Max in Istanbul "Wir basteln uns unsere eigene Identität"

Schleier oder Studium? In der Türkei ist das Kopftuch zur Ikone geworden, Gegner wie Anhänger sind vom Streit um das Verbot besessen. Maximilian Popp studiert seit Oktober in Istanbul - seine türkischen Freunde lassen sich ihr Leben nicht von Politikern und Priestern diktieren.


Mittwoch, 23. Januar 2008

Seit drei Tagen bin ich zu Besuch in Deutschland, und seit drei Tagen regnet es. Ich habe Semesterferien. Als ich in Passau ankam, war es dunkel, und als ich am nächsten Morgen die Zeitung aufschlug, begegnete mir ein Name, den ich in Istanbul beinahe vergessen hatte: Erwin Huber. Der "Passauer Neue Presse" entnahm ich, Huber wolle die CSU "modernisieren".

Seit meiner Ankunft am Münchner Flughafen habe ich das Gefühl, das Land wäre in meiner Abwesenheit geschrumpft. Alles ist so klein, so langsam und so leise. In der ersten Nacht in Passau lag ich schlaflos in meinem Bett und vermisste das Rauschen Istanbuls. Mein Zimmer ist jetzt ein Gästezimmer. Sonst hat sich wenig verändert: Ich reihe mich in die demütige Warteschlange vor der Bäckerei Hoft, die Brezeln verkauft, die nur leicht mit Salz bestäubt sind - wie sich's gehört in Bayern.

Sonntag, 10. Februar

Sie sind aus dem ganzen Land nach Köln gekommen. Alte und Junge, Väter und Mütter. 18 000 Deutsch-Türken in der Kölnarena wollen hören, was der türkische Ministerpräsident zu sagen hat. "Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit", schmettert Recep Tayyip Erdogan - und der Applaus will kaum enden. "Erdogan hat sich um das Türkentum verdient gemacht", schreibt eine türkische Tageszeitung auf ihrer Internet-Seite.

Am Abend ruft mich Emra, ein Kommilitone aus Istanbul, an. "Hast du das gesehen? Es ist eine Schande! Wie kann Erdogan über Assimilation sprechen, während der türkische Staat die Kurden seit Jahrzehnten unterdrückt?"

Dienstag, 12. Februar

Zurück in Istanbul. Auf den Bürgersteigen liegen Müllsäcke, im Haus gegenüber wird ein Mann nach einer Messerstecherei abgeholt. Ich treffe Yavuz, der an meiner Uni Politik lehrt. Yavuz ist wütend. "Erdogan überträgt das Prinzip Türkiye auf Deutschland", klagt er. Tatsächlich klang Erdogans Kölner Appell wie eine Zusammenfassung seiner früheren Reden: "Besinnt euch auf eure Wurzeln, dient Allah."

Die Zuschauer in der Kölnarena liebten den Premier dafür. In Istanbul hat er es schwer. "Wir basteln uns unsere eigene Identität. Wir lassen sie uns nicht von Politikern und Priestern diktieren", sagt Yavuz. Er betet mehrmals am Tag, er fastet an Ramadan, aber er geht auch aus, trinkt Alkohol und lebt mit einer Christin zusammen. "Bin ich deshalb ein schlechter Türke?" Ezgi, eine Kommilitonin, sagt: Beten ja, Kopftuch nein. Bayram, das islamische Opferfest, feiert sie zusammen mit ihrer Familie in Ankara.

Meine türkischen Freunde haben eigene Patchwork-Identitäten entwickelt. Identität verstehen sie als Produkt ihrer Vernunft. Sie entsprechen damit nicht dem türkischen Mainstream, aber sie sind auch keine Randgruppe, die sich ignorieren ließe. Die junge Türkei ist aufgeklärter, als es Erdogan und deutsche Politiker wahrhaben möchten.

Montag, 18. Februar

Ich hätte auf Ibrahim, den Sesamkringelverkäufer vor unserer Wohnung, hören sollen. "Bleib zu Hause", hat er mir am Vorabend geraten. "Morgen bricht hier alles zusammen." Verzweifelt kämpfe ich mich durch den Schnee. Die Straßenbahnen und Busse haben den Betrieb eingestellt. Vor den vielen Geschäften bilden sich lange Schlangen. Die Angler am Bosporus haben sich in Plastik und alte Kunstdüngersäcke gehüllt. Der Schnee trifft die Menschen unvorbereitet, dabei schneit es in Istanbul Jahr für Jahr. "Was machst du denn hier?", fragt mich der Hausmeister meiner Universität. "Bei dem Wetter bleibt die Uni geschlossen."

