anderen deutschen Uni angenommen werden. Nur aus dem Ausland fanden einige wenige den Weg in den Studiengang, etwa aus Großbritannien, wo ein achtsemestriges Bachelor-Studium nicht unüblich ist. So ist der Weg von London nach Hannover leichter als der aus dem nur 130 Kilometer entfernten Göttingen.

Für Nicole May ist das kein Problem. Die Gefahr, dass ihre Bachelor-Studenten bei potentiellen Arbeitgebern eher als Bummelanten denn als High Potentials abgestempelt werden, sieht sie nicht. "Die Unternehmen hier in der Region kennen unser Programm und wissen es auch zu schätzen", sagt sie. Ein Satz, der so gar nicht nach dem Geist von Bologna und der globalisierten Welt klingt. Eher nach Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe.

All die Hürden, Mauern und Nadelöhre beim Übergang zum Master-Studium wären ja nicht weiter schlimm, wenn das Bachelor-Studium schon gute Chancen auf eine berufliche Karriere mit entsprechender Vergütung mit sich brächte. Tut es aber nicht. Mit einem Bachelor-Abschluss landet man eher im Praktikantenzimmer als auf dem Chefsessel.

Geplant war das mal ganz anders. Ursprünglich sollte der Bachelor der berufsqualifizierende Regelabschluss werden und der Master dem wissenschaftlichen Nachwuchs als Zwischenstation auf dem Weg zur Promotion dienen. Doch die Realität sieht anders aus, zum Beispiel für angehende Lehrer. Die können nur mit dem Master-Abschluss oder dem Staatsexamen in einer Schule unterrichten. Leider sind die Master-Plätze für Pädagogen rar.

Neue Form der Abschreckung

Die Kultusministerkonferenz sieht zwar theoretisch die Möglichkeit, auch einen Bachelor in den Schuldienst zu schicken. Faktisch hat das aber kein Bundesland bisher umgesetzt. Dabei attestiert die OECD Deutschland regelmäßig die Gefahr eines Lehrermangels. "Ich verstehe das nicht", sagt Andreas Keller von der Lehrergewerkschaft GEW. "Eigentlich müsste die Politik doch alles dafür tun, mehr junge Leute zu einem Lehramtsstudium zu motivieren." Stattdessen entschieden sich jetzt viele von vornherein für einen anderen Beruf - aus Angst, ohne Master-Studienplatz vor dem Nichts zu stehen.

Ohne den begehrten Abschluss in den Beruf einzusteigen ist auch in der Psychologie nahezu unmöglich. "Im klinischen Bereich sehen wir für einen Bachelor keine Chance", sagt Carola Brücher-Albers, Präsidentin des Berufsverbandes der Psychologen. Für einen Bachelor bleiben höchstens Assistentenstellen - unter Aufsicht eines Diplomers oder Masters. Derlei Arbeitsplätze existieren aber praktisch nicht.

Für Anna Magdalena Schmidt, Psychologieabsolventin von der Uni Göttingen, ist das eine ziemliche Katastrophe. Ihr Abschluss von 2,5 brachte ihr deutschlandweit bei der Bewerbung um einen Master-Platz nur Absagen ein. "Echt frustrierend", sagt die 25-Jährige. Sie könnte es nächstes Jahr noch einmal versuchen. "Aber ich will nicht ein Jahr lang auf der Straße stehen."

Deshalb schaut sie sich jetzt im Ausland um. Einige ihrer Kommilitonen haben einen Platz in Österreich bekommen. An der Universität Salzburg beispielsweise gab es weniger Bewerber als Plätze. Alle, die die Voraussetzungen erfüllten, bekamen einen Zulassungsbescheid. "Eigentlich will ich nicht so weit weg", sagt Anna Magdalena, "aber habe ich eine Wahl?"

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