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Unterwegs in Afrika: Vom Moloch in die Wildnis

Foto: Maximilian Popp

Max in Nairobi "Nur Geduld, this is Africa"

Hillary Clinton als Dozentin und Hühner im Büro - Politikstudent Maximilian Popp, 24, arbeitete für zwei Monate bei einem kenianischen Radiosender mit. Zu seinem ersten Termin kam er pünktlich, also anderthalb Stunden zu früh. Denn afrikanische Uhren ticken anders als die eines "Mzungu".

Durch den Vorhang fällt das erste frühe Licht. Ich schaue durchs Fenster auf die Straße: Menschen lärmen und drängeln. Es riecht nach Öl, verfaulten Früchten, Urin. Von der Erde steigt ein gelblicher Dunst auf, Staub und der Rauch der Feuerstellen.

Als ich in Nairobi ankam, war es dunkel und die Stadt leer. Jetzt dämmert es, die Menschen drängen auf die Straße. Frauen kochen Kassawa und Gemüse, Kinder handeln mit Zigaretten und Heiligenbildern, ein Bettler sucht Brot und Schlaf. Niemand will in den Wohnungen bleiben, die fast immer eng sind und ärmlich.

Für zwei Monate werde ich in Nairobi leben. Ich bin mit IJP hierher gekommen, einem Austauschprogramm für Journalisten.

Erste Woche - Zeit wird zur subjektiven Größe

Paul, mein Mitbewohner, klopft an die Tür und ruft: "This is Nairobi! This is Kenya!". Paul ist so alt wie ich, 24. Wir teilen uns eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Stadtteil Karanja gemeinsam mit seinem Cousin Victor. In Karanja wohnen Familien, Arbeiter, Studenten. Ich bin der einzige Weiße in dem Viertel. In Deutschland habe ich nie über meine Hautfarbe nachgedacht, aber hier unterscheidet sie mich von der Mehrheit der Menschen. Ich spüre, wie mir Blicke folgen. Kinder umringen mich auf der Straße, sie lachen und rufen "Mzungu!" - Weißer!

Paul arbeitet für den kenianischen Radiosender Baraka FM. Ich werde die nächsten zwei Monate dort aushelfen. Die Kollegen sind reizend, sie haben mich schon am Flughafen mit Blumen empfangen. Im Büro, einem blau-getünchtem Einfamilienhaus, riecht es nach Druckerschwärze und reifen Mangos. Im Schneideraum nisten Hühner, im Fernsehen läuft Al-Jazeera.

Den Kenianern liegt viel an einer freundlichen Begrüßung. Ein flüchtiges Hallo, glauben sie, vergifte das spätere Verhältnis. Die Kollegen schütteln deshalb minutenlang meine Hand. Sie lachen und nicken mit den Köpfen. Sie fragen: Wie geht es dir, wie deiner Familie? Bist du gesund? Fühlst du dich wohl in Nairobi? Möchtest du einen Tee, eine Banane?

Mein erster Termin: Pressekonferenz eines Bauunternehmers um 10 Uhr. Als ich im Hotel ankomme, ist der Saal leer. "Nur Geduld. This is Africa", sagt die Dame am Empfang. Tatsächlich treffen gegen 11 Uhr die ersten afrikanischen Journalisten ein. Und dann, weitere 30 Minuten später, erscheint auch der Bauherr mit seiner Entourage.

"Hat dir niemand den Unterschied zwischen African Time und White Time erklärt?", fragt Paul am Abend. Wir sitzen in der Innenstadt-Bar Talisman, essen Samosa und trinken Bier. Die Zeit der Europäer, sagt Paul, folge festen Regeln: 10 Uhr bedeute 10 Uhr, nicht 10.05 Uhr. Die Afrikaner hingegen sähen Zeit als subjektive Größe. Beginnt eine Veranstaltung um 10, bedeute das, die Gäste verlassen um 10 Uhr ihre Wohnung. Je nach Dauer der Anreise verschiebe sich die Veranstaltung um einige Minuten - oder einige Stunden.

Zweite Woche - "Sie töten wahllos"

Agi, Schwester eines Kollegen, nimmt mich mit auf den Nairobi Mutturwa Market. Durch die Gassen schlurfen Frauen in langen Röcken und Männer in Nylonanzügen. Die Händler verschwinden hinter Säulen aus Turnschuhen, Stoffhemden, Handtaschen. Der Markt ist ein Konzert, eine Modeschau, ein gesellschaftliches Ereignis - der Handel dient nur als Vorwand, um dem Alltag zu entfliehen.

