Mediziner-Chor für Körperspender Wie sagt man einer Leiche Dankeschön?

Bei der Ärzteausbildung sind Körperspenden unentbehrlich. Rostocker Medizinstudenten haben einen Weg gefunden, sich nach dem Präparierkurs bei den Toten zu bedanken: Sie singen im Chor, entzünden Kerzen für die Spender - und erzählen den Hinterbliebenen vom Sektionssaal.
Von Steffen Eggebrecht
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Leichen für die Lehre: Jung-Mediziner singen für Körperspender

Foto: Matthias Bannert

Anne Machka hantiert hektisch mit zwei Handys zugleich, denn die Tür der Kirche ist verschlossen. Eigentlich will die Medizinstudentin hier eine Chorprobe abhalten, um sie herum stehen knapp 20 Kommilitonen und warten. Darum ist Anne gestresst.

In nur drei Wochen müssen sie und ihre Mitstudenten singen. Für tote Menschen, die ihnen gegenüber sehr großzügig waren: 40 Freiwillige haben ihre Körper gespendet, damit die Rostocker Medizinstudenten daran lernen, wie Knochen und Organe, Sehnen, Nerven und Gefäße angeordnet sind. Die Angehörigen der Spender werden an der Gedenkfeier teilnehmen. Da sollten die Studenten gut vorbereitet sein.

Der Wind pfeift vor dem mächtigen Holztor der Universitätskirche, Laub wirbelt umher. Annes Mitstudenten lenken sich mit Plaudern ab, einige bekommen gar nicht mit, dass der Schlüssel fehlt. Der Tross macht sich auf ins Physikalische Institut. Anstelle des Seminarraums wählt Anne einen zugigen Flur. Die Studenten kramen ihre Notenblätter hervor, Handschuhe und Schals bleiben an. "Hört ihr die Akustik?", fragt jemand - die meisten nicken.

Später streift Anne, 20, ihre Wollmütze vom Kopf. "Die Motivation ist vor allem Dankbarkeit", sagt sie. "Wir wollen uns dafür revanchieren, dass die Spender unsere Ausbildung ermöglichen."

Gestank in der Nase, Kreuzschmerzen, alle zwei Wochen ein Test

Jedes Jahr gründen die Drittsemester der medizinischen Fakultät einen neuen Chor, um den Menschen zu danken, an denen sie drei anstrengende Monate lang arbeiten durften. So will es die Rostocker Tradition.

Ihre erste Leiche hatte Anne im April vor sich, zum Start des Präparierkurses. Auf Metalltischen lagen die Körper im Sektionssaal, um die Tische standen je zehn Studenten mit betretenen Gesichtern. Alle atmeten den unangenehmen scharfen Alkoholgeruch des Konservierungsmittel, der sich in der Kleidung festsetzte. Die toten Körper selbst rochen nicht. Die Hautfarbe war blass, das Gewebe fest, erinnert sich Anne.

Den ersten Schnitt lernte sie von Professor Andreas Wree, wie schon Tausende ihrer Vorgänger. Wree war es auch, der die Andacht für die Spender und ihre Angehörigen 1994 erstmals anregte. Bundesweit halten viele medizinische Fakultäten Gedenkfeiern für die Körperspender ab, in Hamburg ebenso wie in Bonn, Berlin und Greifswald.

"Verkrampft hielt ich das Skalpell", erzählt Anne. Drei Stunden pro Tag, drei bis vier Tage die Woche, drei Monate lang arbeitete sie an Körpern. Am Anfang taten ihr Finger und Rücken weh, aber zum Gruseln und Grübeln blieb nicht viel Zeit. Das erste Testat über den Aufbau des Arms stand schon nach 14 Tagen an.

