Der SPIEGEL

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19. September 2003, 09:26 Uhr

Medizinstudentin Anke Moll

"Wenn man schlecht arbeitet, schändet man die Leiche"

Vor dem "Präp-Kurs", einer Art Härtetest zum Studienbeginn, zittern viele angehende Ärzte. Anke Moll, 23, studiert im ersten Semester Medizin an der Berliner Humboldt-Universität und hat zum ersten Mal mit Skalpell und Pinzette eine Leiche präpariert.

UniSPIEGEL:

Wie geht's?

Anke Moll: Besser.

UniSPIEGEL: Warst du sehr aufgeregt?

Anke: Ja. Ich hatte ein flaues Gefühl im Magen und schwere Beine. Ich wusste nicht, ob ich umkippe, wenn die Leiche ausgepackt wird. Jetzt bin ich erleichtert, dass es vorbei ist.

UniSPIEGEL: Habt ihr vorher darüber geredet?

Anke: Klar. Die Jungs haben versucht, das Ganze ein bisschen lockerer zu sehen. Einer erzählte, er habe schon mal eine Leiche mit rot lackierten Fingernägeln gesehen. Das fand er todschick. Da konnte ich mir das Lachen nicht verkneifen. Solche Witze dienen dazu, die eigene Angst zu überwinden.

UniSPIEGEL: Was schoss dir durch den Kopf, als die Leiche vor dir lag?

Anke: Ich wollte sie am liebsten zudecken, warm halten, weil sie so kalt und steril aussah.

UniSPIEGEL: Hast du dir einen Toten so vorgestellt?

Anke: Nein. Ich dachte, eine Leiche sieht aus wie ein Mensch, der schläft. Aber das stimmt nicht. Sie sah eher aus wie eine Wachspuppe. Die Haut ist gelblich-bräunlich wie Leder. Mit einem Menschen, der lebt, hat so eine Leiche überhaupt nichts zu tun.

UniSPIEGEL: Bist du dem Geheimnis des Lebens auf die Spur gekommen?

Anke: Ich habe so klar wie nie zuvor gespürt, dass unser Dasein endlich ist. Und mir ist bewusst geworden, dass es eine menschliche Seele geben muss, dass es neben dem Körper noch etwas anderes gibt, was das menschliche Leben ausmacht.

Medizinstudenten mit Anatomiepuppe: "Die Leiche sah eher aus wie eine Wachspuppe"
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Medizinstudenten mit Anatomiepuppe: "Die Leiche sah eher aus wie eine Wachspuppe"

UniSPIEGEL: Hast du auch darüber nachgedacht, was das wohl für ein Mensch gewesen sein mag, der da vor dir lag?

Anke: Zum Glück bleibt der Kopf der Leiche in diesem Semester noch abgedeckt. Im Gesicht drücken sich Persönlichkeit und Charakter am meisten aus, das möchte ich nicht sehen, während ich schneide. Trotzdem ging mir der Gedanke durch den Kopf, wie es wohl wäre, wenn mein Großvater da liegen würde.

UniSPIEGEL: Was genau habt ihr gemacht?

Anke: Jeder durfte sich ein Körperteil aussuchen, und dann haben wir begonnen, die Haut abzupräparieren. Man muss aufpassen, dass man nicht zu tief schneidet und die Fettschicht mit den Gefäßen und Nerven verletzt. Es ist gar nicht so einfach, mit der Pinzette die Haut zurückzuziehen, weil sie so zäh ist. Und vier Stunden Stehen strengt ganz schön an.

UniSPIEGEL: Wie riecht es eigentlich im Präpariersaal?

Anke: Nach neuen Kiefernmöbeln, denn die enthalten viel Formalin. Und damit werden die Leichen konserviert.

UniSPIEGEL: Was war das für ein Gefühl, mit dem Skalpell zu arbeiten?

Anke: Erst hat es mir widerstrebt, den Körper zu verletzen. Ich hab mich aber überwunden, klar. Dabei hatte ich schon den moralischen Anspruch, meine Sache gut zu machen.

UniSPIEGEL: Warum?

Anke: Wenn man schlecht arbeitet, schändet man die Leiche.

UniSPIEGEL: Ist es überhaupt möglich, die Würde des Leichnams zu bewahren?

Obduktion: Als Rechtsmediziner arbeiten manche Absolventen sogar freiwillig an Leichen
DPA

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Anke: Jetzt am Anfang sind wir noch zurückhaltend, voller Ehrfurcht. Aber ich denke, dass wir später, wenn die Leiche so gut wie auspräpariert ist, uns in ihrer Gegenwart ganz normal verhalten werden, über alles Mögliche reden. Ich bezweifle, dass da die Würde gewahrt bleibt.

UniSPIEGEL: Ist das der Preis von Forschung und Lehre?

Anke: Es ist nicht nötig, Leichen zu zerfleddern, um die Anatomie des Menschen zu studieren. Das könnte man auch anhand von Modellen machen, wie das in Holland der Fall ist.

UniSPIEGEL: Ist der Präpkurs eine Art Härtetest für Medizinstudenten?

Anke: Er gibt nicht mehr als einen Vorgeschmack auf all das Schlimme, was noch auf uns zukommen wird. Wenn man nicht mal den Präpkurs aushält, sollte man die Medizin lieber bleiben lassen.

Aufgezeichnet von Ulla Hanselmann


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