Streit am Max-Delbrück-Centrum Wie ein Patentstreit zwei junge Wissenschaftler die Uni-Karriere kostete

Es geht um ein Patent, viel Geld und die Existenz: Ein Doktorand und ein Postdoc beschweren sich am Max-Delbrück-Centrum mehrfach über einen renommierten Krebsforscher. Jahre später sind die Fronten verhärteter denn je.

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Dezember 2008

Als Felix Oden die Idee für ein Heilmittel gegen Knochenmarkkrebs hat, sitzt er allein in seinem Büro im Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin-Buch. Es ist der Morgen nach der Weihnachtsfeier und Oden lässt seinen Blick über ein Wäldchen hinter dem Flachbau des berühmten Forschungszentrums schweifen. Er denkt über Plasmazellen nach, so erzählt er es dem SPIEGEL.

Plasmazellen gehören zum Immunsystem und stellen Antikörper her, doch bei Knochenmarkkrebs vermehren sie sich bösartig, generieren also Krebszellen. Plötzlich kommt Oden eine Frage in den Sinn: Warum hat noch nie jemand einen Antikörper gegen diese Zellen hergestellt?

Oden beginnt zu recherchieren und findet ein Protein, das mehr oder weniger ausschließlich auf der Zelloberfläche von Plasmazellen vorkommt. Ihm ist klar: Wenn man hierfür einen Antikörper herstellen kann, könnte dieser das Wachstum der Krebszellen aufhalten.

Der Doktorand berichtet seinem Chef und Arbeitsgruppenleiter, dem renommierten Krebsforscher Martin L., von seiner Idee. Der nickt Odens Vorhaben ab und lässt ihn forschen, erzählt Oden dem SPIEGEL.

Das MDC
    Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) ist eines der wichtigsten Zentren für biomedizinische Forschung in Deutschland und gehört zur Helmholtz-Gemeinschaft. Es wird zu 90 Prozent vom Bund und zu zehn Prozent vom Land Berlin finanziert. Das MDC hat mehr als 1600 Mitarbeiter, Wissenschaftler erforschen hier Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Störungen des Nervensystems. Die Ergebnisse sollen in der Diagnose, Therapie und Prävention eingesetzt werden.

Heute arbeitet Oden als Wissenschaftler in einem privaten Unternehmen. Doch die fünfeinhalb Jahre, die er am MDC war, machen ihn noch immer wütend. Sie sind für ihn und seinen Teamkollegen, den Postdoc Stephen Marino, zu einer Odyssee im Wissenschaftskosmos geworden, bei der es um das Recht an der eigenen Erfindung geht, aber auch um die eigene Existenz.

Ihre Geschichte zeigt, wie kompetitiv die Spitzenforschung sein kann - und dass es nicht nur um neue, bessere Medikamente geht, sondern auch um Macht, Geld und Eitelkeiten. Und sie zeigt, dass sich Nachwuchswissenschaftler nur eingeschränkt wehren können, wenn sie Probleme mit ihren Chefs haben.

Anfang 2012

Nach mehr als drei Jahren Forschung kann Felix Oden beweisen, dass seine Antikörper wirksam gegen Krebszellen sind. Als Odens Chef, Martin L., davon erfährt, drängt er laut Oden darauf, eine Erfindungsmeldung beim Arbeitgeber zu machen, später kann die Erfindung zum Patent angemeldet werden.

Oden füllt einen Vordruck aus, sein Chef spricht sich laut Oden den größten Anteil zu. "Ich war wegen der Erfindungsmeldung geehrt und habe erst einmal unterschrieben", sagt er. "Wie die Prozente verteilt werden, hat mich in diesem Moment nicht interessiert."

Doch dann kommen dem jungen Forscher Zweifel: "Warum soll Martin L. die meisten Prozente an der Erfindung erhalten, obwohl ich die Idee hatte?" Oden findet heraus, dass der Leiter einer Arbeitsgruppe noch lange kein Erfinder ist, nur weil er die Arbeit finanziert. Er wendet sich an die Rechtsabteilung und die rät ihm, das Thema erst wieder anzusprechen, wenn er seine Doktorarbeit verteidigt hat.