Leichenblass vor dem Altar der Uni-Kirche

Alle zwei Wochen folgte eine weitere Prüfung, Körperabschnitt für Körperabschnitt. Unter Anleitung sägten die Studenten auch an Knochen, zum Beispiel an den Schlüsselbeinen. Anne faszinierten vor allem die Feinheiten, etwa als ein Professor einen Gehörgang freilegten.

Fünf Monate nach dem ersten Schnitt ist es soweit: Zeit, Danke zu sagen. Zwei Stunden vor der Andacht proben die Studenten noch einmal in der Universitätskirche. Es geht hektisch zu. Während sie singen, werden letzte Kränze aufgestellt, die Schleifen gerichtet und die Mikrofone für die Reden überprüft.

Einige knicken nervös ihre Notenblätter oder zupfen an der Kleidung herum, andere blenden alles aus, stehen mit verschränkten Armen da und blicken starr geradeaus in die sich langsam füllende Kirche. Nach einer Viertelstunde ist kein Platz mehr frei.

Ein letztes Mal stellen sie sich auf, die Bässe ganz nach links. Einige Studenten sind so blass wie an ihrem ersten Tag an den Metalltischen. Statt weißer Kittel tragen sie diesmal schwarze Anzüge und Kostüme, manche auch Rollkragenpullover. Rund 50 Studenten richten die Andacht aus, sie alle haben im Sommer die Körper jener Menschen präpariert, deren Kinder, Partner, Freunde jetzt in den Bankreihen der Kirche sitzen. Das viele Üben hat sich gelohnt. Obwohl nur wenige Gesangserfahrung haben, gelingt der Auftakt zur Andacht angemessen und würdig.

Den Körper kennen, die Menschlichkeit bewahren

Sie beginnen mit dem Stück "In alle Ewigkeit", zwei Studenten haben es extra für den heutigen Tag geschrieben. Auch Wünsche der Hinterbliebenen werden erfüllt, zwei Studenten singen Frank Sinatras Abschieds-Klassiker "My Way".

Dann erzählen die Studenten von ihrer Arbeit an den Körperspendern. Ein zierliches Mädchen beginnt. Sie schaut kurz auf, in die Gesichter der Familien und Freunde. Dann spricht sie nüchtern und mit fester Stimme, fast wie bei einem Referat an der Uni, über freigelegte Muskeln und Organe.

Als sie das erste Mal vor einer Leiche stand, sagt sie, habe sie an die Angehörigen gedacht, die einen lieben Menschen verloren haben. Und an die Lebensgeschichte hinter dem leblosen Körper und daran, was dieser Mensch mit seiner Spende geleistet hat.

Eine andere Studentin erklärt, wie wichtig der Entschluss der Verstorbenen, sich für die Lehre herzugeben, für die angehenden Mediziner sei. Die Leichen seien unverzichtbar, denn ein guter Arzt könne nur werden, wer den menschlichen Körper kenne und zugleich die Menschlichkeit bewahre.

Selbst den Körper spenden? "Ich hätte nicht den Mut"

Eine kleine Gruppe begleitet die Andacht musikalisch mit Flügel, Saxofon und Gitarre, dazu verlesen zwei der angehenden Mediziner die Namen der 40 Spender. Für jeden wird eine Kerze entzündet. Im flackernden Licht trocknen Angehörige ihre Tränen.

Hätten auch die Studenten den Mut, für den sie den Spender in ihrer Andacht danken? Nein, ihren Körper auf einem Metalltisch aufschneiden lassen, das könne sie sich nicht vorstellen, sagt eine junge Frau nach der Andacht. "Ich habe nicht genug Mut dazu", sagt sie.

Für die Chormitglieder liegt die Entscheidung ohnehin noch fern. Erst ab dem 50. Lebensjahr werden Körperspenden von der Anatomie der Rostocker Uni angenommen. Allerdings haben die meisten der Anfang 20-Jährigen einen Organspendeausweis, auch Studentin Anne. "So kann ein Leben schließlich direkt gerettet werden", sagt sie.

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