Max in Istanbul Hier ist Fußball nie einfach nur ein Spiel

Die Türkei ist komplett fußballverrückt. Maximilian Popp auch - er studiert in Istanbul, kickt tief in der Nacht gegen kurdische Straßenhändler und schleicht meist als Verlierer vom Platz. Außerdem in seinem Bosporus-Tagebuch: der Machtkampf zwischen AKP und Atatürks Erben.


Montag, 17. März

Mit Emir in der Mensa. Emir ist ein leutseliger Jurastudent mit breiten Schultern. "Warum unternimmt eure Regierung nichts gegen die Mordanschläge auf Türken?", fragt er. Ich hebe die Brauen. "In ganz Deutschland brennen Häuser von Türken, das ist doch Wahnsinn!" Meinen Einwand, in vielen Fällen sei Fahrlässigkeit die Ursache, lässt er nicht gelten. "Ludwigshafen war uns eine Warnung. Wir Türken müssen uns in Acht nehmen", sagt er. Denn auch im Inneren drohe Gefahr: Die Griechen wollten den Türken Istanbul rauben, weil sie glaubten, das Osmanische Reich habe ihnen 1453 Konstantinopel geraubt, und Kurden und Amerikaner versuchten, das Land von innen auszuhöhlen.

Ich widerspreche nur zaghaft. Ich muss an die Talkshow denken, die vor wenigen Wochen im türkischen Fernsehen lief: Professoren und Journalisten rätselten ernsthaft, ob Regierungschef Recep Tayyip Erdogan ein Hassprediger, ein jüdischer Agent oder beides sei.

Samstag, 22. März

Um neun Uhr soll ich zur Statistik-Klausur antreten, um fünf wache ich auf und kann nicht mehr einschlafen. Irgendwie bringe ich die vier Stunden herum, mit Kaffee, depressiver Musik von Joy Division und türkischen Cartoons. In der U-Bahn treffe ich Metin, er behauptet, dass beim letzten Mal jeder Dritte durchgefallen sei. Ezgi schickt eine SMS: "Ich sterbe vor Angst und Aufregung!"

Die Bilgi University ist eine Privatuniversität. Die Anforderungen sind höher als an einer staatlichen Hochschule - die Gebühren auch. 3000 Euro zahlen die Studenten im Semester. Jeder Dritte erhält wie ich ein Teilstipendium, einige hundert ein Vollstipendium. Der Druck ist groß. Metins Vater hat sich verschuldet, um dem Sohn ein Studium zu ermöglichen. "Ich darf nicht versagen", sagt Metin.

Zwischen manchen Studenten liegen Welten. Einige kommen mit dem Porsche zur Universität, sie winken mit dem Schlüssel und warten, bis ein Uni-Angestellter den Wagen parkt. Andere arbeiten nachts und am Wochenende, um die Gebühren bezahlen zu können. "Immerhin gibt man uns eine Chance", sagt Metin. "Vor zehn Jahren war das anders, da blieben die Reichen unter sich."

Dienstag, 1. April

"In Turkey, it's all about politics, vergiss das nicht", hat mir Ezgi schon vor Monaten geraten. Wie könnte ich? Gestern hat das Verfassungsgericht in Ankara ein Verbotsverfahren gegen die Regierungspartei AKP eröffnet. Der Generalstaatsanwalt will Premier Erdogan, Präsident Abdullah Gül und vielen Parlamentariern für fünf Jahre jede politische Tätigkeit versagen. Tausende gehen gegen den Justizputsch auf die Straße. "Das ist ein Anschlag gegen die Demokratie", sagt Umut Özkirimli, Politikprofessor an der Bilgi University.

Anlass für den Verbotsantrag war Erdogans Vorstoß, das Kopftuch an den Universitäten zuzulassen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Ministerpräsidenten vor, er wolle einen islamischen Gottesstaat errichten. Erdogan ist seit fünf Jahren an der Macht und wurde im vergangenen Sommer wiedergewählt. Jeder Türke weiß, dass seine Frau und seine beiden Töchter aus religiösen Gründen das Kopftuch tragen.

Donnerstag, 3. April

Ich treffe Izmet, der bei den Vereinten Nationen in Istanbul arbeitet. Er sieht müde aus. "Wie soll ich Kollegen im Ausland die türkische Politik erklären, wenn ich sie selbst nicht mehr verstehe?", sagt er. "Der Staatsanwalt spricht von islamistischen Tendenzen. Wo sind sie? Ich sehe sie nicht."

Tatsächlich lehnen einer Umfrage der Tageszeitung "Star" zufolge 93 Prozent der Türken einen islamischen Staat ab. Erdogans AKP hat bei der jüngsten Wahl die absolute Mehrheit der Mandate errungen - einer radikalislamischen Partei wäre das kaum gelungen. Der Putsch der Richter hat andere Gründe: Die AKP ist zu erfolgreich. Kemal Atatürks Erben fürchten um ihre Macht.

