Fotostrecke

Medizin-Skandal in Köln: Wo kommen nur die ganzen Toten her?

Foto: Boris_Roessler/ picture-alliance / dpa

Medizin-Skandal Köln Unbekannte Leichen im Uni-Keller

Leichenberge an der Uni Köln? Das anatomische Institut der Hochschule meldet "Bestattungsrückstand". Das heißt: Im Kühlkeller stapeln sich die leblosen Spenderkörper für die Forschung. Gipfel der pietätlosen Schlamperei: Zu manchen Leichen fehlt sogar der Name.

Wie viele es sind, weiß er nicht. "Aber dass sie da sind", sagt der junge Arzt im vertraulichen Gespräch, "weiß jeder, der regelmäßig in der Anatomie zu tun hat: Studenten, Sekretärinnen, Ärzte." Die Rede ist vom anatomischen Institut der Universität zu Köln, wo für angehende Mediziner unter anderem die sogenannten Präp-Kurse stattfinden, also das Präparieren an Leichen geübt wird.

Um diese praktischen Übungen durchführen zu können, ist die Uniklinik auf Körperspenden angewiesen: Menschen, die ihren Körper nach dem Tod der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Die Spendenbereitschaft ist meist hoch, seit Jahren melden sich mehr Menschen als Spender, als die Institute für ihre Ausbildung benötigen.

Und das war in den vergangenen Jahren in Köln so häufig der Fall, dass die Leitung des anatomischen Instituts offenbar den Überblick verloren hat. "Mindestens 80 Leichen sind dort aufgelaufen, kein Mensch weiß genau, was wir da alles in den Schränken haben", sagt der Arzt. Die Buchführung im Institut weist so große Lücken auf, dass es nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen sogar zwei Leichen geben soll, bei denen mittlerweile nicht mehr nachvollzogen werden kann, um wen es sich handelt.

Chaotische Aktenführung führte zu "Bestattungsrückstaus"

"Wir bedauern die offensichtlichen Unregelmäßigkeiten sehr", sagt Uni-Sprecher Patrick Honecker, "jetzt geht es uns darum, so schnell wie möglich die Würde der Menschen wieder herzustellen, die ihre Körper ja dankenswerter Weise für Forschung und Lehre bereitgestellt hatten." Die Vorfälle widersprächen allen Vorstellungen vom pietätvollen Umgang mit Verstorbenen und selbstverständlich auch den akademischen Gepflogenheiten.

Unterstützt von einem hinzugezogenen Rechtsmediziner soll die Situation am anatomischen Institut nun schnell aufgearbeitet werden. Bereits am Donnerstagmittag will das Dekanat der medizinischen Fakultät auf einer Pressekonferenz weitere Einzelheiten mitteilen.

Aufgefallen waren die chaotischen Zustände, nachdem der Leiter des anatomischen Instituts im vergangenen Jahr in den Ruhestand getreten war und sich sein Nachfolger einen Überblick über die Situation in den Gebäuden an der Kölner Joseph-Stelzmann-Straße verschaffen wollte. Die damals und heute Verantwortlichen sagen gegenüber SPIEGEL ONLINE nichts zu dem Sachverhalt und verweisen an die Uni-Pressestelle. Nach derzeitigem Kenntnisstand, so Sprecher Honecker, sei der Auslöser für das Durcheinander im Leichenkeller "eine sehr problematische Aktenführung" gewesen. Zur genauen Zahl der momentan eingelagerten Leichen und zu den näheren Umständen des "Bestattungsrückstaus", wie die Uni den Zustand intern umschreibt, könne er sich momentan noch nicht äußern.

Vorsorglich hatte die Universität nach Bekanntwerden der Affäre auch die Staatsanwaltschaft Köln eingeschaltet - um prüfen zu lassen, ob Straftatbestände wie etwa die Störung der Totenruhe vorliegen. Nach mehreren Gesprächen stehe nun aber fest, dass es derzeit keinen Anhaltspunkt für weitere juristische Ermittlungen gibt, so Uni-Sprecher Honecker.

Ulrich Günter Bremer, Oberstaatsanwalt in Köln, bestätigt, dass sich die Universität an die Ermittlungsbehörde gewandt hatte und sagte: "Wir haben uns mit der Uni abgestimmt und sehen keinen Anlass für Ermittlungen." Die Universität Köln kann und muss sich jetzt allein auf die moralische Aufarbeitung konzentrieren - und auf die Identifizierung der unbekannten Leichen im Uni-Keller.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.