Nach Mobbingvorwürfen Max-Planck-Direktorin muss Posten räumen

Junge Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften haben der Direktorin Tania Singer schweres Mobbing vorgeworfen. Nun muss die renommierte Wissenschaftlerin gehen.
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig

Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig

Foto: Max-Planck-Instituts

Tania Singer hat ihre wissenschaftliche Laufbahn vor allem einem Thema gewidmet: dem Mitgefühl. Mit ihrer Forschung hat sie es bis an die Spitze des renommierten Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig geschafft. Dort wurde sie vor acht Jahren zur Direktorin gewählt.

Allerdings soll sie laut ihrer Mitarbeiter alles andere als Mitgefühl besitzen. Viele von ihnen hatten dem SPIEGEL im vergangenen Sommer berichtet, wie Singer sie über Monate und Jahre hinweg gemobbt hat. Die Nachwuchswissenschaftler hatten Singer vorgeworfen, Schwangere diskriminiert, Mitarbeiter persönlich angegriffen und mehrfach über Kollegen gelästert haben. "Es herrschte eine Atmosphäre der Angst", sagte ein ehemaliger Postdoc.

Nach der Berichterstattung durch "Buzzfeed" , "Science"  sowie dem SPIEGEL setzte der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), Martin Stratmann, im September eine Kommission ein, um die Vorwürfe zu klären. "Diese hat im November 2018 einen Bericht vorgelegt, der erhebliches Führungsfehlverhalten bestätigt", teilt die Pressestelle der MPG nun mit.

Gesichtswahrende Lösung nach "Führungsfehlverhalten"

"Um eine weitere Eskalation des Konflikts zu vermeiden, haben die Max-Planck-Gesellschaft und Frau Singer daraufhin vereinbart, dass Frau Singer ihre Leitungsfunktion als Direktorin von sich aus niederlegt", heißt es weiter in der Pressemitteilung.

Singer wird allerdings weiter als Wissenschaftlerin arbeiten können - ohne Leitungsfunktion und außerhalb des Leipziger Instituts in "kleinem Rahmen". Weitere Details dazu gibt die MPG allerdings nicht bekannt. Unklar ist also, ob Singer selbst einen Supervisor oder ein Training erhält, unklar ist auch, ob sie wieder Doktoranden oder Postdocs betreuen wird. "Ich werde dazu nicht mehr sagen können, weil darüber hinaus Stillschweigen in der Sache vereinbart wurde", sagte die Pressesprecherin des MPG, Christina Beck, dem SPIEGEL.

Aus Institutskreisen heißt es, es sei ein großer Schritt für die MPG, dass überhaupt etwas passiert sei. Nun, da sie nicht mehr Direktorin sei, wäre es einfacher, ihr zu kündigen, falls sie sich noch mal falsch verhalte.

Die Max-Planck-Gesellschaft

Sie ist eine der renommiertesten Forschungsorganisationen der Welt. Viele junge Wissenschaftler bewerben sich um eine Stelle an einem der mehr als 80 Institute und Forschungseinrichtungen, gelten sie doch als Sprungbrett für die Karriere. Die Einrichtungen entstehen um weltweit führende Spitzenforscher herum, die ihre Themen selbst bestimmen, beste Arbeitsbedingungen erhalten und Mitarbeiter frei auswählen können, wie es auf der Website der Max-Planck-Gesellschaft heißt. Finanziert wird die Max-Planck-Gesellschaft je zur Hälfte von Bund und Ländern. Im Jahr 2017 lag die Grundfinanzierung bei etwa 1,8 Milliarden Euro. Hinzu kommen Drittmittel von öffentlichen und privaten Geldgebern sowie der Europäischen Union.

Es war nicht das erste Mal, dass junge Wissenschaftler Vorwürfe gegen eine Professorin eines Max-Planck-Instituts erheben. Anfang des Jahres hatten ehemalige Doktoranden und Postdocs dem SPIEGEL davon berichtet, wie sie von Professoren am Max-Planck-Institut für Astrophysik schikaniert wurden. Auch an zahlreichen Hochschulen gibt es immer wieder Fälle von Machtmissbrauch an Unis. Elitehochschulen wie die ETH Zürich sind davon nicht ausgenommen.

Schuld daran ist ein System, in dem Professoren über viel Macht verfügen. Sie bestimmen über Verträge und Arbeitszeiten, haben das letzte Wort bei Publikationen. Sie bewerten die Abschlussarbeiten und verfassen Empfehlungsschreiben. Kurzum: Sie halten die Zukunft ihrer Doktoranden und Postdocs in den Händen.

Unangenehme Chefs gibt es zwar auch in anderen Branchen, aber der Unterschied zur Forschung ist groß: Ob Professoren ihre Macht missbrauchen, wird bislang noch viel zu wenig kontrolliert. Es gibt zwar auch Beschwerdestellen, aber Doktoranden oder Postdocs haben Angst, dass sie sich den Weg nach oben verbauen könnten, wenn sie Kritik üben - zumal sich viele Wissenschaftler untereinander kennen und sich schnell herumsprechen könnte, wer einem Professor unangenehm wurde.

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