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Medizinstudenten protestieren: "Nicht alle wollen Hausarzt werden"

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Neue Regeln fürs Medizinstudium Hausarzt werden ohne Zwang

Deutsche Medizinstudenten jubeln: Der Bundesrat hat gegen Pläne einiger Länder gestimmt, angehende Ärzte für mehrere Monate in eine Hausarztpraxis zu schicken. Die Wahlfreiheit im Praktischen Jahr bleibt damit erhalten. Um sechs Wochen bei einem Hausarzt kommen Studenten aber nicht herum.
Von Heike Sonnberger

Medizinstudenten und medizinische Fachgesellschaften hatten sich monatelang gegen mehr Zwang in der Ausbildung von Nachwuchsärzten gewehrt. Sie waren zumindest teilweise erfolgreich: Der Bundesrat stimmte gegen die Pläne einiger Länder, angehende Mediziner in ihrem Praktischen Jahr (PJ) zu mindestens drei Monaten in einer Hausarztpraxis zu verpflichten.

Bisher ist das letzte Jahr des Medizinstudiums in drei viermonatige Abschnitte geteilt: Chirurgie, Innere Medizin und ein Wahlfach. Nach viel Hin und Her soll das nun auch so bleiben. Die Anträge von Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen, drei verpflichtende Monate in der Allgemeinmedizin in die Approbationsordnung für Ärzte aufzunehmen und dafür die anderen Stationen um je einen Monat zu kürzen, lehnte der Bundesrat am Freitag ab. Ebenso war der Vorschlag gescheitert, sogar einen viermonatigen Pflichtabschnitt in der Allgemeinmedizin einzuführen.

"Es ist perfekt gelaufen, das hätten wir nicht erwartet", sagte Christian Kraef, 22, Koordinator für Gesundheitspolitik bei der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd). In den vergangenen Tagen hatten Studenten unter anderem in Köln, Berlin, Freiburg und Leipzig gegen eine Einschränkung der Wahlfreiheit im PJ demonstriert.

Der Pflichtabschnitt sollte mehr Studenten dazu bringen, später in einer Hausarztpraxis zu behandeln - und damit dem Ärztemangel auf dem Land entgegenwirken. Studentenvertreter hatten jedoch stets davor gewarnt, dass mehr Zwang nicht zu mehr Begeisterung führen werde.

"Herz und Hirn der Studierenden gewinnen"

Stattdessen müssen die Universitäten bis 2019 so viele Ausbildungsplätze in Hausarztpraxen sicherstellen, dass theoretisch alle rund 10.000 PJ-ler eines Jahrgangs drei Monate bei einem Hausarzt verbringen könnten. Bisher steht für weniger als zehn Prozent der Studenten ein Platz in der Allgemeinmedizin zur Verfügung. Außerdem sieht die neue Approbationsordnung vor, dass Medizinstudenten künftig vor dem PJ insgesamt sechs Wochen praktische Erfahrungen bei einem Hausarzt sammeln müssen. "Damit können wir leben", sagte Kraef.

Bevor die Approbationsordnung in Kraft treten kann, muss das Bundesgesundheitsministerium die Änderungen noch absegnen. Ein Sprecher sagte, man begrüße den Verzicht auf einen Pflichtabschnitt, der die Wahlfreiheit der Studenten eingeschränkt hätte.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (Degam), die sich sehr für ein Pflichtquartal starkgemacht hatte, sprach von einer verpassten Chance. Jetzt wolle man die Herausforderung annehmen, den Ärztenachwuchs für einen freiwilligen Abschnitt in der Allgemeinmedizin zu begeistern. "Wir werden Herz und Hirn der Studierenden gewinnen und durch eine neue, für viele Studierende noch unbekannte Ausbildungsqualität überzeugen", sagte Degam-Präsident Ferdinand Gerlach. Alle Studenten könnten von einigen Monaten in Hausarztpraxen profitieren - auch wenn sie später nicht diesen Beruf ergreifen wollen, sagte er.

Hormos Dafsari, Medizinstudent aus Köln und Sprecher der bvmd, sagte: "Ich könnte mir schon vorstellen, eines Tages mal als Hausarzt zu arbeiten, aber man darf da nicht sofort reingezwungen werden." Er begrüßte viele andere Änderungen, die neu ins Ausbildungsrecht der Ärzte aufgenommen wurden. So soll zum Beispiel die Mobilität im Praktischen Jahr verbessert werden. "Vorher konnte ich für mein PJ einfacher nach Namibia gehen als nach Stuttgart", sagte Dafsari.