Auch Thomas Sommer, der stellvertretende Vorstand des MDC, hält dieses Vorgehen für richtig. Oden hält still. Sommer kann sich daran nicht mehr genau erinnern: "Ich könnte ihm geraten haben, die Konflikte nacheinander abzuarbeiten. Ich habe ihm aber sicher nicht geraten, sich nicht um seine Anteile zu kümmern", sagt er dem SPIEGEL.

Immer wieder gibt es an deutschen Forschungsinstituten Auseinandersetzungen um Patente, meist werden diese aber intern geklärt. Die Institute sollten daran interessiert sein, dass sich die Parteien schnell einigen, denn es wirft ein schlechtes Licht auf sie, wenn sie das nicht tun. Doch das ist schwer, denn wird ein Medikament tatsächlich zugelassen, kann es um viel Geld gehen. Je höher die Anteile am Patent sind, desto mehr springt für die einzelnen Erfinder heraus (siehe Kasten).

Um wie viel Geld könnte es gehen?
    Patentrechtler Thomas Seuss von der Berliner Kanzlei Jungblut und Seuss sagt: "Nur derjenige, der die Erfindung hatte, muss auf dem Patent stehen. Nicht der Laborant und auch nicht der Arbeitsgruppenleiter, wenn er nichts damit zu tun hatte." Oft sei das allerdings schwierig zu entscheiden, weil Arbeitsgruppenleiter meist beratend zur Seite stünden.

    Bei Patentstreiten geht es oft um sehr viel Geld. Seuss rechnet ein fiktives Beispiel vor: Verkauft eine Pharmafirma einen Antikörper für eine Therapie und macht in einigen Jahren damit einen Umsatz von einer Milliarde Euro, bekommt das Forschungsinstitut oder die Uni zwischen fünf und zehn Prozent des Umsatzes. Bei zehn Prozent wären das 100 Millionen Euro. Davon gingen 30 Prozent an die Erfindergemeinschaft, also 30 Millionen Euro. Bei außeruniversitären Forschungseinrichtungen gelten andere Regeln. In Abhängigkeit von den gesetzlich definierten Umständen könnten durchaus 1,4 bis 3 Millionen Euro an die Erfindergemeinschaft ausgeschüttet werden.

Anfang März 2012 kommt Felix Oden mit dem Postdoc Stephen Marino aus einer anderen Arbeitsgruppe ins Gespräch. Dieser überzeugt ihn, die Strukturen des Antikörpers sichtbar zu machen. So könne man besser sehen, welche Teile verändert werden müssten, damit die Antikörper nicht vom menschlichen Körper abgestoßen werden.

Von da an kooperieren Odens und Marinos Arbeitsgruppen miteinander. Marino arbeitet von nun an hauptsächlich daran, die Struktur des Antikörpers sichtbar zu machen. Für die Patentierung spielt das eine wichtige Rolle. Die Verteilung der Prozente muss neu geklärt werden.

"Martin L. hat vorgeschlagen, sich und mir 35 Prozent zu geben und den anderen Wissenschaftlern den Rest", sagt Oden dem SPIEGEL. L. teilt dem SPIEGEL mit, er könne sich nicht zu dem Patentstreit äußern, weil es sich um ein schwebendes Verfahren handele. Er sagt aber auch, er hätte den Antikörper gemeinsam mit Oden entwickelt. "Entsprechend habe ich Kompromissvorschläge zu den Erfinderanteilen des Patents gemacht."

Herbst 2012

Die Zusammenarbeit von Oden, Marino und L. wird von nun an immer schwieriger. Es gibt Streit um Autorennennungen, Forschungsgelder, die Herausgabe von Daten und Veröffentlichungen. Oden und Marino werfen L. mehrfach vor, sich wissenschaftlich fehl verhalten zu haben und beschweren sich beim MDC-Vorstand über ihn, wie sie dem SPIEGEL erzählen. Doch sie gewinnen den Eindruck, das MDC unternehme nichts gegen den Arbeitsgruppenleiter.

