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Probelauf für künftige Ärzte: Wie Unis ihre Medizinstudenten auswählen

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Schaulaufen der Medizin-Studenten Künftige Ärzte treten zum Casting an

Erfolgreich im Sport, Erfahrung als Masseur, Teilnahme bei "Jugend forscht": Mit kruden und oft nicht vergleichbaren Kriterien wählen viele Unis ihre Medizinstudenten aus. In Hamburg müssen künftige Ärzte sich jetzt in kleinen Rollenspielen beweisen - und machen zugleich bei einem Experiment mit.
Von Annick Eimer

Der Pfiff einer Trillerpfeife schallt durch den Gang im Seminargebäude des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Acht Türen schlagen. Nach fünf Minuten ertönt erneut der schrille Pfiff, und wieder schlagen acht Türen.

Es ist Auswahltag. Rund 300 Abiturienten, die Medizin studieren wollen, geben hier ihr Bestes. Sie haben schon einige Hürden genommen, jetzt müssen sie nur noch durch die Türen der Uni-Klinik gehen.

"Mini-Interviews" heißt diese letzte Station des Hamburger Auswahlverfahrens für Mediziner. Hinter jeder Tür verbirgt sich eine Überraschung. Mal muss der Bewerber einen Filmausschnitt kommentieren, in dem eine typische Krankenhausszene gezeigt wird. Mal muss er die Fragen eines Patientenschauspielers beantworten, dabei einfühlsam sein oder auch streng. Genau fünf Minuten dauert jede Aufgabe, dann ertönt das schrille Kommando zum Zimmerwechsel.

Wer es bis hierhin geschafft hat, hat schon drei Voraussetzungen erfüllt: Seine Abiturnote war nicht schlechter als 1,9. Er hat die Uni Hamburg auf Rang eins seiner Lieblingsstudienorte angegeben. Und er hat einen dreistündigen Test in Biologie, Chemie, Physik und Mathematik bestanden.

Wie Mediziner früher verschickt wurden

Eine von ihnen ist Elisa. Ihr Abi hat sie in Rheinland-Pfalz mit 1,2 abgeschlossen, allerdings mit den Leistungskursen Musik, Französisch und Geschichte. Das macht ihr ein bisschen Angst: "Chemie hatte ich sogar seit der 10. Klasse nicht mehr". Ob es tatsächlich ein Medizinstudium werden soll, da ist sie sich noch nicht ganz sicher. "Meine Eltern sind beide Ärzte. Ich weiß nicht, ob ich in ihre Fußstapfen treten will." Für Architektur und Biotechnologie hat sie sich sicherheitshalber auch beworben. Und hat eines schon gelernt: Die komplizierteste Bewerbung ist die für das Medizinstudium.

Früher war das einfacher. Da wurden die Studienanwärter von der Zentralen Vergabestelle für Studienplätze, kurz ZVS, den Unis zugeteilt. In unbeliebteren Uni-Städten fanden Postkarten mit Sprüchen wie "ZVS-verschickt" oder "Leider keine Grüße aus Göttingen" reißenden Absatz. Einzige Auswahlkriterien damals: die Abiturnote, Wartezeit und - bis Mitte der neunziger Jahre - das Ergebnis des Mediziner-Tests.

2005 hatte das Verschicken ein Ende. Mit dem Ziel, die Zahl der Studienabbrecher zu senken, hatte der Wissenschaftsrat empfohlen, den Unis die Auswahl ihrer Studenten zu übertragen. Eine Vorauswahl sollte sicherstellen, dass nur diejenigen mit dem Studium beginnen, die tatsächlich das Zeug dazu haben.

Ein bunter Katalog unterschiedlichster Kriterien

Mittlerweile organisiert der holperig gestartete ZVS-Nachfolger hochschulstart.de das Bewerbungsverfahren, vergibt selbst aber nur 40 Prozent der rund 9000 Medizinstudienplätze. 20 Prozent gehen an die Jahrgangsbesten, 20 Prozent an solche, die schon länger auf der Warteliste stehen. Für die restlichen 60 Prozent der Plätze dürfen die Unis sich die Studenten selber aussuchen. Einzige Vorgabe: Zu 51 Prozent entscheidet die Abiturnote über die Vergabe. Bleiben 49 Prozent, für die sich die einzelnen medizinischen Fakultäten eine Menge haben einfallen lassen.

Die von hochschulstart.de herausgegebene Broschüre, in der die Unis ihre Auswahlverfahren beschreiben, wirkt wie eine bunte Experimentierwiese. Einige Unis haben den Medizinertest wieder eingeführt. Andere laden zu Auswahlgesprächen mit Ärzten und Professoren. Mal bekommen die Abiturnoten in den naturwissenschaftlichen Fächern ein besonderes Gewicht. Mal wird eine bestimmte Berufsausbildung auf die Abi-Note angerechnet.

