Max in Istanbul Du bist doch gar kein Türke!

Er hat eine Mission. Politikstudent Maximilian Popp, 23, soll seine Istanbuler Universität in New York vertreten - und scheitert grandios. Also doch besser nach Kurdistan: Dort verschenkt die Regierung Kühlschränke, und die Menschen feiern Neujahr im April.

Dienstag: "Jetzt musst du noch zum Essen bleiben"

Ich fahre an die türkisch-syrische Grenze und komme im Bus mit Ismet ins Gespräch, einem Lehrer aus der Grenzstadt Mardin. Er lädt mich auf einen Tee ein und zeigt mir den Ort. Wir laufen einen Tag durch Mardin, treffen Freunde Ismets, spielen Backgammon. Am Abend gehen wir auf ein Konzert in einer armenischen Kirche. "Jetzt musst du auch noch zum Essen bleiben", sagt Ismet. Er bittet mich in seine Wohnung. Seine Frau hat Lahmacun gekocht.

Wir trinken Wein, Ismet spricht kein Wort Englisch, doch er erzählt von Nietzsche und Kant. Ich lebe seit zwei Jahren in der Türkei - und doch erstaunt mich die Gastfreundschaft der Türken immer wieder. Ich stelle mir dann vor, wie meine Passauer Bekannten wohl einem Kurden begegnen würden, der durch den Bayerischen Wald reist.

Freitag: Ein Kriegsherr verwandelt sich in einen Wahlkämpfer

Die Türkei ist ein Land voller Brüche und in keiner Stadt sind die Brüche tiefer als in Diyarbakir. Die kurdische Millionenstadt ist die finstere Rückseite der Türkei.

Ich war zum ersten Mal vor anderthalb Jahren in der Stadt. Die PKK hatte damals bei Anschlägen Dutzende türkische Soldaten getötet. Ministerpräsident Erdogan ließ daraufhin seine Armee in den Nordirak einmarschieren. In Diyarbakir sah alles nach Krieg aus: In jedem Viertel hatte das türkische Militär Stellungen aufgebaut, Kasernen, Straßensperren.

Jetzt ist davon nichts mehr zu sehen. Erdogan steht auf einer Bühne in Diyarbakir und hebt die Hand zum Siegeszeichen. "Die Türkei gehört uns allen!", ruft er. Erdogan ist als Wahlkämpfer nach Diyarbakir gekommen - nicht als Kriegsherr. Die Türken wählen Bürgermeister und Parlamente in 81 Provinzen. Erdogan muss im Südosten siegen, um seine Macht zu wahren.

"Lasst uns Vorbild sein für die Menschen im Irak, in Gaza, auf dem Balkan!", sagt der Regierungschef. Es ist ein kurdischer Knoten: Erdogan will das Vertrauen von Bürgern gewinnen, die er bis vor kurzem als Terroristen verunglimpft hat. Seine Partei hat Waschmaschinen und Kühlschränke verschenkt. Die Opposition wirft der Regierungspartei AKP deshalb Wahlmanipulation vor. Erdogan begegnet dem Vorwurf gelassen. Er kümmere sich eben um sein Volk, sagt der Premier.

Samstag: Das Neujahrsfest als Polit-Spektakel

Ich sitze auf der Ladefläche eines Lastwagens, eingezwängt zwischen Kindern in bunten Anzügen, und verfolge das Chaos auf der Straße. 500.000 Menschen in Diyarbakir feiern Newroz, das kurdische Neujahrsfest.

Die kurdische Partei der Demokratischen Gesellschaft (DTP) inszeniert Newroz als größte politische Kundgebung der letzten Jahre. In der Mitte des Platzes brennt ein Feuer. Es regnet Lametta. Jugendliche entrollen Transparente mit dem Porträt des Terroristenführers Abdullah Öcalan. "Diyarbakir gehört uns Kurden!", ruft Osman Baydemir, Bürgermeister der Stadt und Spitzenkandidat der DTP.

"Osman! Osman!", brüllen seine Anhänger. Sie schwenken gelbe DTP-Fahnen und ballen die Hände zu Fäusten. Im Vorjahr schlugen Sicherheitskräfte mit Schlagstöcken auf Demonstranten ein. In diesem Jahr hält sich die Polizei zurück - Erdogan hofft auf die Stimmen der Kurden.

Einsatz in New York - warum Max in der Welthauptstadt niemanden zum Feiern findet

Mittwoch: Immer geht es um die Ehre der Nation

Ich glaube, am meisten vermisse ich an den Türken die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen. Alles ist so schwer und so wichtig. Und immer ist alles persönlich. Ich kann keine Einladung zum Tee ablehnen, ohne die Ehre des Gastgebers zu verletzen. Ich lege im Taxi keinen Gurt an, denn das würde bedeuten, dass ich dem Fahrer misstraue.

