Medizinertest 2.0 Totgesagte leben länger

Vor zehn Jahren wurde der Medizinertest verscharrt, jetzt fährt er wieder aus der Gruft. Wer in Baden-Württemberg Medizin studieren will, kann damit seine Chancen verbessern, muss sich aber sputen: Stichtag ist der 15. Januar - und viele Abiturienten wissen davon nichts.

Von Frank van Bebber


Mangelnde Fürsorge ist den Test-Organisatoren nicht vorzuwerfen: Sie erinnern die Studienbewerber sogar daran, ein Sitzkissen mitzubringen. Das Abfragen von Auffassungsgabe, Konzentrations- und Denkvermögen dauert fünf Stunden, Pausen nicht eingerechnet. Strenge Ausweiskontrollen und Handyverbot sollen am Tag X, dem 19. Mai 2007, zudem Pfusch verhindern. Zeitgleich werden dann an 16 Orten in Deutschland jene Testbögen ausgeteilt, die über die Chance auf einen Studienplatz für Human- oder Zahnmedizin in Baden-Württemberg entscheiden. Tausende Teilnehmer werden für Szenen sorgen, wie es sie zuletzt vor zehn Jahren gab. In Kiel ist die Ostsee-, in Dortmund die Westfalenhalle reserviert, in Ulm, Stuttgart und Freiburg die Messe.

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Von den achtziger Jahren bis 1997 wurden schon einmal bundesweit alle Abiturienten mit Wunschberuf Arzt durch den Medizinertest geschleust. Millionenkosten und sinkende Bewerberzahlen waren die Gründe, ihn wieder abzuschaffen. In den letzten Jahren wetterte die Politik dann gegen die zentrale Vergabe von Studienplätzen. Folge für die Medizin-Fakultäten: Nur 40 Prozent der Anfänger lässt die ZVS weiter nach purer Abi-Note oder Wartezeit zu. 60 Prozent müssen die Universitäten aus den restlichen ZVS-Bewerbern selbst auswählen und dürfen dabei laut Gesetz den Abi-Schnitt nicht allein zum Maßstab machen.

Das ist zeitraubend und teuer. Für 1222 Medizin-Anfängerplätze in Baden-Württemberg zählte die ZVS zuletzt 22.631 Bewerbungen, eine allerdings durch Mehrfachbewerber aufgeblähte Zahl. Die Medizinfakultäten im Südwesten verständigten sich darum auf den neuen, alten Test. "Die Datenlage ist eindeutig: Test und Abitur sagen den Studienerfolg am besten vorher", sagt Koordinatorin Martina Kadmon, im Hauptberuf Ärztin an der Uni-Klinik Heidelberg. Auch für die Kosten fand sich eine Lösung. Statt wie vor zehn Jahren der Staat zahlen heute die Bewerber. 50 Euro kostet die Teilnahme.

Teilnahme freiwillig, aber nötig

Ausgearbeitet hat den Test die Firma ITB-Consulting in Bonn, deren Experten auch den alten Medizinertest verantworteten. Chefentwickler Professor Günter Trost sagt: "Der Test hat den Ehrgeiz, eine Miniatursimulation der typischen Studienanforderungen zu sein." Es gehe um Textverständnis, mehrdimensionales Denken und Sorgfalt unter Zeitdruck. Als Service wird die Firma im Internet Musteraufgaben und den Testablauf veröffentlichen. Zudem gibt es im Buchhandel zwei vollständige alte Versionen.

Vor Angeboten kommerzieller Trainer warnt Trost: "Das bringt keinen weiteren Gewinn." Kurzfristig könne sich niemand die geprüften Fähigkeiten antrainieren. Erst im Sommer hatte ITB-Consulting mit dem Hochschul-Informations-System in Hannover (HIS) eine Studie über Selbstauswahl von Studenten vorgelegt - ein Auftraggeber: die Landesstiftung Baden-Württemberg.

Das baden-württembergische Wissenschaftsministerium sieht im neuen Medizinertest auch keine schleichende Rückkehr zur zentralen Vergabe. Es gehe diesmal um Service, nicht um Zwang, sagt Sprecherin Marion Csiky. Im Ministerium ist forsch vom "Medizinertest 2.0" die Rede. Mit knapp 100.000 Euro finanziert das Land die Koordinierungsstelle.

In der Tat: Der Test ist derzeit für Bewerber freiwillig - aber ohne ihn besteht wohl kaum eine Chance auf einen jener Plätze, die die Universitäten selbst vergeben. Und die Fakultäten entscheiden in Eigenregie, wie sie die Testergebnisse im Vergleich zu Abi-Note oder Berufserfahrung gewichten. Für die Bewerber wichtig: Durch den Test können sich ihre Chancen nur verbessern, nicht aber verschlechtern.

Das Beispiel könnte bundesweit Schule machen

Viele Studieninteressenten wissen allerdings noch gar nichts vom Test: Erst jetzt schaltet manche Fakultät Informationen im Internet frei. Experten fürchten, dass den meisten Interessierten die Bedeutung des Stichtags 15. Januar gar nicht bewusst ist. Bis dann muss sich anmelden, wer ab Wintersemester 2007 oder Sommersemester 2008 in Baden-Württemberg Medizin studieren will - also der künftige Abiturient ebenso wie mögliche Bewerber im Wehr- und Zivildienst oder anderen Warteschleifen. Der nächste Testtermin folgt erst wieder im Frühjahr 2008.

Mit dabei sind die Medizin-Fakultäten in Heidelberg, Mannheim, Tübingen, Ulm und Freiburg sowie die Zahnmediziner in Heidelberg, Ulm und Freiburg. Lob ernten sie von einer Ost-Universität: Als bundesweit erste hatte die Universität Leipzig 2005 wieder einen Medizinertest eingeführt. Die ITB-Experten erarbeiteten eine 90-Minuten-Ausgabe. Nächstes Jahr erreichen die ersten Testsieger das Physikum. Dann soll sich zeigen, ob der Test hält, was er verspricht.

Christian Epp, Test-Organistor in Leipzig, sagt: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Modell Baden-Württemberg auch bundesweit greifen wird." Seine Heidelberger Kollegin Kadmon berichtet von einer ganzen Reihe interessierter Fakultäten in anderen Bundesländern. Und die Rolle rückwärts zu zentral koordinierter Auswahl macht bei der Medizin nicht halt: In Baden-Württemberg haben die Uni-Rektoren beim Minister eine zentrale Servicestelle zur Platzvergabe für andere Fächer ins Gespräch gebracht.

Interessenten mit Traumjob Arzt und einem mauen Abitur sollten allerdings nicht zu sehr auf den neuen Test hoffen - die Zulassungshürden bleiben hoch. An der Universität Leipzig hat der Test nur die Reihenfolge unter besonders guten Einser-Abiturienten verschoben.



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