An der Uni Freiburg etwa haben Abiturienten mit Erfahrungen als Masseur oder Orthopädieschuhmacher bessere Chancen als andere Schulabgänger mit der gleichen Abschlussnote. Die Unis Heidelberg und Tübingen halten einen gewonnen Preis bei einer Naturwissenschaften-Olympiade oder eine gute Platzierung bei "Jugend forscht" für ein gutes Kriterium. In Mannheim gilt es als Plus, Sportler in einer olympischen Disziplin zu sein. Es zeigt sich, wie schwierig die Aufgabe ist, vor die der Wissenschaftsrat die Unis gestellt hat. Wie soll man bloß herausfinden, ob sich jemand für das Medizinstudium eignet?

Anders als Unternehmen können Unis nicht auf Erfahrungen aus langjährig erprobten Auswahlverfahren zurückgreifen. Fachpublikationen dazu sind selten. Es gibt zwar ein paar Untersuchungen, aus denen hervorgeht, dass die Abiturnote sich ganz gut als Kriterium für eine Vorhersage über den Studienerfolg eignet. Insgesamt aber ist die Datenlage mehr als dürftig.

Wie es zum Bewerbungsdschungel kam

Das Ergebnis: ein Bewerbungsdschungel. Kaum eine der gut drei Dutzend Unis, an denen man in Deutschland Medizin studieren kann, hat vergleichbare Aufnahmekriterien. Die Schüler müssen rechnen, ihre Erfolgsaussichten abwägen und am besten frühzeitig planen, wie sie ihre Chance auf einen Studienplatz verbessern.

Elisa würde gerne in Hamburg studieren, hat sich aber auch in Kiel beworben. Dort hat nämlich ein ordentliches Plus, wer in einer naturwissenschaftlichen Abi-Prüfung volle 15 Punkte vorweisen kann. Weil Elisa in ihrer mündlichen Bio-Prüfung genau das geschafft hat, geht sie jetzt nicht mit der eigentlich erreichten Abi-Note von 1,2 ins Rennen, sondern mit einer virtuellen 0,7.

Fragwürdig findet Wolfgang Hampe einige der Kriterien, nach denen die Unis auswählen. Der Wissenschaftler ist für das Verfahren der Uni Hamburg verantwortlich. "Wenn man einen Test entwickelt", sagt er, "muss man zwei Fragen vor Augen haben. Erstens: Was will ich mit dem Test prüfen? Zweitens: Wie kann ich überprüfen, ob ich tatsächlich die richtigen Bewerber mit dem Test ausgewählt habe?"

Hampe hat aus dem Hamburger Verfahren eine wissenschaftliche Untersuchung gemacht. Am Auswahltag sind rund 120 Helfer im Einsatz: Juroren, Laienschauspieler, studentische Hilfskräfte, die die Bewerber durch den Tag schleusen, und wissenschaftliche Mitarbeiter, die die Ergebnisse auswerten. Etwa 600 Euro investiert das Forscherteam so in jeden Studienanwärter. Ohne Forschungsgeld könnte Hampe den Aufwand gar nicht finanzieren. Ihm zufolge ist es gut angelegt. "Die Ausbildung eines Mediziners kostet ungefähr 200.000 Euro. Wenn wir mit unserem Verfahren erreichen, dass nur ein einziger Student weniger das Studium abbricht, hat sich der Aufwand schon gelohnt."

Die ersten Ergebnisse des Hamburger Auswahlverfahrens sind vielversprechend: Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass diejenigen Studenten, die den Naturwissenschaften-Test gut bestanden hatten, später im Studium bessere Ergebnisse im Physikum erzielten.

Von den Mini-Interviews erhofft sich Hampe, dass sie Aufschluss darüber geben, ob jemand menschlich das Zeug zum Arzt hat. Auf das Ergebnis muss er allerdings noch ein paar Jahre warten - so lange bis die Studenten ins Berufsleben eintreten. Eine vergleichbare Untersuchung in Kanada ergab, dass die auf diese Weise ausgewählten Studenten später als Arzt gut klarkommen und von ihren Chefs gute Zeugnisse ausgestellt bekommen. Allerdings basiert die Studie auf einer geringen Probandenzahl und ist wie alle qualitativen Untersuchungen mit ein wenig Argwohn zu betrachten. Objektiv zu beurteilen, wie viel Einfühlungsvermögen jemand hat, ist eben schwierig.

Elisa zumindest hat der Auswahltag viel gebracht. Sie hat ihren Studienplatz in Hamburg ergattert. Und ist sich nun auch sicher, dass sie sich für das richtige Studium entschieden hat. "Die Interviews haben mir gezeigt, dass mir der Umgang mit Patienten liegt. Ich will jetzt unbedingt Ärztin werden."