In einem Wirtschaftskurs halte ich gemeinsam mit einer Türkin ein Referat. Ich frage sie, ob sie ihren Vortrag um fünf Minuten kürzen könnte. Meine Kommilitonin bricht daraufhin in Tränen aus - so hart habe sie noch niemand kritisiert.

Manchmal habe ich das Gefühl, in die Welt meiner Großeltern und Urgroßeltern zurückgekehrt zu sein, eine Welt, die sich ausschließlich um Familienbande, Ehre und persönliche Würde dreht. Das gilt im Alltag wie in der Politik. Unter der Ehre des Vaterlandes und der Zukunft der Nation machen sie es hier nicht.

Kritisiert ein Europäer die Politik Ankaras, wird er in den Medien schnell zum Feind der Türkei erklärt. Eines der meistverkauften türkischen Bücher der letzten Jahre, "Der Dritte Weltkrieg", spielt im Jahr 2010. In dem Thriller rächt sich die Türkei für die vielen Demütigungen, die sie in den letzten Jahren hinnehmen musste, und erklärt der "dekadenten" Europäischen Union den Krieg; zusammen mit Russland lässt Ankara seine Armeen auf Berlin, Brüssel und Paris marschieren.

Montag: Studenten spielen Weltpolitik

Der Mann am Rednerpult legt Begeisterung in seine Stimme. "Ihr seid die Elite!", ruft Uno-Vizegeneralsekretär Kiyotaka Akasaka. "Ihr macht den Unterschied!" Die Jungs und Mädchen im Saal nicken. Sie tragen dunkle Anzüge und Krawatten, Perlenketten und hochgesteckte Haare. Sie sitzen im Weltsicherheitsrat am East River in New York und tun so, als täte dies nichts zur Sache. Elite? Aber hallo!

1400 Studenten aus der ganzen Welt nehmen jedes Jahr an der Model United Nations Konferenz (MUN) in New York teil. Sie sollen innerhalb einer Woche das diplomatische Handwerk lernen. Sie diskutieren über die Agenda der Vereinten Nationen, simulieren Abstimmungen, verabschieden Resolutionen. Ich vertrete gemeinsam mit acht Kommilitonen die Türkei.

Dienstag: Wie wichtig sich alle nehmen ...

Unser Professor hat uns vor Beginn der Konferenz gewarnt: "Die Studenten hier sind Killer." Ich dachte, er würde übertreiben. Ich dachte, sieben Tage in New York mit 1400 Gleichaltrigen wären vor allem eine große Party. Welch ein Irrtum!

Zwei Gruppen bestimmen die Konferenz: Delegierte, die MUN ernst nehmen, und jene, die es nicht tun. Die zweite Gruppe ist eine kleine Minderheit - tatsächlich, glaube ich, sind nur wir so; vielleicht auch die Italiener. Alle anderen nehmen sich und die Veranstaltung furchtbar wichtig. Immerhin: Viele haben sich ein Jahr oder länger auf die Konferenz vorbereitet und sich gegen unzählige Mitbewerber durchgesetzt.

Freitag: Mit Anfang 20 wirken viele wie Ende 50

Die Uno-Simulation ist ein ständiger Kampf um Aufmerksamkeit, Redezeit, Präsenz. Die Delegierten in den Komitees versuchen, sich zum Mikrofon durchzukämpfen. Sie beginnen ihre Reden mit "hochverehrte Kollegen". Vielleicht gelingt es ja tatsächlich, einen Uno-Diplomaten auf sich aufmerksam zu machen? In den Pausen betreiben die Studenten "Lobbying". Sie versuchen Kollegen von ihren Konzepten zu überzeugen und sie für die Unterschrift unter eine Resolution zu gewinnen.

Die Studenten sind Anfang 20, doch sie wirken, als wären sie Ende 50. Sie sind in New York, doch sie fahren abends nicht in die Stadt. Sie schreiben in ihren Hotelzimmern an Resolutionen. MUN fühlt sich an, als wäre man in der Truman-Show gelandet.

Caner, ein Kommilitone, und ich suchen nach Verbündeten, nicht um eine Resolution zu verabschieden, sondern um feiern zu gehen. Doch wir tun uns schwer. Die Mädchen tippen Nachrichten in ihre Blackberrys, die Jungs verteilen Visitenkarten. Sie sehen aus wie Diplomaten, sie sprechen wie Diplomaten - wahrscheinlich diskutieren sie beim Abendessen über die Auswirkungen von Mikrokrediten auf die Finanzpolitik Japans.

Ich treffe nach einer Sitzung ein Mädchen aus Kanada. Ich möchte mit ihr über Musik sprechen, über Eishockey, über was auch immer. Keine Chance! "You know, I think resolution 14234 is a serious …"


Maximilian Popp, 23, studiert seit Oktober 2007 Internationales Recht und Politik in Istanbul. Zuvor hat er die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg besucht und als Redakteur bei Spiegel Online gearbeitet.

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