Nach dem Abitur So studieren Sie Medizin ohne Spitzennoten

Schmerzen lindern, Menschen heilen, etwas Sinnvolles tun: Medizin ist für viele ein Traumberuf. Doch wer keinen Abi-Schnitt von 1,0 hat, muss oft jahrelang auf einen Studienplatz warten. Mit diesen Tricks klappt's auch früher.

Medizinstudentinnen in Leipzig (Archiv): Langes Warten oder Ausland
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Medizinstudentinnen in Leipzig (Archiv): Langes Warten oder Ausland


Noch nie mussten Abiturienten ohne Überfliegernoten so lange auf einen Studienplatz für Medizin warten: Die aktuelle Höchstdauer liegt bei 14 Semestern. Gezählt wird die Zeit nach dem Abi, in der man nicht an einer deutschen Hochschule immatrikuliert war. Doch auch für Abiturienten, die keinen Spitzenschnitt haben und nicht so lange warten wollen, gibt es Hoffnung.

An staatlichen Hochschulen werden Medizinstudenten seit dem Wintersemester 2005/06 nach der 20-20-60-Regel ausgewählt. Demnach werden die Plätze wie folgt vergeben:

  • 20 Prozent gehen an die besten Abiturienten,

  • 20 Prozent werden nach Wartezeit vergeben,

  • und 60 Prozent vergeben die Unis nach eigenen Auswahltests.

Bei diesen Verfahren wählt die Hochschule meist nicht nur nach der Abi-Note der Bewerber aus, sondern schaut auch darauf, ob sie eine Berufsausbildung, etwa als Rettungssanitäter oder Krankenpfleger, abgeschlossen oder Praktika absolviert haben. Zudem können Auswahlgespräche eine Rolle spielen oder die Medizinertests - Uni-eigene Einstufungstests für Medizin.

"Je nach Testergebnis vergeben die Universitäten unterschiedlich hohe Boni", erklärt Kerstin Lütge-Varney von der Stiftung für Hochschulzulassung hochschulstart.de. Ein Ergebnis von über 90 Prozent kann zum Beispiel einen Bonus von 0,6 auf die Abiturnote ausmachen.

Aber es gibt auch andere Wege, an einen Medizinstudienplatz zu kommen. Eine Übersicht:

  • Die Bundeswehr: Sie hat ein eigenes Kontingent an Studienplätzen für Medizin. Das sind deutschlandweit 2,2 Prozent. Ob man über die Bundeswehr Medizin studieren darf, hängt davon ab, wie gut man beim Eignungsfeststellungsverfahren für Offiziersanwärter abschneidet. Zudem muss man sich 17 Jahre lang verpflichten, allerdings erhält man in dieser Zeit auch ein Gehalt.

  • Auslandsstudium: Man kann auch im Ausland Medizin studieren. Beliebt sind Österreich und Ungarn, wo es deutschsprachige Medizinstudiengänge gibt. Zudem bieten viele Universitäten Studiengänge auf Englisch an, zum Beispiel in osteuropäischen Ländern wie Lettland, Polen und Tschechien. Die Zulassung läuft je nach Uni unterschiedlich ab - es gibt zum Beispiel Aufnahmetests, in denen vor allem naturwissenschaftliche Kenntnisse abgefragt werden. Andere Unis entscheiden nur anhand der Bewerbungsunterlagen. "Mit einem Schnitt bis zu 2,3 oder 2,4 sind die Chancen zum Beispiel in Riga ganz gut", sagt Alexandra Michel, Geschäftsführerin bei der Vermittlungsagentur College Contact. Wer innerhalb der Europäischen Union Medizin studiert, dessen Abschluss wird in Deutschland laut Bundesärztekammer aufgrund der Berufsanerkennungsrichtlinie im Prinzip automatisch anerkannt. Will man mit einem Abschluss arbeiten, den man außerhalb der EU erworben hat, wird im Einzelfall entschieden, ob er anerkannt wird.

