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03. September 2012, 08:42 Uhr

Neuer Medizinstudiengang

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Mehr als tausend Bewerber, 40 Plätze - und trotzdem ist es kein typisches Medizin-Bewerbungsverfahren: An der Uni Oldenburg startet nun ein neuer, internationaler Studiengang für angehende Ärzte. Gefragt sind Aspiranten mit Einfühlungsvermögen.

Jana-Katharina Freese lächelt, gerade hat sie ihr letztes Gespräch hinter sich gebracht, jetzt muss sie nur noch warten und hoffen. Die 22-Jährige hat sich in ihrer Heimat Oldenburg um einen Studienplatz an der neu gegründeten European Medical School (EMS) beworben. "Ich habe alles gegeben und hoffe sehr, dass es geklappt hat", sagt sie.

Sie hat viele Konkurrenten: Mehr als 1200 junge Männer und Frauen aus Deutschland und dem Ausland haben sich für den bundesweit ersten grenzüberschreitenden Studiengang für Humanmedizin beworben. Die Universität Oldenburg, an der es vorher keinen Medizinstudiengang gab, arbeitet dabei mit der niederländischen Universität Groningen zusammen: Zukünftige Mediziner besuchen Seminare an beiden Unis.

40 Studienplätze werden für den Start der EMS im Oktober vergeben, davon rund 40 Prozent vorab über die Stiftung für Hochschulzulassung und rund 60 Prozent über das hochschuleigene Auswahlverfahren. Die Uni hat dazu dreimal so viele Bewerber eingeladen, wie sie Plätze zu vergeben hatte.

Junge und ältere Studenten sollen voneinander profitieren

Jana-Katharina Freese und ihre Mitbewerber absolvierten fünf verschiedene Übungen und ein Motivationsgespräch, um zu beweisen, dass sie für das Studium geeignet sind. "Wir suchen echte Persönlichkeiten, die nicht nur naturwissenschaftlich denken und sich von der Theorie her leiten lassen, sondern auch über gute Kommunikationsfähigkeiten verfügen und Einfühlungsvermögen haben", sagt EMS-Dekan, Eckhart Hahn. Die Entscheidung, wer letztlich genommen wird, hängt vom Abschneiden am Auswahltag und von der Abiturnote ab. Bescheid bekommen Freese und die anderen Anfang September.

"Wir sind nicht nur von der Vielzahl der Bewerber sehr beeindruckt, sondern auch von deren Qualität", sagt Hahn. Jana-Katharina Freese beispielsweise ist ausgebildete Krankenschwester, andere Bewerber sind Rettungssanitäter. Aber auch 17-jährige Abiturienten sind dabei. Für Hahn eine perfekte Mischung, da sehr junge Menschen und solche mit erster Berufserfahrung im Studium voneinander profitieren können.

Das große Interesse an der EMS zeige, dass das Konzept ankomme, sagt Hahn. Zwar müsse sich das Studium an der bundesweit einheitlichen Approbationsordnung orientieren. Da es sich jedoch um einen Modellstudiengang handele, könnten neue Wege beschritten werden.

Angst vor den Patienten nehmen

Viele Bewerber wie Clara Barkhaus aus Lüneburg und Tobias Büttner aus dem bayerischen Coburg reizt besonders die internationale Ausrichtung des Studiums, denn mindestens ein Jahr davon müssen die deutschen Studenten an der Universität Groningen verbringen. "Von einem solchen Austausch kann man nur profitieren", sagt Büttner. Barkhaus ergänzt: "Andernorts wird eine internationale Ausbildung inklusive nicht geboten."

Es gibt noch einen weiteren Unterschied zur medizinischen Ausbildung in Deutschland. In Oldenburg kommen die Studenten schon frühzeitig in Kontakt mit Patienten. "Jede Woche beginnt mit einer Patientenvorlesung, in der das nötige Theoriewissen orientiert am Patientenproblem vermittelt wird", sagt Hahn. Das heißt: Ein Patient nimmt an der Vorlesung teil, erst stellt der Dozent ihn und sein Krankheitsbild vor, dann dürfen die Studenten ihn befragen. Auf diese Weise soll den Studenten die Angst vor den Patienten genommen werden. Für die 19-jährige Jorina Maier aus Leer war das ein Hauptgrund für ihre Bewerbung. "Das Konzept ist viel zukunftsorientierter als andere Studiengänge", sagt sie.

Zudem stehen schon früh im Studium praktische Erfahrungen auf dem Programm. Noch vor der ersten Arbeit in einer Klinik lernen die Studenten bereits in der 10. Studienwoche den Alltag in einer allgemeinmedizinischen Praxis kennen - ebenfalls ein Novum bei der Ausbildung. "Beinahe jede Krankengeschichte fängt in einer Praxis an", sagt Hahn. Bei den Praktika in Arztpraxen sollen die Nachwuchsmediziner zudem den Job des niedergelassenen Arztes besser kennenlernen. Der Ärztemangel auf dem Land habe auch damit zu tun, dass Studenten während ihres Studiums meist gar nicht mit der Arbeit in Praxen in Berührung kämen und sich daher tendenziell nicht dafür entschieden, sagt Hahn.

Derweil ist für die Studienbewerber aber erst noch das Warten auf die Entscheidung angesagt. Für Jasper Steingrüber aus Berlin steht schon jetzt fest: "Wenn es dieses Jahr nicht klappen sollte, versuche ich es im nächsten Jahr noch mal."

Yasmin Schulten-Jaspers/dapd/fln

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