Mittwoch, 20. Februar

Sie demonstrieren wieder. "Istanbul ist nicht Teheran!" und "Keine Macht den Islamisten!", rufen die Studenten. Ministerpräsident Erdogan hat seine Ankündigung wahrgemacht: Das türkische Parlament hat für die Aufhebung des Kopftuchverbots gestimmt. Kein Streit enthüllt in der Türkei so sehr, was in den Köpfen vor sich geht, wie dieser, in dem es um das Recht von Studentinnen geht, ihren Kopf zu verhüllen.

Für die kemalistische Staatselite verkörpert das Kopftuch einen Lebensstil, der mit Laizismus, der Trennung von Staat und Religion, unvereinbar ist. Die kränkelnde Opposition beschwört den Kampf um die Grundfeste der Republik. Falle das Kopftuchverbot, warnen sie, drohe der Gottesstaat. Iranische Verhältnisse in der Türkei? "Das ist doch Blödsinn!", sagt Nükhet Sirman, Soziologieprofessorin an der Bosporus Universität in Istanbul. Der Laizismus stehe nicht auf dem Spiel. "Für die große Mehrheit der Türken ist die Trennung von Staat und Religion selbstverständlich."

Erdogan beruft sich in dem Streit auf "Freiheit" und "Selbstbestimmung". Doch um die Lockerung des Kopftuchverbots im Parlament durchzusetzen, hat sich seine AKP mit der ultranationalistischen MHP verbrüdert. Die Bedingung der Rechten: Der skandalöse Paragraf 301, der die "Verunglimpfung des Türkentums" unter Strafe stellt, bleibt unangetastet. Warum, fragen Kritiker zu Recht, hält Erdogan an 301 fest, wenn ihm angeblich so viel an Rechtsstaatlichkeit gelegen ist?

"Der Kopftuchstreich ist der Gipfel der Heuchelei", sagt Dursun Tüyloglu, Politologe an der Istanbuler Bilgi Universität. "Beide Lager berufen sich in dem Konflikt auf hehre Werte - auf Freiheit, Demokratie, Laizismus. Trauen kann man keinem der Beteiligten." Anhänger und Gegner des Verbots sind besessen von dem Problem. Doch sind sie sich in einem einig: Der Staat hat das Recht, Kleiderordnungen zu erlassen. Freiheit sieht anders aus.

Ich stehe zwischen den Demonstranten am Campus. Junge Frauen mit Kopftuch sagen, bisher hätten sie sich entscheiden müssen: Schleier oder Studium. Das Ende des Kopftuchbanns sei der erste Schritt zu einer gerechteren Gesellschaft. Die Gegenseite behauptet, das neue Gesetz sei der erste Schritt in Richtung Theokratie. "Das Kopftuch ist zu einer Ikone geworden", sagt Soziologin Nükhet Sirman. "Und die Schlacht ist längst noch nicht vorbei."

Freitag, 7. März

Jeden Freitag und Samstag wird unsere Wohnung zum Theater: Serkan, mein Mitbewohner, tritt mit zwei Freunden auf. Sie spielen Dramen, die der 26-Jährige selbst geschrieben hat. Düstere Stücke über Gewalt, Drogen, Sexismus. Er könnte sie an einem der Istanbuler Theater aufführen, dann aber würden strenggläubige Türken nach seinem Leben trachten.

Das Publikum: wir, die WG, ein paar linke Türken, europäische Studenten. Serkan, selbst heterosexuell, spielt einen schwulen türkischen Geschäftsmann, der seine Neigung verheimlicht, seine Frau schlägt und seine Depressionen mit Ecstasy bekämpft. "Schwulsein ist in der Türkei immer noch ein Verbrechen, Schwule werden von ihren Eltern verstoßen, weil sie Schande über die Familie bringen", sagt Serkan.

Donnerstag, 13. März

Jan, Jurastudent aus Berlin, beugt sich über den Tisch im Uni-Café und rudert mit den Armen: "Du musst dir das mal vorstellen!", ruft er. "Seit sechs Monaten wohne ich jetzt in Istanbul - und kenne mehr Leute als nach drei Jahren in Berlin." Jan ist als Erasmus-Student nach Istanbul gekommen, morgen Abend fliegt er zurück nach Deutschland. Wir spielen noch einmal Backgammon und rauchen Wasserpfeife. "Ich könnte heulen", sagt er. "Ein halbes Jahr in Istanbul ist einfach nicht genug."


Maximilian Popp, 22, studiert seit Oktober 2007 Internationales Recht und Politik in Istanbul

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