  • Die Studienplatzklage: Wer sich auf einen Studienplatz einklagt, kann gegen die Vergabeverfahren vorgehen oder auf die sogenannten außerkapazitären Studienplätze setzen. "Das sind Plätze, die aufgrund falscher Kapazitätsberechnung der Universitäten nicht ausgeschrieben sind", erklärt Mechthild Düsing, Hochschulrechtsexpertin beim Deutschen Anwaltverein. "Die Kosten sind allerdings enorm", sagt sie. Eine Klage gegen eine Universität koste mindestens tausend Euro. Ist das Verfahren gewonnen, hat man den Studienplatz allerdings noch nicht sicher. Normalerweise werde gelost, wenn es mehr Kläger als freie Plätze an den Unis gebe.

  • Losverfahren: Gelost wird auch nach Abschluss des Hauptauswahlverfahrens an deutschen Universitäten. Die Note ist dann vollkommen irrelevant. Wer teilnehmen will, muss sich direkt bei den Hochschulen dafür einschreiben. Aber Vorsicht: Auch hier gibt es Fristen.

kha/dpa

insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
Khaled 20.08.2015
1. Der Medizinertest
hätte niemals abgeschafft werden dürfen! Ich hätte mit der wenig glamourösen Note meines Mathe- und naturwissenschaftlich basierten Abiturs wahrscheinlich ewig auf einen Studienplatz gewartet, dank der Testbestenquote konnte ich aber an den ganzen Einser-Abiturienten vorbeiziehen und sofort studieren. Dafür werde ich mein Leben lang dankbar sein.
butzibart13 20.08.2015
2. drei Beispiele
Sohn eines entfernten Bekannten von mir: Abi-Note: 2,7(demnach für das Medizinstudium ungeeignet), kommt über das Losverfahren rein, schafft sein Studium in kürzester Zeit mit Supernoten, praktiziert heute als Facharzt in einem Krankenhaus; Tochter einer Bekannten: Abi-Note:1, bricht Medizinstudium nach gewisser Zeit ab, ihr fehlt das Gefühl für den Umgang mit Menschen; weitere Tochter einer Bekannten: Überflieger in der Schule, patzt beim Abitur, versucht über die Schiene Rettungsassistent zum Studium zu kommen, was dann doch scheitert.
sucher533 20.08.2015
3. Tricks?
Das sind keine Tricks, sondern nur Ausweichmöglichkeiten. Das Losverfahren sollte gleich abgeschafft werden. Klagen würden sich bei einem einheitlichen Auswahlverfahren erübrigen. Wo ist das Problem, wenn man sich hier bewirbt und nach Abiturzeugnis, Vorkenntnissen im med. Bereich etc. bewertet wird? Das Ausweichen ins Ausland wird speziell von den Österreichern nicht gern gesehen. Da wir auch in Zukunft (seit mind. 20 Jahren absehbar) eine erhöhte Studienanzahl im Medizinbereich in Deutschland brauchen, sollte die Anzahl der Studienplätze in diesem Bereich erhöht werden. Und das alles ohne Tricks!
guspe 20.08.2015
4. Schlecht recherchiert
"Bei diesen Verfahren wählt die Hochschule meist nicht nur nach der Abi-Note der Bewerber aus, sondern schaut auch darauf, ob sie eine Berufsausbildung, etwa als Rettungssanitäter oder Krankenpfleger, abgeschlossen oder Praktika absolviert haben." Ich habe vor meinem Medizinstudium selbst 12 WS gewartet und vorher eine Krankenpflegeausbildung abgeschlossen. Für alle die den Artikel hier lesen und sich zuviel Hoffnung machen. Informiert euch selber nochmal in Ruhe. Meine Tipps: 1. Ausbildung und Warten, nebenher Geld verdienen und sparen falls möglich. 2. Kredit aufnehmen oder Eltern abpumpen und im Ausland studieren ( zu ende) denn zurück nach Deutschland wechseln ist schwierig. 3. Vorher was anderes studieren z.B. Biologie auf Master und sich dann mit dem Masterabschluss auf Medizin bewerben. 4. Den TMS machen, aber nur wenn man einen NC von mindestens 1.6 hat! Aber Vorsicht! In NRW erkennt nur Bochum den Test an, ansonsten nur Unis in Baden Württemberg und Bayern. Viel Erfolg an alle Wartenden!
anderermeinung 20.08.2015
5. kleiner Hinweis:
Bundeswehr: Offizieranwärter und -innen (daran denkt vielleicht nicht jede auf Anhieb). Eigene Auswahltests: Möglicherweise nützt auch Vitamin B?
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