Mathe-Kenntnisse deutscher Schüler "Reicht nicht für ein Fachstudium"

Wie gut können deutsche Abiturienten Mathematik? Fast gar nicht, klagen 130 Professoren und Dozenten in einem Brandbrief - und rechnen mit dem deutschen Schulsystem ab.
Mathematik: Vorlesung in Bremen (Archivbild)

Mathematik: Vorlesung in Bremen (Archivbild)

Foto: Ingo Wagner/ picture alliance / dpa

In einem Brandbrief beschweren sich fast 130 Professoren, Dozenten und Lehrer über mathematisches Unwissen bei Schülern und Studienanfängern. Mathe sei in der Schule mittlerweile "so weit ausgedünnt, dass das mathematische Vorwissen von vielen Studienanfängern nicht mehr für ein WiMINT-Studium ausreicht", heißt es in dem offenen Brief. WiMINT steht für Wirtschaft, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

Die Unterzeichner appellieren an Bildungspolitiker in Bund und Ländern, dringend umzusteuern: "Der Mathematikstoff wird nur noch oberflächlich vermittelt, eine tiefere inhaltliche Beschäftigung findet nicht mehr statt", warnen die Autoren des Briefs, den der "Tagesspiegel " veröffentlicht hat.

"Den Studienanfängern fehlen Mathematikkenntnisse aus dem Mittelstufenstoff, sogar schon Bruchrechnung (!), Potenz- und Wurzelrechnung, binomische Formeln, Logarithmen, Termumformungen, Elementargeometrie und Trigonometrie", schreiben die Verfasser. Verantwortlich sei dafür die Kompetenzorientierung in den Lehrplänen, die in den vergangenen zehn Jahren von fundiertem Faktenwissen weggeführt habe.

"Frustrierende mathematische Alphabetisierungsprogramme"

Die Defizite der Abiturienten seien zum Studienbeginn kaum mehr aufholbar - weder in Vorkursen noch in Brückenkursen, heißt es weiter. "In der Studieneingangsphase finden inzwischen fast überall mathematische Alphabetisierungsprogramme statt; dies ist frustrierend für die Studenten, die mit guten Noten und hohen Erwartungen an die Hochschulen kommen."

Die Klage der Professoren reiht sich ein in wiederholte Beschwerden darüber, dass Schulabgänger und Abiturienten in Mathe zu wenig wissen. Tatsächlich zeigten einzelne Studien in der Vergangenheit, dass schon deutsche Grundschüler im internationalen Vergleich Probleme mit Mathe haben.

Andererseits bescheinigten die jüngsten Pisa-Ergebnisse den 15-Jährigen überdurchschnittliches Mathe-Wissen. Und eine aktuelle Studie der Universität Mainz attestiert angehenden Wirtschaftswissenschaftlern an deutschen Unis, dass sie viel besser seien als ihre Kollegen in den USA und in Japan."Die Ergebnisse haben uns in ihrer Eindeutigkeit überrascht", sagte Co-Autorin Olga Troitschanskaia.

Schule soll mehr Verantwortung übernehmen

Die Autoren des Brandbriefs verweisen jedoch auf ihre eigenen Erfahrungen mit Studienanfängern. Und auf Berichte wie den aus Hamburg, wo vor einigen Wochen eine Matheklausur unter Abitur-Bedingungen geschrieben wurde - und der Notendurchschnitt so schlecht war, dass er auf Ansage des Schulsenators nachträglich angehoben wurde.

Deshalb fordern die Verfasser, dass "die Verantwortung für die gründliche Übung und Wiederholung des genannten Mittelstufenstoffes wieder uneingeschränkt von den Schulen übernommen wird" und dass "der Einsatz von Taschenrechnern die wichtige Phase des Einübens der elementaren und symbolischen Rechentechniken nicht beeinträchtigt." In Hessen etwa seien Taschenrechner ab Klasse sieben Pflicht, "was die Routinegewinnung, etwa in der Bruchrechnung, empfindlich stört".

Gegenüber dem "Tagesspiegel" erklärte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Susanne Eisenmann, die Kritik der Autoren des Briefs an der Kompetenzorientierung laufe "ins Leere". Mathematiker hätten die neuen Aufgaben entwickelt, deshalb sei dieser Brief "auch eine Kritik an der eigenen Zunft". Dennoch werde man die Vorwürfe prüfen.

him