Drei Tage später: "Allahu akbar!", ruft der Muezzin - Allah ist der Größte. In Eastleigh, im Osten Nairobis, tragen die Frauen Schleier und die Jungs Messer. Meine Augen tränen vom Gestank brennenden Mülls. In dem Stadtteil leben somalische Flüchtlinge.

Somalia ist als Staat gescheitert. Die Regierung kontrolliert nur noch wenige Kilometer des Landes. Die Dschihadisten von "Al Shabab" und der "Armee Hizb-al Islam" haben die Macht übernommen.

"Sie töten wahllos", sagt Mohammed, 31. Er hat als Journalist in Mogadischu gearbeitet. Terroristen brachen in sein Haus ein, erzählt er, sie fesselten ihn, folterten ihn, schossen auf ihn. Mohammed überlebte mit sieben Kugeln im Körper. Seit einem Jahr lebt er in Nairobi - ohne Arbeit und ohne Hoffnung, wie Hunderttausende Somali.

Dritte Woche - Im einzigen Frauendorf Afrikas

Ich stehe am Bahnhof in Nairobi und friere. Seit dem frühen Morgen warte ich auf einen Bus nach Umoja, ein Wüstendorf im Westen Kenias. Die Straßen außerhalb Nairobis sind oft nur aus Schotter und Lehm. Steine und Wanderdünen versperren den Weg, Wellen erschüttern den Wagen.

Umoja, am Rande des Samburu-Nationaparks, ist das einzige Frauendorf Afrikas. 48 Frauen wohnen hier. Sie wurden von ihren Vätern geschlagen, von Soldaten misshandelt. In Umoja leben sie nach ihren eigenen Regeln - ganz ohne Männer.

Die Frauen sitzen im Schatten des Dorfbaums, einer großen Akazie, und sticken. Die Hütten in Umoja sind aus Kuhmist gebaut. Die Frauen schlafen auf Ziegenfellen. "Hier kann ich endlich leben, ohne Angst zu haben", sagt Ntekune Leorguba, eine der Bewohnerinnen. Vermisst sie die Männer? "Ach was, zum Teufel mit den Männern."

Im Nachbardorf Archers Post treffe ich Chris und Carl. Sie reisen mit dem Jeep von London nach Tansania. Chris will in Daressalam Englisch unterrichten. Sie haben in ihrem Landrover noch einen Platz frei - und ich beschließe, sie einige Tage zu begleiten.

Wir fahren nach Ngorongoro, an den Rand der Serengeti. Der Ngorongoro-Krater, 2400 Meter hoch, ist Weltkulturerbe; nirgends in Afrika gibt es auf engerem Raum mehr Raubtiere. Zebra-Herden traben vor uns her, Giraffen, Elefanten. Ein Löwe jagt Antilopen neben unserem Jeep.

Ein Treffen mit Clinton, ein Trip nach Ruanda und der Traum von Bildung

Vierte Woche - Hi Hillary

Zurück in Nairobi: Die Luft ist schwarz von den Abgasen der Autos. In Nairobi zu atmen, das ist, als ob man sich über einen Schornstein beugt und inhaliert. Die Stadt ist in den vergangenen Jahren ungehemmt gewachsen. Araber leben hier, Inder und Europäer. Die Unep, das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, hat hier ihren Sitz. Die Menschen auf der Straße tragen knallbunte Röcke und dunkle Designer-Anzüge, Schleier und Hot Pants. Aus dem ganzen Land ziehen Menschen in die Hauptstadt in der Hoffnung, reich zu werden. Viele werden enttäuscht und vegetieren in Slums am Stadtrand.

Denn auch das ist Nairobi: bittere Armut, Ghettos, Bandenkriege. In Kibera, dem größten Slum Ostafrikas, leben die Menschen in Hütten aus Abfall, ohne Elektrizität und fließendes Wasser. Sie haben niemanden, zu dem sie gehen könnten, um sich zu beklagen; sie haben niemanden, von dem sie etwas erwarten dürften.