L. schreibt dazu: Die Vorwürfe "sind mir nicht neu, entbehren aber jedweder wahrheitsrelevanter Grundlage, sie sind schlichtweg falsch oder konstruiert. Ich habe mir kein wissenschaftliches Fehlverhalten vorzuwerfen!"

Anfang 2014
Thomas Sommer, der stellvertretende Vorsitzende des MDC, sowie der Ombudsmann des Instituts raten Oden und Marino, offiziell Beschwerde einzureichen. "Damit hätten wir eine unabhängige Kommission aus externen Wissenschaftlern einberufen können, die die Vorwürfe untersucht", sagt Sommer. Doch Oden und Marino wollen diesen Weg nicht gehen, weil sich die Beschwerde nicht nur gegen L., sondern auch gegen den Vorstand richtet. Sie glauben nicht an eine unabhängige Kommission.

Max-Delbrück-Centrum in Berlin
imago/Jürgen Ritter

Max-Delbrück-Centrum in Berlin

Die beiden Wissenschaftler beschweren sich schließlich beim Ombudsman für die Wissenschaft der DFG, wie sie dem SPIEGEL erzählen. Das Gremium antwortet: "Ob Herr Prof. L. sich fehl verhalten hat, können wir nicht sagen, weil wir diesbezüglich keine Sachaufklärung unternommen haben. Dass das MDC Regeln verletzt haben könnte, Ihrer Beschwerde nicht ordentlich nachgegangen worden ist, entspricht nicht dem Ergebnis unserer Sachaufklärung."

Stephan Rixen vom Ombudsgremium sagt, es werde nur eingegriffen, wenn das Gremium den verlässlichen Eindruck habe, vor Ort werde nichts unternommen oder die Verfahren liefen dort nicht korrekt ab. "Unsere Aufgabe ist es zu vermitteln, wir setzen keine Sanktionen durch." Leider gebe es darüber hinaus keine weitere Instanz, die Nachwuchswissenschaftlern helfen und eingreifen könnte.

Ein Fehler im Wissenschaftssystem.

Die jahrelange Auseinandersetzung verzögert die Entwicklung des Antikörpers. Bis ein mögliches Medikament zu den Patienten kommt, die es dringend brauchen, dauert es noch länger als ohnehin schon. Und das, obwohl das MDC es als seine Mission bezeichnet, "Erkenntnisse möglichst rasch in die klinische Anwendung zu bringen", wie es auf der Homepage heißt.

Ende 2015 und Anfang 2016

Felix Oden arbeitet inzwischen in einer privaten Firma, Marino ist weiterhin als Wissenschaftler am MDC tätig. Doch dann wird sein Vertrag nicht verlängert, obwohl Marinos Arbeitskollegen und dessen Chef Unterstützungsbriefe schreiben und Geld für seine Verlängerung vorgesehen gewesen sei, wie Marino sagt. "Leistung hat in diesem System keinen Wert", sagt Marino. Er sei dem MDC zu unbequem geworden.

Thomas Sommer, der stellvertretende Vorstand, sagt dazu, der Vorstand habe die Finanzierung nicht genehmigt, und es sei nicht zulässig gewesen, ihn noch einmal zu befristen.

Marino wendet sich an das Bundesministerium für Bildung und Forschung - doch auch von dort heißt es, er müsse formal Beschwerde beim MDC-Vorstand einreichen. Der Streit gipfelt in einem Hausverbot, das Marino im Februar 2016 vom MDC-Vorstand erhält.

Herbst 2017

Auch Marinos ehemaliger Chef macht ihm in einer E-Mail klar, dass er keine Zukunft am MDC mehr haben wird. Verschiedene Wissenschaftler seien über die Beschwerden ziemlich aufgebracht gewesen. Marino macht das wütend. Er kann nicht glauben, wie das Wissenschaftssystem funktioniert: "Uns wurde echte Hilfe verweigert."

Herbst 2018

Bis heute ist der Patentstreit nicht beigelegt. Das MDC hat eine Anwaltskanzlei beauftragt, um zu klären, wer wie viele Prozente an der Erfindung verdient. Zwei Gutachten hat die Kanzlei schon erstellt, nun ist das dritte in Arbeit.