Die alten Eliten in Politik, Militär und Justiz beanspruchen zu wissen, was richtig ist für die Gesellschaft. Sie nennen sich "modern", in ihrem Inneren jedoch sind sie zutiefst autoritär. Den Minderheiten im eigenen Land misstrauen sie ebenso wie dem gläubigen Volk; und der EU sowieso, weil die mehr Rechte für Kurden und Christen fordert. "Der Machtkampf zwischen der konservativen Volkspartei AKP und dem kemalistischen Establishment wird immer brutaler", sagt Izmet.

Das Gerichtsverfahren gefährde die "Normalisierung" der Türkei, glaubt auch Mustafa Akyol, stellvertretender Chefredakteur der Tageszeitung "Turkish Daily News". Die türkische Gesellschaft sei seit jeher religiös - ein Phänomen, das seit den frühen Jahren der Republik verdrängt werde. "Erdogan und seine Partei bedrohen nicht die Demokratie - sie geben nur der Religion ihren Rang zurück", meint Akyol. Die Idee, dass die Türkei die Vereinbarkeit von Islam und westlicher Demokratie verkörpere, würde mit einem Verbot der AKP jede Glaubwürdigkeit verlieren. Strenggläubige Muslime auf der ganzen Welt sähen sich in dem Vorurteil bestätigt, dass in den Demokratien kein Platz für sie sei.

Sonntag, 13. April

Es wird wieder teuer. Wir liegen 2:6 zurück. Die Kurden lassen den Ball kreisen, schlenzen ihn an uns vorbei, über uns hinweg, durch unsere Beine hindurch. Das Flutlicht scheint matt, vom Bosporus weht ein kalter Wind, und über Asien geht langsam die Sonne auf. "Das war's!", ruft Murat, der Platzwart, und pfeift. Ich schlurfe aus dem Käfig, meine Knie schmerzen. Der Verlierer bezahlt den Platz, 30 Euro. Das ist der Deal.

Allah weiß, warum wir uns darauf eingelassen haben. Wir sind zu siebt: Sechs türkische Schauspieler und ich. Jeden Sonntag spielen wir Fußball gegen sieben Kurden - von drei bis vier Uhr nachts. Die Kurden müssen bis zwei Uhr arbeiten, sie verkaufen Reis und Hühnchen auf der Straße. Danach treffen wir uns am menschenleeren Busbahnhof in der Innenstadt und fahren mit einem Sammeltaxi zur Anlage am Bosporus. In dem Taxi riecht es auf der Hinfahrt nach altem Fett, später nach Schweiß. Wir spielen auf sandigem Kunstrasen in einem Käfig aus rostigem Metall. "Jungs, heute zeigen wir's ihnen!", predigt Serkan, unser Torwart, vor jedem Spiel. Am Ende schleichen wir doch meist als Verlierer vom Platz - unter den Augen Dutzender Zuschauer, die am Spielfeldrand stehen.

Ich kenne keine fußballverrücktere Nation als die Türkei. An Tagen wichtiger Begegnungen sind die Straßen leer. Fußball ist in der Türkei nie nur ein Spiel. Es geht immer auch um Ruhm und Ehre für das ganze Land. Als Fenerbahçe Istanbul vor zwei Wochen gegen Chelsea London gewann, schrieb die Tageszeitung Sabah: "Kriterium in Kadiköy erfüllt!" - eine Anspielung auf die Beitrittsverhandlungen des Landes zur EU. Die Anhänger des Lokalrivalen Galatasaray singen bei Europapokalspielen: "Europa, Europa, höre unsere Stimme, höre den Klang anmarschierender türkischer Schritte."

Die Türkei liebt ihre Sieger und geht mit Verlierern gnadenlos um. Als die Nationalmannschaft im Oktober 0:1 gegen Griechenland verlor, ätzten die Zeitungen: "Schande über euch!" Als sich das Team in letzter Sekunde doch noch für die Europameisterschaft qualifizierte, feierte das ganze Land seine "unsterblichen Helden". Die EM in Österreich und der Schweiz beginnt im Juni. Ein frühes Ausscheiden ist für die Türken undenkbar - und würde als größtmögliche Schmach empfunden.

Freitag, 18. April

Jeder gibt gern Istanbul-Tipps ab. Leute, die zweimal in der Stadt waren, erklären mir, wo man die beste Wasserpfeife bekommt. Vor allem Erasmus-Studenten verschwenden darauf großen Ehrgeiz. Roy aus Amsterdam hat mir vor ein paar Wochen erzählt, wo man in Istanbul Schafsmagen kaufen muss. Ich habe es vergessen, aber ich esse ja auch keinen Schafsmagen.

Im Februar waren meine Eltern zu Besuch. "Nehmt keinen Mantel mit, der Winter ist schon vorbei", sagte ich schlau. Es hat dann vier Tage geschneit, mein Vater sah mich vorwurfsvoll an. Ich glaube, je länger man hier ist, desto weniger Istanbul-Tipps gibt man ab. Das ist wie in München. Die begeistertsten Stadtführer sind immer die Zugereisten.

Maximilian Popp, 22, studiert seit Oktober 2007 Internationales Recht und Politik in Istanbul

© UniSPIEGEL 3/2008
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