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17. März 2007, 09:16 Uhr

Medizinstudium

Britischen Unis gehen die Leichen aus

Der Präparierkurs gehört zum Pflichtprogramm für angehende Ärzte, an einbalsamierten Leichen erforschen die Studenten die Anatomie des Menschen. Etwa 1000 Spenderkörper verbrauchen britische Unis pro Jahr - jetzt allerdings werden die Leichen knapp.

Für viele Medizinstudenten ist der Präparierkurs der Höhepunkt der ganzen Ausbildung - für andere eher ein Gräuel. Nicht selten kippen Studenten im Labor um, wenn sie das erste Mal mit einem Skalpell die Hand einer Leiche sezieren müssen. Oder sich langsam über Arme und Beine zum Rücken durcharbeiten.

Massenvorlesung in Medizin: Britische Ärzte haben zu wenig Leichen
DDP

Massenvorlesung in Medizin: Britische Ärzte haben zu wenig Leichen

Im Saal kann es dabei eng werden. In Kleingruppen scharen sich die Medizinstudenten um eine Leiche, denn menschliches Lehrmaterial ist rar. Britische Studenten müssen in Zukunft noch ein bisschen näher zusammenrücken: Den Universitäten auf der Insel gehen die Leichen aus.

Rund 1000 Leichen benötigen die Ärzte pro Jahr für die Medizinerausbildung, aber nur rund 600 stehen den Studenten zurzeit zur Verfügung. Besonders eng ist die Situation in London.

Die britischen Ärzte befürchten, dass die Qualität der Medizinerausbildung durch den Mangel an toten Körpern sinkt. Zukünftige Patienten müssten darunter leiden, weil die Mediziner im Präparierkurs nicht genügend üben könnten. "Ich habe Zweifel daran, dass Studenten, die nur durch Beobachtung lernen, in irgendeinem Maß kompetent oder selbstbewusst operieren können", sagt Dick Rainsbury, Ausbildungsleiter am Royal College of Surgeons.

Schon im vergangenen Jahr hatte der britische Gesundheitsbeamte Liam Donaldson einen Brief an alle britischen Ärzte geschickt. Sie sollten ihre Patienten dazu ermutigen, ihren Körper nach dem Tod als Präparat zur Verfügung zu stellen. Die Spender müssen sich ausdrücklich dazu bereit erklären, ihren Körper für Studienzwecke zu spenden. Im vergangenen Jahr wurde die Regelung verschärft. Die Erklärung muss seitdem schriftlich und in Anwesenheit eines Zeugen verfasst werden.

Nach dem Tod werden die Leichen gespült und mit Formalin präpariert. Rund eineinhalb Jahre später kommen die Körper in die Seziersäle. Die Leichen dienen entweder als Dauerpräparate oder werden nach dem Präparierkurs verbrannt.

mer/Reuters

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