Nach einem befristeten Projekt in der Charité und einem Jahr Arbeitslosigkeit hat Stephen Marino mit der akademischen Wissenschaft abgeschlossen und eine Stelle in einem privaten Unternehmen gefunden.

Oden und Marino geht es nach eigenem Bekunden nicht darum, ihre eigenen Rechte zu verteidigen. Sie wollen verhindern, dass anderen Wissenschaftlern ähnliches passiert. "Das System fördert die Ausbeutung von Jungwissenschaftlern, anstatt sie zu schützen", sagt Oden. Und Stephen Marino fragt: "Wie viele vielsprechende Karrieren wurden zerstört statt gefördert? Wie viel verlieren wir Bürger jeden Tag wegen dieses Unrechts?"

insgesamt 112 Beiträge
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Weltfinanzexperte 21.01.2019
1. "Es wird zu 90% vom Bund und zu 10% vom Land Berlin finanziert."
Damit sollte der Fall doch klar sein. Es ist eben kein privatwirtschaftliches Unternehmen. Dann sollten die Ergebnisse auch den Steuerzahlern zugute kommen. Patenteinnahmen könnten mit Beiträgen zur Pflegeversicherung o.ä. verrechnet werden.
saprebupad 21.01.2019
2.
Das sich Professoren die Arbeit ihrer Zöglinge aneignen obwohl deren Anteil daran meistens bei 0%, bestenfalls bei vlt 10% durch Ratschläge bestand, ist gang und gebe. Leider. Gemacht wird natürlich nichts dagegen von politischer Seite, will man sich doch nicht mit sämtlichen deutschen Professoren anlegen.
Knuffelbeest 21.01.2019
3. Warum Martin L. aber die anderen mit vollem Namen?
Uebrigens eine Kleinigkeit, den Namen herauszufinden: Einfach Oden und Marino bei Pubmed eingeben, findet man sofort die entsprechenden Artikel.
kayakclc 21.01.2019
4. Schwieriges Thema
Klar findet im Wissenschaftsbereich immer wieder Missbrauch von Dokoranden und PostDocs statt. Da werden Ideen geklaut und als eigene ausgeben, was ein Verstoß gegen gute Wissenschaftliche Praxis darstellt, zu der sich alle DFG geförderten Einrichtungen und Universitäten verpflichten. An Universitäten und Forschungsinstituten gehört ein Patent nicht alleine dem Erfinder, wenn Patente während der Arbeitszeit und mit den Mitteln des Forschungsinsituts/Universität entwickelt werden. Das sind typsche 70% für die Institution und 30% für die Erfinder, für die natürlichauch der Urheberschutz greift. Schwierig wird es, bei Doktoranden den Anteil an der Erfindung genau zu bemessen. Einerseits hat eine Person einmal einen Geistesblitz gehabt. Nur man darf nicht vergessen, die 50 male vorher, der Doktorand auch einen "Geistesblitz" hatte, der dann zu nichts führte, und der Betreuer in vielen Gespräche erklärt hatte, warum das so ist. Einzelne Personen agieren in der Forschung nicht alleine, sondern im Team. Da tragen viele Leute zu einem Umfeld bei, in der sich eine Idee entwickelt. Es ist ja nicht so, dass Doktoranden 3 Jahre zu Hause im stillen Kämmerlein im Elfenbeinturm vor sich hin kochen, und dann eine fertige Promotion plus Patent abliefert. Dann wäre 100% Urheberschaft mit alle Einnahmen gerechtfertigt.
p.l.breitenstein 21.01.2019
5. Leider ist derartiges oder ähnliches Verhalten weit verbreitet.
Ist ist eine Schande, dass die offiziellen Stelln nichts unternehmen. Auch in der Max-Planck-Gesellschaft stinkts gewaltig - wir gewohnt vom Kopf her. Wer im Netz nach wissenschaftalsbeute sucht findet interessante Artikel über Misstände und Fehlrverhalten bei der MPG. Es schaudert einen, wenn man bedenkt, dass dies alles der Stuerzahler finanziert.
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