Medizinstudium Meine erste Leiche

Wer Medizin studiert, muss Leichen aufschneiden. Oft ist der Präparierkurs die erste Begegnung mit einem Verstorbenen. Hier erzählt Studentin Jing Wu, wie sich eine Tote anfühlt.

Medizinstudenten beim Sezieren einer Leiche (Symbolbild)
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Medizinstudenten beim Sezieren einer Leiche (Symbolbild)


Wir wussten alle, was unter den blauen Plastikplanen lag. Als wir Erstsemester in unsere erste Präparierstunde kamen, starrten wir angespannt auf die vielen metallenen Tische, die im Halbkreis in dem kühlen Raum standen. Wir waren so aufgeregt.

Ich ging mit neun weiteren Studenten zu unserem Präpariertisch. Unser Dozent deckte die Plane so auf, dass zunächst die Füße zum Vorschein kamen. Nach und nach erblickten wir die Beine, den Rumpf und die Arme und Hände. "Ich lasse den Kopf erst mal bedeckt, wir beginnen ganz langsam." Da lag sie also, unsere Leiche.

Einige Zeit später nannten wir sie "unsere Omi", aber das wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Stattdessen blickten wir stumm auf den Körper, an den wir nun fast jeden zweiten Tag stehen und präparieren würden.

Es kam mir vor, als starrten wir die Leiche stundenlang an, unwissend, wie genau wir uns ihr annähern sollten und darauf wartend, dass jemand den ersten Schritt machte. Zu meiner Linken ging ein Kommilitone näher zu dem Tisch und legte seine Hand auf ihren Arm. Wir anderen hielten den Atem an. Er befühlte ihre Hand, ihren Bauch - und wir taten es ihm gleich.

Ich hatte zum ersten Mal eine Leiche angefasst

Zuerst tippte ich sie nur vorsichtig an und zog meine Hand reflexartig zurück. Nun hatte ich es also getan: Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben eine Leiche angefasst. Sie fühlte sich kalt und hart an. Dennoch war die Berührung nicht so befremdlich, wie ich befürchtet hatte. Ich legte meine Hand noch mal auf ihren Körper, diesmal ließ ich sie dort ruhen. "Seid ihr bereit?", fragte uns unser Dozent.

Seine Hände lagen auf der Plane, die noch den Kopf der Leiche bedeckte. Wir machten ein Geräusch, das man als Zustimmung interpretieren konnte und er deckte sie sanft auf. Die Augen der Frau waren geschlossen, den Mund hatte sie leicht geöffnet. Sie schien in einen starren Schlaf verfallen zu sein.

Der Unterricht begann. Wir lernten, das Skalpell richtig in die Klinge einzusetzen und die Pinzette zu halten. Wir lernten vorsichtig zu schneiden und das Fett unter der Haut wegzuschaben.

Nach und nach legten wir innerhalb eines Dreivierteljahres alle Strukturen im Körper der Frau frei. Wir begutachteten die Leber, nahmen ihr Herz in die Hand, schnitten das Gehirn in Scheiben, während wir die anatomischen Grundlagen durchgingen und uns gegenseitig abfragten.

Bei all dem Lernstoff blendeten wir oft während des Präparierkurses unsere Fragen an die Körperspenderin aus. Dabei hätten wir nur zu gern mehr über sie gewusst. Wer war diese Frau, deren Inneres wir bis ins Detail kannten, deren Namen wir aber aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht wissen durften? Was hatte sie für ein Leben gehabt und was hatte sie dazu bewogen, sich bei der Anatomie zu melden und uns ihren Körper zur Verfügung zu stellen?

Ich selbst bin mir nicht sicher, ob ich eines Tages meinen eigenen Körper auf einen Präpariertisch legen lassen würde. Umso mehr bewundere ich Menschen, die sich zu Lebzeiten dafür entschieden haben.