Am nächsten Morgen: Die Studenten springen von ihren Sitzen. "Ich grüße euch im Namen von Barack Obama, dem Sohn Kenias!", ruft Hillary Clinton. Die US-Außenministerin spricht an der Universität Nairobi. Die Hochschule dient immer wieder als Bühne für Politiker aus aller Welt. Kofi Annan hat hier doziert und im August 2006 Barack Obama, dessen Vater in Kenia geboren wurde.

"Kenia wurde lange genug von ausländischen Firmen und eigenen Machthabern ausgebeutet", sagt Clinton. "Erzwingt den Wandel!" "Yes we can!", rufen die Studenten.

Fünfte & sechste Woche - Ruanda, Land des Elends. Und der Hoffnung

Agi spricht nicht mehr mit mir. Ich habe ihr gesagt, dass ich sie nicht heiraten will - warum sollte sie mich jetzt noch treffen? Es bedrückt mich, dass auch Freunde mich vor allem als Mzungu sehen. Als reichen Mzungu. "When we see white we see money", sagt Paul.

Ich fliege nach Ruanda. Ruanda steht wie kein anderes Land Afrikas für Elend und Krieg. Beim Völkermord der Hutu an den Tutsi kamen binnen 100 Tagen 800.000 Menschen ums Leben. Ruanda steht aber auch für die Hoffnung auf Versöhnung. 15 Jahre nach dem Bürgerkrieg haben die beiden Volksgruppen einen Weg des Miteinander gefunden.

Das Land erlebt seit Jahren ein Wirtschaftswunder: Internationale Unternehmen investieren in neue Projekte, die Weltbank lobt den Reformeifer der Regierung Kagame, in der Hauptstadt Kigali eröffnen Banken, Hotels, Boutiquen.

Ich schaue ein Fußballspiel im Nationalstadion: APR FC Kigali gegen Mukura Victory Sports. Zwei Teams, und niemand käme auf die Idee zu fragen, wer Hutu ist und wer Tutsi.

Ruanda ist klein, so klein, dass es auf vielen Landkarten nur als Punkt eingezeichnet ist. Die Fahrt von Kigali nach Gisenyi im Nordosten an der Grenze zum Kongo dauert wenige Stunden. Die Strecke führt durch grüne Täler und über smaragdfarbene Berge. Nebel steigt auf, den die sinkende Sonne rosa färbt. Ein rosa-glänzender Schleier hängt über dem Land, über den Eukalyptusbäumen und Teeplantagen, den Kirchentürmen und Häuserruinen. Auf den Feldern pflügen Frauen mit einfachen Hauen die Erde um - ihre Männer sind im Krieg gestorben.

Siebte Woche - Der Traum der Olympia-Siegerin

Ich bin wieder in Nairobi und habe Glück: Pamela Jelimo hat Zeit, mich zu treffen. Jelimo hat 2008 in Peking als erste Kenianerin Gold bei Olympischen Spielen gewonnen und zwei Monate später in Brüssel den Golden-League-Jackpot über eine Million Dollar.

Wovon sie träumt? "Ich möchte eine Schule gründen. Ich möchte, dass wir Kenianer uns endlich selbst helfen."

Achte Woche - Im Zug nach Osten

Kenia hat zwei Bahnlinien. Sie führen von Nairobi in den Westen, nach Kisumu am Viktoriasee, und in den Osten, nach Mombasa am Indischen Ozean. Mir bleibt nur noch eine Woche in Afrika - und ich möchte noch einmal nach Mombasa reisen. Die Busfahrt dauert sechs Stunden und kostet zehn Euro. Der Zug benötigt 15 Stunden und kostet zumindest in der 1. Klasse das Dreifache. Und dennoch lohnt er sich: Die Fahrt ist wie ein Agatha-Christie Roman - mit Kellner in Schwarz-Weiß, Silberbesteck und eigenem Abteil.

50 Kilometer vor Mombasa bleibt der Zug stehen. Ein Güterzug vor uns ist entgleist, wir müssen warten. Kinder aus den Dörfern neben der Strecke eilen herbei. Sie sind mager und tragen zerrissene Kleider. Und dennoch bitten sie nicht um Brot oder Schokolade, nicht einmal um Geld. Sie bitten um einen Bleistift.

Sie wollen zur Schule gehen, sie wollen etwas lernen. Aber sie können nicht schreiben lernen, weil sie keinen Bleistift besitzen.

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