Körperspender tragen wesentlich zur Ausbildung bei

Der Tag unseres letzten Testates war der Tag des Abschieds von "unserer Omi". Ich war die Letzte in meiner Gruppe, die geprüft wurde. Am Ende deckten mein Dozent und ich die Leiche wieder zu. Damit hatte die Frau, deren Körper wir so viele Stunden studiert hatten, ihren letzten Dienst für die Menschheit, ihren letzten Dienst für die Medizin getan. Ich versuchte der Leiche ein "Dankeschön" zuzuflüstern, aber weil noch andere um mich herumstanden, kam ich mir etwas merkwürdig vor und das Wort blieb mir im Hals stecken. Deshalb jetzt an dieser Stelle: Danke!

Zur Autorin
  • Tobias Hartmann
    Jing Wu, 20, hat 2014 in Nordrhein-Westfalen das Abitur gemacht und studiert seitdem Medizin in München. Sie möchte als Wissenschaftsjournalistin über medizinische Themen schreiben - aber nicht auf Fachchinesisch, sondern so, dass jeder sie versteht. Wenn Jing nicht gerade studiert, findet man sie auf großen und kleinen Poetry-Slam-Bühnen.
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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
Pixopax 17.10.2016
1.
Das ist ein schöner Bericht, man fragt sich selbst, wer sie wohl war, vielleicht selbst eine Ärztin, vielleicht war sie alleinstehend, oder hatte Familie? Es macht sicher mehr Sinn, seinen Körper zum Wohle der Bildung zu spenden, als ihn in der Erde vermodern zu lassen. Nur für die Angehörigen ist das sicher nicht leicht, wäre ich alleinstehend, würde ich es mir aber nach diesem Bericht überlegen. Meinen Kindern möchte ich das aber nicht antun, sie müssten damit leben, dass ich gerade irgendwo auf einem kalten Edelstahltisch liege und eine Reíhe angehender Ärzte gerade an mir herumpräpariert, ein unschöner Gedanke..
unglaeubig 17.10.2016
2. Nun ja.
Sehr geehrte Frau Wu, angesichts der Studienplatzsituation im Fach Medizin ist es ein Schlag ins Gesicht für abgewiesene Studienplatzbewerber, wenn sie lesen müssen, dass Menschen dieses Fach studieren, die nicht das Ziel haben, Arzt zu werden.
emobil 17.10.2016
3. sehe ich nicht so
Zitat von unglaeubigSehr geehrte Frau Wu, angesichts der Studienplatzsituation im Fach Medizin ist es ein Schlag ins Gesicht für abgewiesene Studienplatzbewerber, wenn sie lesen müssen, dass Menschen dieses Fach studieren, die nicht das Ziel haben, Arzt zu werden.
es gibt unzählige Berufe im Gesundheitswesen - und die werden auch dringend gebraucht, in denen ein gutes ärztliches Studium erforderlich ist, aber nicht mit dem Ziel der Arbeit am Patienten.
Kerze der Freiheit 17.10.2016
4.
Zitat von unglaeubigSehr geehrte Frau Wu, angesichts der Studienplatzsituation im Fach Medizin ist es ein Schlag ins Gesicht für abgewiesene Studienplatzbewerber, wenn sie lesen müssen, dass Menschen dieses Fach studieren, die nicht das Ziel haben, Arzt zu werden.
Das ist aber weniger die Schuld der Studentin, da es ja auch Ärzte in Ämtern und Fachpublikationen geben muss, sondern vielmehr die der Polititker, die sich weigern, mehr Medizinstudienplätze zu schaffen, und das dafür nötige Geld lieber für ihre übertrieben hohe Diäten und für blödsinnige Projekte ausgeben.
gruebi01 17.10.2016
5. Völlig falsch.
Zitat von unglaeubigSehr geehrte Frau Wu, angesichts der Studienplatzsituation im Fach Medizin ist es ein Schlag ins Gesicht für abgewiesene Studienplatzbewerber, wenn sie lesen müssen, dass Menschen dieses Fach studieren, die nicht das Ziel haben, Arzt zu werden.
Es ist durchaus zu begrüßen, wenn es mehr Ärzte gibt, die als Fachjournalisten medizinische Themen kompetent einem breiten Publikum vermitteln können. Der vorliegende Artikel zeigt schon, dass die Autorin ihr journalistisches Handwerk beherrscht und ich hoffe, dass sie nach Beendigung ihres Medizinstudiums auch weiterhin in Publikumszeitschriften und nicht nur in Fachzeitschriften ihre Artikel veröffentlicht.
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